Geschmack

Geschmack. (Schöne Künste) Der Geschmack ist im Grunde nichts anders als das Vermögen das Schöne zu empfinden, so wie die Vernunft das Vermögen ist, das Wahre, Vollkommene und Richtige zu erkennen; das sittliche Gefühl, die Fähigkeit das Gute zu fühlen. Bisweilen aber nimmt man das Wort in einem engern Sinn, nach welchem man nur den Menschen Geschmack zueignet, bei denen dieses Vermögen sich schon zu einer gewissen Fertigkeit entwickelt hat.

 Man nennt dasjenige Schön, was sich, ohne Rücksicht auf irgend eine andere Beschaffenheit, unserer Vorstellungskraft auf eine angenehme Weise darstellt; was gefällt, wenn man gleich nicht weiß, was es ist, noch wozu es dienen soll.1 Also vergnügt das Schöne nicht deswegen, weil der Verstand es vollkommen oder das sittliche Gefühl es gut findet, sondern weil es der Einbildungskraft schmeichelt, weil es sich in einer gefälligen, angenehmen Gestalt zeigt. Der innere Sinn, wodurch wir diese Annehmlichkeit genießen, ist der Geschmack. Wenn die Schönheit, wie an seinem Orte bewiesen wird2, etwas Wirkliches ist und nicht bloß in der Einbildung besteht, so ist auch der Geschmack ein in der Seele wirklich vorhandenes und von jedem anderen unterschiedenes Vermögen; nämlich das Vermögen das Schöne anschauend zu erkennen und vermittelst dieser Kenntnis Vergnügen davon zu empfinden. So weit sich die Natur des Schönen erkennen und zergliedern lässt, so weit kann man auch die Natur des Geschmacks deutlich erkennen. Da die hierher gehörigen Betrachtungen in dem Artikel Schönheit vorkommen, so schränken wir diesen bloß auf dasjenige ein, was die Wirkungen des Geschmacks betrifft.

 Man kann dieses Vermögen der Seele in einem zweifachen Gesichtspunkte betrachten; wirkend als ein Werkzeug des Künstlers, womit er wählt, ordnet und ausziert; bei dem Liebhaber ist es genießend, indem es Vergnügen erweckt und das Gemüt fähig macht, die Werke der schönen Künste zu nutzen.

  Der Künstler von Geschmack sucht jedem Gegenstand, den er bearbeitet, eine gefällige oder der Einbildungskraft sich lebhaft darstellende Form zu geben und hat hierin die Natur zu seiner Vorgängerin, die nicht zufrieden ist, ihre Werke vollkommen und gut zu machen, sondern überall Schönheit der Formen, Annehmlichkeit der Farben oder doch genaue Übereinstimmung der Form mit dem inneren Wesen der Dinge, zu erhalten sucht.

 Der Verstand und das Genie des Künstlers geben seinem Werk alle wesentlichen Teile, die zur inneren Vollkommenheit gehören, der Geschmack aber macht es zu einem Werk der schönen Kunst. Das Haus, in welchem alles, was zur Wohnung und zu den täglichen Verrichtungen dient, vorhanden ist, wird dadurch, dass ein Mann von Geschmack alle diese Teile angenehm zusammen vereinigt, dass er dem Ganzen ein gefälliges Ansehen und jedem Teile, nach Maßgabe seines Ranges und Orts, eine schickliche Form gibt, zum Werk der schönen Baukunst. Die Rede, in welcher man alles sagt, was zum Endzweck dient, wird durch eine gefällige Anordnung der Hauptteile, durch die schöne Wendung einzelner Gedanken, durch Harmonie und andere sinnliche Kraft des Ausdrucks, zum Werk der Beredsamkeit.

 Eigentlich macht also der Geschmack, der zu Verstand und Genie hinzukommt, den Künstler aus. Jene höhere Gaben allein machen den geschickten, den verständigen, den erfindungsreichen Mann, nur nicht den Künstler aus. Aber der Geschmack allein, wo er nicht von Verstand und Genie begleitet ist, kann nie den großen Künstler ausmachen. Denn da, wo der Stoff selbst keinen Wert hat, hilft die schöne Form wenig. Man trifft bisweilen Menschen an, deren Seelen bloß Phantasie von Geschmack begleitet, sind und denen es am Verstande fehlt; Menschen, die nie auf etwas anders als auf Schönheit sehen, die, durch das schöne Kleid völlig befriediget, nie auf die bekleidete Sache Acht haben. Dieser Charakter macht die feinen und geschmackvollen Tändler aus, dergleichen man in allen schönen Künsten hat. Sie sind die Zierraten des menschlichen Geschlechts. Ihre Werke dringen nie durch die Phantasie hindurch und lassen den Verstand und das Herz in völliger Ruh.

