Ästhetik

Ästhetik. Die Philosophie der schönen Künste oder die Wissenschaft, welche sowohl die allgemeine Theorie als die Regeln der schönen Künste aus der Natur des Geschmacks herleitet. Das Wort bedeutet eigentlich die Wissenschaft der Empfindungen, welche in der griechischen Sprache ....se. genannt werden. Die Hauptabsicht der schönen Künste geht auf die Erweckung eines lebhaften Gefühls des Wahren und des Guten [s. Künste], also muss die Theorie derselben auf die Theorie der undeutlichen Erkenntnis und der Empfindungen gegründet sein.

Aristoteles hat angemerkt, dass alle Künste vor der Theorie gewesen sein. Auch die besonderen Regeln sind eher bekant gewesen, als die allgemeinen Grundsätze, auf welche sie gebaut sind. Das glückliche Genie einiger Menschen hat verschiedene Werke hervor gebracht, welche gefielen, ehe man den Grund dieses Wohlgefallens erkannte. Aristoteles ist einer der ersten gewesen, der aus einzelnen Fällen Regeln hergeleitet: aber weder seine Dichtkunst, noch seine Redekunst, können als vollständige Theorien dieser Künste angesehen werden. In den besten Reden und Gedichten der ältern Griechen und seiner Zeitverwandten, hatte er dasjenige genau bemerkt, was allemal gefällt und daraus Regeln gemacht. Er blieb bei der Empfindung stehen, ohne sich zu bemühen, den Grund derselben zu entdecken, und ohne zu untersuchen, ob die Redner oder Dichter alle Fächer der Kunst erfüllt haben oder nicht.

Die Kunstrichter, welche nach diesem griechischen Weltweisen gekommen, haben seinen Fußstapfen gefolgt, neue Bemerkungen gemacht, die Anzahl der Regeln vermehrt, ohne neue Grundsätze zu entdecken. Unter den Neueren hat dü Bos, so viel ich weiß, zuerst versucht, die Theorie der Künste auf einen allgemeinen Grundsatz zu bauen und aus demselben die Richtigkeit der Regeln zu zeigen. [In dem bekanten schönen Werk: Reflexions sur la poesie & sur la peinture.] Das Bedürfnis, das jeder Mensch in gewissen Umständen fühlt, seine Gemütskräfte zu beschäftigen und seinen Empfindungen eine gewisse Tätigkeit zu geben, ist das Fundament seincr Theorie. Er hat sich aber begnügt, einige Hauptregeln auf dieses Fundament zu bauen, und ist im übrigen eben so empirisch verfahren, wie seine Vorgänger. Doch ist sein Werk voll vortrefflicher Anmerkungen und Regeln.

Unser Baumgarten in Frankfurt ist der erste gewesen, der es gewagt hat, die ganze Philosophie der schönen Künste, welcher er den Namen Ästhetik gegeben hat, aus philosophischen Grundsätzen vorzutragen. Er setzt die Wolffische Lehre, von dem Ursprung der angenehmen Empfindung, den dieser Weltweise in der undeutlichen Erkenntnis der Vollkommenheit zu finden geglaubt hat, zum Voraus. In dem theoreti schen Teil, dem einzigen, den er ans Licht gestellt hat, handelt dieser scharfsinnige Mann die ganze Lehre vom Schönen oder sinnlich Vollkommenen in allen seinen verschiedenen Arten ab und zeigt überall die denselben entgegengesetzten Arten des Hässlichen. Es ist aber zu bedauren, dass seine allzu eingeschränkte Kenntnis der Künste ihm nicht erlaubt hat, die Theorie weiter als auf die Beredsamkeit und Dichtkunst auszudehnen. Er hat auch bei weitem nicht alle Gestalten des Schönen beschrieben.

Man muss deswegen die Ästhetik unter die noch wenig ausgearbeiteten philosophischen Wissenschaften zählen. Da das gegenwärtige Werk nach der Absicht des Verfassers den ganzen Umfang dieser Wissenschaft enthalten sollte, wiewohl es keine systematische Gestalt hat, so gehört die Entwicklung des Plans der Ästhetik hierher.

Zuförderst musste die Absicht und das Wesen der schönen Künste festgesetzt werden [s. Künste]. Nachdem gezeigt worden, dass die Lenkung des Gemüts, durch Erregung angenehmer und unangenehmer Empfindungen, die Hauptabsicht der schönen Künste sei, so musste der Ursprung aller angenehmen und unangenehmen Empfindungen aus der Natur der Seele gezeigt oder aus den Untersuchungen der Weltweisen angenommen werden [s. Empfindung]. Hiernächst mussten nun die verschiedenen Hauptgattungen der angenehmen und un angenehmen Gegenstände angezeigt und ihre Wirkungen auf das Gemüt bestimmt werden [s. Ästhetisch; Kraft]. Die besonderen Arten des Angenehmen und Unangenehmen, bis auf die kleinsten Umstände, so viel deren, so wohl durch die Theorie als durch die aufmerksamste Betrachtung der Werke des Geschmacks, zu entdecken oder auch bloß zu erraten gewesen sind, mussten in hundert besonderen Artikeln sorgfältig zergliedert werden. Alle diese Artikel zusammen machen den theoretischen Teil der Philosophie der Künste aus.

