Auflösung

Auflösung. (Schöne Künste) Dieses Wort wird in der Kunstsprache verschiedentlich gebraucht und kann, wegen der Wichtigkeit der Sache, die es ausdrückt, zum Kunstwort gemacht werden. Auflösung bedeutet überhaupt die Herstellung der Freiheit und Ordnung nach vorhergegangener Verwicklung. Dergleichen Auflösungen kommen in Werken der schönen Künste verschiedentlich vor. In der Musik wird die Harmonie oft verrückt; daher entstehen die Dissonanzen, die eine wirkliche Unordnung sind, aus welcher durch die Auflösung, die Ordnung und völlige Harmonie wieder hergestellet wird: In der dramatischen Handlung ist allemal Verwicklung; verschiedenes streitet gegen einander, am Ende der Handlung entwickelt sich alles durch die Auflösung, die deswegen in der französischen Sprache Dénouement, (Entwicklung des Knotens) genannt wird. Aber auch jede andere Handlung und beinahe jede Vorstellung, darin vieles zugleich zu dem Ganzen einer Sache gehört, hat eine Verwicklung und kann deswegen einer Auflösung fähig sein. Also kommen diese beiden Sachen fast überall vor.

 Man kann keine Herstellung der Ordnung sehen oder empfinden, ohne dadurch angenehm gerührt zu werden. Daher kommen Verwicklungen und Auflösungen so vielfältig in den Werken der Kunst vor, weil sie ihnen Kraft und Reizung geben. Der Ursprung alles Vergnügens ist in der Tätigkeit unseres Geistes zu suchen; diese fühlen wir zu wenig, wenn unsere Vorstellungen, unaufgehalten in einem sanften Laufe fortgehen; denn da ist nirgend eine Anstrengung nötig, durch welche wir uns unserer Tätigkeit bewußt sind. Diese empfinden wir nur bei Hindernissen, bei gegen einander laufenden Vorstellungen, beim Streit der Elemente, die auf uns wirken. Da bemüht sich der Geist die Ordnung wieder herzustellen: je schneller und vollkommener dieses geschieht, wenn nur vorher die Anstrengung aufs höchste gestiegen ist, je größer ist das Vergnügen.

 Weiter wollen wir die allgemeine Betrachtung dieser Sache nicht treiben; sondern von den Auflösungen sprechen, worüber Kunstverständige schon längst besondere Betrachtungen angestellt haben.

 Auflösung der dramatischen Verwicklung . Dadurch versteht man die Hauptauflösung, wodurch das ganze Stück sein Ende erreicht. Sie wird auch nach einem griechischen Worte Catastrophe genannt.1 Wie eine Beratschlagung, wenn sie ordentlich vollendet wird, einen Entschluß hervor bringt, so hat jede Handlung einen Erfolg; nämlich es wird etwas bewirkt, das alle weitere Bemühung und Unternehmung über die Sache unmöglich macht. Ein Friedensschluß hebt auf einmal alle Unternehmungen des Krieges auf und die An kunft an dem Orte, wohin die Reise gerichtet war, endigt dieselbe. In verwickelten Handlungen, wie die dramatischen sind, finden sich entweder Hindernisse und Schwierigkeiten, die sich dem Erfolg entgegen stellen; oder es zeigt sich in dem Charakter der Hauptpersonen etwas, wodurch eine merkwürdige Veränderung in ihren Glücksumständen entstehen muss; wobei sich aber so viel Schwierigkeiten zeigen, dass man begierig wird, den Ausgang der Sache zu erfahren. Dasjenige, was diesen Ausgang oder jenen Erfolg bestimmt und auch begreiflich macht, ist eigentlich die Auflösung der Handlung. So ist im Oedipus in Theben des Sophokles die völlige Entdeckung, dass dieser der Sohn und Mörder des Lajus sei, die Auflösung der Handlung; denn dadurch wird der Erfolg bestimmt, dass Oedipus den Thron verlässt und sich selbst verbannt, wodurch die ganze Sache ihr völliges Ende erreicht; und so ist in Addisons Cato, der Selbstmord dieses Helden die Auflösung, wodurch der Ausgang der Sache bestimmt und die ganze Handlung völlig geendigt wird.

 Die Auflösung ist vollkommen, wenn sie natürlich und vollständig ist, auch zu rechter Zeit geschieht. Natürlich ist sie, wenn sie nicht nur aus der Handlung selbst entsteht, sondern so, dass nichts übertriebenes, nichts unwahrscheinliches in den Ursachen ist, wodurch sie bewirkt wird. Der Character des Cato macht seinen Entschluß sehr natürlich; eben so natürlich ist die so oft vorkommende Auflösung in Komödien, da ein Vater seinem Sohn aus Zärtlichkeit nachgibt und in etwas williget, was er zu hintertreiben gesucht hat; dass ein listiger Mann, wie Ulysses, aller Hinternisse ungeachtet zu seinem Zweck kommt; dass eine tollkühne Unternehmung, zuletzt etwas hervorbringt, das einen unglücklichen Ausgang bewirkt. Es kommt hierbei darauf an, dass der Dichter eine große Kenntnis des Menschen und menschlicher Zufälle habe, dass er keine Wirkung zeige, deren Ursache nicht hinlänglich dazu wäre; dass er keinen Zufall heran bringe, der dem natürlichen Lauf der menschlichen Dinge nicht angemessen sei. Es ist aber nicht genug, dass er selbst die Möglichkeit der Sache, nach dem ordentlichen Lauf der physischen oder sittlichen Natur begreife; auch der Zuschauer muss ihn begreifen. Deswegen muss der Dichter bisweilen schon von weitem gewisse Sachen einfließen lassen, die danach bei der Auflösung alles begreiflicher machen. Dieses nennt man die Auflösung vorbereiten.