 Auch dem glänzendesten Witz, sagt Young, sollte es nicht erlaubt sein, in sich selbst verliebt, seine Annehmlichkeiten in der eitelen Quelle des Nachruhms (der Presse) zu bewundern, wenn er auf nichts als seine Schönheit stolz sein kann. Er sollte, wie Brutus, sein geliebtestes Kind dem heiligen Interesse der Tugend und dem wirklichen Dienst des menschlichen Geschlechts aufopfern.

 Man sieht auf der anderen Seite, dass Männer von Verstand und Genie, denen es am Geschmack fehlt, sich zu den Künstlern gesellen; aber ihre Werke sind nie wahre Werke der schönen Kunst. Sie können in Gedanken und Erfindung vortrefflich sein, aber die Wirkung, die man von den Werken der Kunst erwartet, haben sie nicht. Künstler von höheren Gaben, ohne Geschmack, sind, was im gemeinen Leben verständige und redliche Männer, die durch ein finsteres, steifes Wesen andere abschrecken, von ihrem guten Verstand und Herzen Gebrauch zu machen. Also macht die Vereinigung jener höheren Gaben mit dem Geschmack, den wahren Künstler.

Es ist angemerkt worden, dass das eigentliche Schöne in der angenehmen Form bestehe. Man dehnt aber den Begriff desselben auch weiter aus und nennt auch oft das, was eine merkliche, sinnliche Vollkommenheit, Wahrheit und Richtigkeit hat, so gar das Gute, insofern es dem anschauenden Erkenntnis klar einleuchtet, Schön.3 Der Geschmack in seinem weitesten Umfange geht also auch auf dieses Schöne. Er gibt den Vorstellungen nicht nur eine schöne Form, sondern verbindet mit derselben auch das Schöne, das aus dem Gebiete des Wahren und Guten genommen ist, auf eine so unzertrennliche Weise, dass der mit diesem Geschmack ausgebildete Gegenstand auf einmal den Verstand, die Einbildungskraft und das Herz einnimmt. Wie man der menschlichen Bildung erst alsdann die höchste Schönheit zuschreibt, wenn ein lebhafter Geist nebst einem edlen Herzen in der schönen Form gleichsam durchscheinen, so erreichen auch die Werke der Kunst erst alsdann die höchste Schönheit, wenn die angenehme Form durch Reizungen einer höheren Art ein noch stärkeres Leben bekommt.

  Also zeigt sich der Geschmack nur dann in seiner höchsten Vollkommenheit, wenn er von scharfem Verstande, feinem Witz und von edlen Empfindungen begleitet wird. Ein Werk der Kunst, das die Phantasie auf das vollkommenste oder auf die angenehmste Weise beschäftigt, scheint denn doch immer noch etwas Leeres zu haben, wenn der Verstand und das Herz dabei müßig bleiben. Man glaubt einiger maßen zu fühlen, dass die Phantasie die Oberfläche der Seele einnehme, da der Verstand und die Empfindungen in der Tiefe derselben ihren Sitz haben. Soll die ganze Seele von der Schönheit eines Werks durchdrungen werden, so muss keine Saite derselben unberührt bleiben. Der Geschmack des Künstlers muss nicht bloß auf das eigentliche Schöne, sondern auf jede Art des uneigentlich Schönen gerichtet sein, das im Grund aus Wahrheit, Richtigkeit, Schicklichkeit, Wolanständigkeit und edlem Wesen entsteht. Das Werk, das von dem vollkommensten Geschmack bearbeitet worden, hat, wie die Schönheit des menschlichen Körpers, eine schöne Form, der jede Art der Kraft so eingewirkt ist, dass alles zusammen ein einziges unzertrennliches Ganzes ausmacht, das den Kenner, der es erblickt, auf einmal von allen Seiten reizt und jedes Vermögen, jede Triebfeder der Seele in Wirksamkeit setzt. Daher entsteht denn das innige Wohlgefallen, welches empfindsame Seelen an solchen Werken haben.

