Aristophanes

Aristophanes. Ein griechischer Komödiendichter. Von seinen Lebensumständen weiß man wenig. Das athenische Bürgerrecht wurde ihm streitig gemacht, aber er behauptete es. Zu seiner Zeit besaß Athen die größten Männer; denn er war ein Zeitgenosse des Sokrates und Perikles.

Damals scheint die Komödie noch keine ordentliche Gestalt gehabt zu haben. Weder die Anordnung der Handlung, noch eine ordentliche Einrichtung der Bühne, noch die Wahrheit und Entwicklung der Charaktere, war damals in der Komödie bekannt. Dieses muss man beim Aristophanes nicht suchen. Die Form seiner Komödie ist noch sehr barbarisch und mehr ein Possenspiel als eine Handlung, in welcher sich Begebenheiten, Unternehmungen oder Charaktere, entwicklen. Er führt zum Teil, nach dem Gebrauch der alten Komödie, wirkliche, damals in Athen lebende und unter den Zuschauern sich befindende, zum Teil allegorische Personen auf. Der Inhalt der Handlung ist allemal etwas aus den damaligen Begebenheiten der Stadt und meistenteils politisch. Ausgelassener Mutwillen, Personen von Ansehen durch zu ziehen; ein unbedingter Vorsatz, das Volk, es koste, was es wolle, lachen zu machen und ihm Fastnachtspossen vorzuspielen, scheint damals der Charakter der komischen Bühne gewesen zu sein.

Diese Fehler der Einrichtung sind also nicht Fehler des Aristophanes, der sich nach der, vielleicht zum Gesetz gewordenen, Mode seiner Zeit richten musste. Aber sein ist der unerschöpfliche und alles durchdringende Witz, die höchste Gabe zu spotten, darin ihm weder Lucian, noch unter den Neueren Swifft, noch irgend jemand, gleich kommt, die Sprache und der Ausdruck, den er im höchsten Grad der Vollkommenheit besessen hat. Daher in einem Sinngedichte, welches dem Plato zugeschrieben wird, gesagt wird, dass die Gratien sich so, wie er, ausdrücken würden. Sein ist die riesenmäßige Stärke, womit er die Demagogen in Athen und oft das ganze Volk selbst angegriffen hat. Es wäre vielleicht nicht übertrieben, wenn man sagte: dass in einer einzigen von seinen Komödien, mehr Witz und Laune ist als man auf den meisten neueren Bühnen in einem ganzen Jahr hört. Aber in einem Stück sind auch mehr Grobheiten und Zoten, als man jetzt auf der schlechtesten Hanswurstbühne duldet. Man kann diesen Dichter seiner Talente halber kaum genug loben und wegen des Missbrauchs, den er bisweilen davon gemacht hat, kaum genug tadeln. Es ist ihm nichts ehrwürdig genug, wenn er in seiner spottenden Laune ist: sein Spott greift Götter und Menschen an. Mit dem Sokrates geht er, wie mit einem Lotterbuben um; Äschylus, Sophokles und Euripides müssen überall seine Spöttereien aushalten.

Man darf sich deswegen nicht wundern, dass der ehrliche Plutarchus ihn so ernstlich getadelt hat.1) Dieser Philosoph, der bei einem guten Verstand ein mit den besten Empfindungen erfülltes Herz hatte, das man an unserem Dichter ganz vermisst, musste notwendig unwillig auf den Mann sein, dem alles Gute und Heilige gleichgültig oder gar verächtlich schien. Wäre dieser große Mann ein moralischer Mensch gewesen, so würde ihm der erste Ruhm unter allen Dichtern gehören; Man nehme, sagt ein großer Kunstrichter,2) aus Aristophanes Werken die Flecken weg, die in einem unreinen Herzen ihren Grund haben, so bleibt eine bewunderungswürdige Fürtreflichkeit übrig.

 Man beschuldiget ihn allgemein, dass er durch seine Komödie, die Wolken genannt, die Verurteilung des Sokrates vorbereitet habe. Aber der Pater Brumoi hat gezeigt, dass dieses gar nicht wahrscheinlich sei.3)

Es entsteht über die Komödien dieses außerordentlichen Geistes noch ein Zweifel, den meines Wissens niemand aufgelöst hat. Wie hat ihm eine so große Schmähsucht gegen die vornehmsten Männer des Staates, gegen das ganze Volk selbst und so gar gegen die Götter, so ungerochen hingehen können? Ohne Zweifel liegt der Grund davon in der ursprünglichen Einrichtung der alten Komödie, die allem An sehen nach aus solchen Schmähungen und Durchhechlungen der angesehensten Männer bestanden hat; die also eben so wenig strafbar waren als die Schimpfreden, welche die römischen Soldaten in den Triumphliedern gegen ihre Feldherren sich erlaubten. Dieses Schimpfen mag in der ursprünglichen Form der griechischen Komödie, so gegründet gewesen sein, wie noch jetzt im Carneval unter der Maske manches erlaubt ist, das sonst nicht würde geduldet werden. Lucianus sagt ausdrücklich, dass die Spöttereien einen Teil der Feste des Bacchus ausgemacht haben.4) Für diese Feste aber waren die Komödien bestimmt. Dieses scheint noch dadurch bestätiget zu werden, dass nachher die Form der alten Komödie durch ein förmliches Gesetz ist aufgehoben worden.

 

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1) S. die Vergleichung des Aristophanes und Menander, in Plutarchs kleinen Werken.

2) Gravina della ragion poetica L. I. c. XX. Tolti dall' opere sue questi vizi, che nascon da mente contaminata, rimangono della sua poesia virtu maravigliose: quali sono l' invenzioni così varie, e naturali, i costumi così propri, che Platone stimò questo poeta degno ritratto della republica d' Atene, onde lo propose a Dionisio, che di quel governo era curioso; gli aculei così penetranti, la felicità di tirare al suo proposito, senza niuna apparenza di' forzo, le cose più lontane; i colpi tanto inaspettati e convenienti; la secondita, pienezza, e quel, che a nostri orecchi, non può tutto penetrare, il sale attico, di cui l'altre lingue sono incapaci d'imitarne l'espressione.

3) Theatre des Grecs T. III. p. 46. et suiv.

4) Luc. in den Fischern.

 


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