In dem praktischen Teil derselben mussten die verschiedenen Arten der schönen Künste angezeigt, der besondere Charakter und der Umfang einer jeden festgesetzt werden [s. Künste; Dichtkunst; Beredsamkeit; Musik; Malerei und s. f.]. Zugleich musste die besondere Wendung des Genies, die nähere Bestimmung so wohl des angeborenen als des durch Nachforschung und Unterricht angenommenen Geschmacks, der zu jeder besonders erfordert wird, beschrieben, die vornehmsten Hilfsmittel, zu einer glücklichen Fertigkeit in jeder Kunst zu gelangen, angezeigt werden [s. Genie; Einbildungskraft; Begeisterung; Geschmack; Erfindung u. a.].

Jede schöne Kunst bringt Werke hervor, welche in ihrer innerlichen Einrichtung und durch ihre näher bestimmte Endzwecke sich von anderen unterscheiden. Alle Arten derselben sind besonders beschrieben. So ist in Ansehung der Dichtkunst die Natur des epischen, des lyrischen, des lehrenden Gedichts und anderer Arten; in Ansehung der Malerei das historische, das allegorische, das moralische und andere Gemälde, besonders beschrieben und der Charakter jeder Art aus sichern Grundsätzen bestimmt worden.

Aus diesen Quellen sind denn endlich die Regeln zur Ausführung der Kunstwerke hergeleitet worden; so wohl die allgemeinen, zur Erfindung, Anordnung und einförmigen Bearbeitung des Ganzen als die besonderen von der Wahl oder Erfindung, von der Richtigkeit, der Übereinstimmung und der bestimmten Wirkung eines jeden einzelnen Teiles.

Dieses ist der Inhalt der ganzen Ästhetik, einer Wissenschaft, welche dem Künstler in der Erfindung, Anordnung und Ausführung seines Werks nützlich zu Hilfe kommen, den Liebhaber in seiner Beurteilung leiten und zugleich fähiger machen kann, allen Nutzen, auf den die Werke der Kunst abzielen, aus ihrem Genuß zu ziehen. Ein Nutzen, der die Absichten der Weltweisheit und der Sittenlehre vollendet.

Die Ästhetik gründet sich, so wie jede andere Theorie, auf wenige und einfache Grundsätze. Man muss aus der Psychologie wissen, wie die Empfindungen entstehen, wie sie angenehm oder unangenehm werden. Zwei oder drei Sätze, welche die allgemeine Auflösung dieser Fragen angibt, sind die Grundsätze der Ästhetik. Aus diesen wird auf der einen Seite die Natur der ästhetischen Gegenstände bestimmt; auf der anderen aber die Art oder das Gesetz, nach welchem sie sich dem Geiste vorstellen müssen oder die Lage des Gemütes, um ihre Wirkung zu empfinden.

Dieses alles kann auf wenige Sätze gebracht werden, welche hinlänglich wären, jeden guten Kopf bei Verfertigung eines Werks der Kunst zu leiten.

Es ist mit dieser Wissenschaft, wie mit der Vernunftlehre, deren Grundsätze, wenig und einfach sind. Aristoteles, der diese wenige Grundsätze auf alle mögliche besondere Fälle angewendet und alle mögliche Abweichungen davon entwickelt hat, gab der Philosophie eine Vernunftlehre, die vollständig, aber wegen der großen Mannigfaltigkeit der Fälle, worauf die Grundsätze angewendet wurden, mit einer erstaunlichen Menge Kunstwörter und besonderer Regeln angefüllt war. Der Schwarm der nach ihm gekommenen Philosophen vom zweiten Rang, übersah das Einfache darin und die Terminologie vertrat die Stelle der Wissenschaft.

Soll die Ästhetik nicht in einen bloßen Wortkram ausarten, welches Schikcksal die Logik und die Moral unter den Händen der Scholastiker erfahren haben; so muss man sehr sorgfältig bei jeder Gelegenheit die abgezogenen Begriffe auf die besonderen Fälle, wodurch sie veranlasst worden und ohne welche sie selbst keine Realität haben, zurück führen. Jedes System von allgemeinen Begriffen wird ohne diese Vorsichtigkeit zu einem bloßen Lustgebäude, in welchem seichte Köpfe bauen, niederreißen und viel alberne Veranstaltungen machen, die den Verordnungen eines blödsinnigen Kopfes gleichen, der im Tollhaus sich einbildet, ein Regent und Gesetzgeber zu sein.

 

 


Vergleiche ferner:

- Ästhetik (Eisler: Wörterb. d. phil. Begr.)

- Ästhetik (Kirchner, Wörterb. d. phil. Grundbegr.)

- Kants Begründung der Ästhetik (Vorländer, Gesch. d. Phil.)

- Kant, Das ästhetische Problem (Vorländer, Gesch. d. Phil.)

- Kant, Angewandte Ästhetik (Vorländer, Gesch. d. Phil.)

- Vorlesungen über die Ästhetik (Hegel, Vorl. ü. d. Ästhetik)

- Einleitung Ästhetik (Hegel, Vorl. ü. d. Ästhetik)

- Begrenzung der Ästhetik (Hegel, Vorl. ü. d. Ästhetik)


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