 Hieraus ist zu sehen, dass der Geschmack in seiner ganzen Ausdehnung ein feines Gefühl in allen Nerven der Seele zum Grund habe: oder ohne Metapher zu reden; dass jedes Vermögen der Seele, es gehöre zum Verstand, zur Einbildungskraft oder zu dem Herzen, das seinige dazu beitragen müsse. Die Stärke und große Wirksamkeit aller dieser Vermögen, macht den großen Geist aus; die Feinheit und Schärfe derselben, den Mann von Geschmack; wenn er nur im Stand ist, alle diese Vermögen auf einmal in Wirksamkeit zu unterhalten. Denn nur die Vereinigung derselben bildet Werke von vollkommener Schönheit. Wie das Auge auf einen Blick die Lage, die Gestalt, die Größe, die Farben, das Helle und Dunkele, an einem sichtbaren Gegenstand erblickt und sich von allen diesen Dingen zusammen ein einziges Bild macht, so empfindet der Geschmack durch die Vereinigung aller Seelenkräfte auf einmal alles, was zur Beschaffenheit einer Sache, insofern sie sinnlich erkennt werden kann, gehört. Er fasst schnell und wie durch eine einzige Wirkung, was die genaue Untersuchung langsam entdecken würde. Also ist auch sein Einfluss bei Bildung der Werke der Kunst sehr viel schneller als die Kenntnis der Regeln und weit sicherer, weil er das Ganze auf einmal umfasst.

 Der Mann von Geschmack fasst zusammen, was der spekulative, untersuchende Kopf aus einander legt und zergliedert. Daher diejenigen, die sich auf höhere Wissenschaften legen, wo man notwendig alles zergliedern und einen Begriff nach dem anderen betrachten muss, selten viel Geschmack haben. Hingegen haben Menschen von feinen Fähigkeiten, die ihr Leben in Geschäften zu bringen, wo man meistenteils viel Umstände auf einmal übersehen und mehr aus anschauenden als völlig entwickelten Einsichten, handeln muss, weit mehr Anlage zum Geschmack. Einem spekulativen Kopf ist alles wichtig, was er ganz deutlich erkennt, einem praktischen aber das, dessen Wirkung sich weit erstreckt: jener fällt in Sachen des Geschmacks leicht auf Spitzfindigkeit, dieser verachtet sie und findet das Brauchbare.

 Bis dahin haben wir den Geschmack als eine dem Künstler notwendige Eigenschaft betrachtet: jetzt wollen wir ihn überhaupt als eine Fähigkeit des Geistes ansehen, deren Anlage, so wie die zur Vernunft und zum sittlichen Gefühl, sich bei allen Menschen findet.

 Ob man gleich die Vernunft, das sittliche Gefühl und den Geschmack als drei völlig von einander verschiedene Vermögen des Geistes ansieht, durch deren Anwachs und Entwicklung der Mensch allmählich vollkommener wird, so sind sie im Grund ein und dasselbe Vermögen auf verschiedene Gegenstände angewendet. Die Vernunft ist Überlegung und Scharfsinnigkeit auf Betrachtung der Vollkommenheit, Wahrheit und Richtigkeit angewendet; eben diese Gaben des Geistes auf Betrachtung des Schönen und Angenehmen gerichtet, bilden den Geschmack und auf das sittliche Gute angewendet, das sittliche Gefühl. Dieselben Anlagen, wodurch der Mensch zur Vernunft kommt, bringen ihn auch zum Geschmack und zum sittlichen Gefühl.

 Die Vernunft gibt ihm die Fähigkeit zur Ausrichtung seiner Geschäfte; sie ist es, die überall die Mittel erfindet, zum Endzweck zu gelangen; das sittliche Gefühl macht ihn zu einem guten und liebenswürdigen Menschen, der zum gesellschaftlichen Leben die Gesinnungen hat, wodurch die Menschen mit einander vereinigt und zu gegenseitiger Hülf und Zuneigung verbunden werden; der Geschmack streuet über Vernunft und Gefühl Annehmlichkeit, gibt beiden eine einnehmende Kraft, auf die Gemüter zu wirken. Also kann der Mensch nur durch Vereinigung dieser drei Gaben des Himmels zur Vollkommenheit gelangen. Jederman sieht die Wichtigkeit der Kultur der Vernunft und des sittlichen Gefühls ein, aber wenige kennen den großen Wert des Geschmacks. Man wird deswegen die hierüber folgenden Anmerkungen nicht für überflüssig halten.