 Wie in der Natur kein Sprung statt hat, so muss auch der Dichter bei seinen Auflösungen keinen machen. Läßt er eine Paßion oder eine Unternehmung, für die kein guter Ausweg vorzusehen war, plötzlich einen solchen finden, so geschehe es so, dass aus der Lage der Sachen, erst nach dem Erfolg begreiflich werde, wie die Sachen haben kommen können. Es gibt bisweilen Auflösungen, die ans unnatürliche gränzen und eben deswegen sehr schön werden; weil das, was unmöglich geschienen hat, desto lebhaftere Eindrücke macht, wenn man es wirklich und aus begreiflichen Ursachen bewirkt findet. So scheint es unnatürlich, dass ein Mensch plötzlich seine Sinnesart ändere, dass er aus einem Bösewicht ein rechtschaffener Mann, aus einem Tyrannen ein billiger und gütiger Regent werde. Dennoch finden sich wirkliche Veränderungen dieser Art in der Natur. So hätte es angehen können, dass Corneille seinem Trauerspiel Rodogüne

Vos larmes dans mon coeur ont trop d'intelligence, Elles ontpresque éteint cette ardeur de vengeance. Je ne puis refuser des soupirs à vos pleurs.

Je sens que je suis mêre aupres de vos douleurs. C'en est fait, je me rends et ma colére expire, Rodogune est à vous, aussi bien que l'empire.

Da man Beispiele von bewunderungswürdigen Veränderungen der Sinnesart der Menschen hat, so könnten dergleichen zu Auflösungen bisweilen versucht werden.

 Es verdient wegen der Komödie angemerkt zu werden, dass die Alten verschiedentlich Auflösungen gefunden haben, die zu ihrer Zeit natürlich waren, die es jetzt nicht mehr sein würden. Plautus und Terenz finden oft die Auflösung dadurch, dass ein längst vergessener oder für todt gehaltener Mensch plötzlich wieder erscheint; dass ein Vater sein Kind erkennt, das er längst vergessen hatte. Dergleichen Auflösungen sind zwar noch jetzt möglich; sie müssen aber, um wahrscheinlich zu sein, mit mehr Vorsicht behandelt werden als jene alten nötig hatten, bei denen dergleichen Zufälle durch die damals gewöhnliche Aussetzung der Kinder, durch die Sklaverei, in welche man durch den Krieg oder Menschenraub fallen konnte, durch die wenigere Verbindung der Völker unter einander, durch Mangel der Mittel, die man gegenwärtig hat, einer verlorenen Person nachzufragen, viel natürlicher waren als sie itzo sind.

 Die unnatürlichsten Auflösungen sind die, welche man Maschinen nennt, davon in einem besonderen Artikel gesprochen worden.

 Zur vollkommenen Auflösung gehört auch die Vollständigkeit, die darin besteht, dass unsere ganze Erwartung von der Sache befriediget und das Ende der Handlung so erreicht wird, dass wir gar nichts mehr erwarten können. Man muss sich die einzeln Personen, die Vorfälle, die in der Handlung aufstoßen als so viel Linien vorstellen, die entweder gerade oder krumm sich zuletzt in einen einzigen Punkt vereinigen; keine muss abgebrochen werden oder sich verlieren, noch auf einen anderen als den allgemeinen Gesichtspunkt hingehen. Die Charaktere müssen völlig entwickelt sein, dass der Zuschauer nichts mehr davon zu wissen verlangt, die verschiedenen Unternehmungen müssen ihr Ende so erreichen, dass die Fortsetzung derselben unmöglich wird und das Schikcksal der Personen muss die Auflösung völlig bestimmt werden, dass keine Frage mehr darüber entstehen kann. Plautus hat verschiedentlich gegen diese Vollständigkeit der Auflösung gefehlt. So hat sein Stück, das er Mostellaria genannt hat, eine so unvollständige Auflösung, dass das Ende davon ganz abgeschmackt wird.

 Es ist zwar eben nicht nötig, wie einige meinen, dass die Auflösung zuletzt alle Personen auf die Bühne vereinige: genug wenn dieselbe nur alle weitere Unternehmung hemmt und unsere Erwartung über die Personen befriediget, sie sein zugegen oder nicht.

Endlich muss die Auflösung zu rechter Zeit gesche hen; nämlich, wenn unsere Erwartung auf das höchste gekommen ist. Nicht eher, weil sie sonst nicht Reizung genug hat; daher bisweilen eine Aufhaltung notwendig ist;2 nicht später, damit die Lebhaftigkeit der Erwartung nicht wieder abnehme. Beides ist sehr wichtig, weil die Lebhaftigkeit der Vorstellungen bei der Auflösung die stärksten Eindrücke im Gemüte zurück lässt.

Vom Ausgange, der durch die Auflösung bewirkt wird, ist besonders gesprochen worden. S. Ausgang .

 Will man gegen die Wichtigkeit aller dieser Anmerkungen, so wie gegen alles, was die Regeln der Vollkommenheit eines Werks betrifft, einwenden, dass viele Stücke sehr gefallen, darin diese Vorschriften nicht beobachtet sind; so kann man einmal für alle dieses zur Antwort nehmen, dass jene Stücke noch mehr gefallen würden, wenn dabei auch noch diese Regeln wären beobachtet worden.

 Was hier von der Auflösung der dramatischen Handlung angemerkt ist, kann auch auf die epische Handlung angewendet werden. Die Kunstrichter haben davon weniger geschrieben, weil der Dichter in dieser weniger Zwang fühlt und also allen Foderungen leichter genug tun kann.

Auflösung der Dissonanz in der Musik. Hier wird das Wort Auflösung in einer ganz besonderen engen Bedeutung genommen; denn nicht eine jede Herstellung der völligen Harmonie, sondern nur eine gewisse Gattung derselben bekommt den Namen der Auflösung. In den beiden hierbei geschriebenen Beispielen wird die Harmonie durch Dissonanzen zerstört, da in dem zweiten und vierten Viertel des ersten Takts zwei Dissonanzen anstatt der Konsonanzen stehen, so gleich aber wieder in Konsonanzen durch steigen oder fallen, eintreten; in dem anderen Beispiel aber werden gar alle Konsonanzen in Dissonanzen verwandelt, die aber gleich wieder in die Konsonanzen zurück treten. Dergleichen Fälle aber werden nicht zu den Auflösungen gerechnet.3 Diese Dissonanzen erscheinen ohne Vorbereitung und verschwinden auch plötzlich wieder; in dem sie nur in geschwinden Bewegungen statt haben, wo das Ohr kaum Zeit hat sich wieder nach der reinen Harmonie zu sehnen. Die eigentlichen Auflösungen betreffen nur diejenigen Dissonanzen, die durch Bindungen vorbereitet worden und folglich wieder entbunden oder aufgelöst werden müssen. Weil diese Dissonanzen entweder wegen ihrer längern Dauer oder wegen des darauf liegenden Nachdrucks merklichen Eindruck machen und dem Gehör ein wirkliches Verlangen nach der Herstellung der Ordnung erwecken; so muss diese Herstellung auf eine befriedigende Weise geschehen. Daher sind die Regeln von der Auflösung der Dissonanzen entstanden. Je langsamer die Bewegung ist und je dauernder oder nachdrücklicher der Eindruck der Dissonanzen gewesen ist, je genauer muss man sich bei ihrer Auflösung an diese Regeln binden. Ein kleines Versehen dabei wird einem wohl geübten Ohr sehr empfindlich.

 Diese Regeln sind von den ältern Tonsetzern größtenteils für die langsamen Choräle und für die nachdrückliche Allabreve Bewegung erfunden worden, wo die Harmonie mit großer Genauigkeit will behandelt sein. Dass große Meister in geschwinden Sachen und in dem, was man die galante Schreibart nennt, sich nicht allemal pünktlich an diese Regeln binden; (wie wohl auch da die größten Meister, sich am wenigsten Freiheiten erlauben) soll Anfänger oder minder geübtere nicht zur Nachlässigkeit verleiten. Es ist allemal sicherer, sich die Regeln ganz geläufig zu machen, damit sie nicht zur Unzeit übertreten werden.

 Bei Auflösung der Dissonanzen ist eigentlich nur eine einzige Regel zu beobachten. Jede Dissonanz tritt bei der Auflösung in die nächste diatonische Stufe unter sich, so dass sie daselbst zu einer Conso nanz wird. Diese letzte Bedingung bestimmt die Fortschreitung oder das Stillliegen des Basses, wenn die Dissonanz in den oberen Stimmen ist; und der oberen Stimmen, wenn die Dissonanz im Bass ist. Wie diese Regel der Auflösung in allen Fällen beobachtet werde, erhellt aus der Tabelle der Dissonanzen4.

Von der großen Septime, die aufwärts geht, ist anderswo gesprochen worden.5

  Rameau und die, welche seine Theorie annehmen, haben Dissonanzen, welche bei der Auflösung einen diatonischen Grad herauf treten. Diese sind bis jetzt von den deutschen Harmoniker nicht angenommen. S. Dissonanz. Sexte.

 

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1 Catastrophe: conversio negotii exagitati in tranquillitatem non expectatam. Scalig. Poet. L. I. c. 9.

2 S. Aufhaltung.

3 S. Durchgang, Verwechslung.

4 S. Dissonanz.

5 S. Septime.

 


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