  Es wird an einem anderen Orte dieses Werks deutlich gezeigt, dass die schönen Künste eines der vornehmsten Mittel sind, alle nützliche Kenntnis und guten Gesinnungen unter den Menschen auszubreiten, jede nützliche Wahrheit und jede gute Empfindung als eine lebendige und wirksame Kraft in seine Seele zu pflanzen.4 Ein Schriftsteller von Geschmack stellt jede gemeinnützige Wahrheit auf das begreiflichste und lebhafteste vor Augen und weiß sie in der angenehmsten Form dem Geiste so einzupfropfen, dass sie darin wächst und Früchte trägt. Die ganze Kultur der Vernunft wird durch ihn befördert, weil er den nützlichsten Wahrheiten die wahre Faßlichkeit und Kraft geben kann. Dem guten Geschmack philosophischer, moralischer und politischer Schriftsteller, ist es zu zuschreiben, dass ein Volk vor dem anderen einen höheren Grad der Erkenntnis und Vernunft besitzt. Eben dieses gilt auch von der sittlichen Empfindung, die vom Geschmack ihre Reize bekommt.

 Aber alle diese Bemühungen der Künstler wären vergeblich, wenn nicht der Saamen des guten Geschmacks bei denen vorhanden wäre, für welche sie arbeiten. Je mehr der Geschmack unter einer Nation ausgebreitet ist, je fähiger ist sie auch unterrichtet und gebessert zu werden, weil sie das Einnehmende in dem Wahren und Guten zu empfinden vermag. Man weiß nicht, wie man einem Menschen ohne Geschmack beikommen soll, um ihm Liebe für das Wahre und Gute beizubringen. Er ist allezeit in dem Fall, in welchem sich das römische Volk bei jener Gelegenheit befand, da der ältere Cato sich vergeblich bemühte, ihm heilsame Vorschläge zu tun und da ihn Niemand hören wollte, weil, wie er sagte, der Magen in der Tat keine Ohren hat.

 Der Geschmack ist im Grunde nichts als das innere Gefühl, wodurch man die Reizung des Wahren und Guten empfindet; also wirkt er natürlicher Weise Liebe für dasselbe. Zugleich erweckt er ein so richtiges Gefühl der Ordnung, Schönheit und Übereinstimmung, dass Widerwillen und Verachtung gegen das Schlechte, Unordentliche und Hässliche, von welcher Art es sein möge, eine natürliche Wirkung desselben ist. Der Mensch, in dessen Seele der gute Geschmack seine völlige Bildung erreicht hat, ist in seiner ganzen Art zu denken und zu handeln gründlicher, angenehmer und gefälliger als andere Menschen. Er ist einer so beständig anhaltenden Aufmerksamkeit auf Ordnung, Schicklichkeit, Wolanständigkeit und Schönheit gewohnt, dass er alles, was diesem entgegen ist, verachtet. Ihm ekelt vor allem Spitzfindigen, Sophistischen, Gezwungenen und Unnatürlichen, in Gedanken und Handlungen.

 Diese schätzbare Wirkung aber tut freilich der gute Geschmack nur, wenn er in seinem ganzen Umfange gebildet ist, dem man deswegen auch den Namen des großen Geschmacks beilegt. Menschen, denen gar nichts wichtig ist als was die Phantasie reizt, die keine Schönheit kennen als die sich in niedlichen Formen und anmutigen Farben zeigt, die nur an dem Kleinen, Subtilen und Rafinirten einen Wohlgefallen haben, genießen von ihrem kleinen Geschmack jene wichtigere Früchte nicht. Sie werden vielmehr, wie die Schwälger, die immer auf höhere Reizungen der Speisen raffiniren, verwöhnt und ver lieren den Geschmack an den einfachen Schönheiten der Natur. Der Geschmack kann eben so gut als der Verstand, in Sophisterei fallen. Man weiß, auf was für nichtswürdige Kleinigkeiten die größten Genie unter den Scholastikern ihren sonst scharfen Verstand angewendet haben. Auch die Künste haben ihre Scholastiker, deren Genie und Geschmack nur auf geschraubten Witz, auf subtile Phantasien und geistreiche Tändeleien geht, die den Lekerbissen gleichen, die zwar die Zunge reizen, aber dem Körper keine Nahrung geben.

 So vortreffliche Wirkungen der große Geschmack hat, so schädlich ist dieser kleine und bloß subtile Geschmack. Das Volk, bei dem er überhand genommen hat, ist verloren; denn es ist bloß an artige Kleinigkeiten gewöhnt, legt den unnützesten Dingen, wenn sie nur die Phantasie reizen, einen hohen Wert bei; der schlechteste Mensch, wenn er nur witzig und in Kleinigkeiten sinnreich ist, wird für einen großen Mann gehalten; selbst das Laster wird rühmlich, wenn es nur in einer geistreichen Gestalt erscheint. Wie die Spartaner ihre jungen Leüte wegen begangener Diebstähle lobten, wenn sie nur sie mit solcher Geschicklichkeit verübten, dass man sie nicht dabei betroffen hatte; so ist bei den raffinirten Wollüstlingen des Geschmacks alles Lobenswert, was witzig und fein ist. Dadurch verliert das Gemüt alle Stärke und wird von dem Großen und Erhabenen, das die spitzfindige Phantasie weniger rührt, abgezogen. Ein witziges und schalkhaftes Lied, wird der wichtigsten Rede vorgezogen; ein Mensch, der wie Sokrates denkt und redet, macht gegen einen Petronius schlechte Figur und Anakreon ist eine wichtigere Person als Xenophon.

 Man sieht hieraus hinlänglich, dass die Bildung des Geschmacks eine große Nationalangelegenheit sei. Vernunft und Sittlichkeit sind zwar die ersten Bedürfnisse des Menschen, der sich aus dem Staub emporheben und seine Natur erhöhen will; aber diese Erhebung vollendet der Geschmack, der beides Vernunft und Sittlichkeit vervollkomnet, der Anmut und Gefälligkeit über die Handlungen und über das ganze Leben verbreitet und überhaupt das Gemüt für das Gute und Böse empfindsamer macht. Man hat ihm mehr als den höheren Wissenschaften zu danken. Diese haben unmittelbar einen geringen Einfluss auf die Milderung des Charakters und der Sitten; von dem Geschmack aber kann man mit völliger Wahrheit sagen, er lasse dem Menschen nichts von seiner natürlichen Rohigkeit und mache ihn für alles Gute empfindsam. So wie es ein Vergnügen ist in Führung solcher Geschäfte, wozu Verstand und genaue Beurteilung der Dinge vorzüglich nötig sind, mit verständigen Menschen zu tun zu haben, die gleich alles fas sen; so ist es in Dingen, wo es mehr auf ein feines Gefühl ankommt, angenehm, Menschen von Geschmack vor sich zu haben, weil sie leicht jedes Gute und jedes Wolanständige empfinden; da der Mangel des Geschmacks jeden Eingang, wodurch man sonst in die Herzen der Menschen dringt, verschließt. Fast noch schlimmer ist ein falscher oder kleiner Geschmack; denn wo dieser einmal sich der Gemüter bemächtigt hat, da richtet man weder mit Beredsamkeit, noch mit Poesie, noch mit Musik oder irgend einer anderen der schönen Künste, etwas aus. Man hat mit Sophisten zu tun, die sich durch keine Gründe fassen lassen, sondern immer eine Spitzfindigkeit in Bereitschaft haben, die ihnen heraus hilft. Eben so üble Folgen hat ein willkürlicher Modegeschmack, der nichts schön findet als was nach den bloß willkürlichen Regeln einer eingebildeten Schönheit geformt ist. Da urteilt man nicht mehr weder aus Einsicht, noch aus natürlichem Gefühl, sondern vergleicht alles, wie den Schnitt der Kleider, mit der Form, an die man sich gewöhnt hat und verwirft das Vortreflichste, bloß, weil es nicht nach der Mode gemacht ist.

 

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1 S. Schön.

2 S. Schön.

3 S. Schön.

4 S. Art. Künste.

 


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Seite zuletzt aktualisiert: 23.10.2004 
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