Empfindung

Empfindung. (Schöne Künste) Dieses Wort drückt sowohl einen psychologischen als einen moralischen Begriff aus; beide kommen in der Theorie der Künste vielfältig vor. In dem ersteren Sinn, der allgemeiner ist, wird die Empfindung der deutlichen Erkenntnis entgegen gesetzt und bedeutet eine Vorstellung, insofern sie einen angenehmen oder unangenehmen Eindruck auf uns macht oder insofern sie auf unsere Begehrungskräfte wirkt oder insofern sie die Begriffe des Guten oder Bösen, des Angenehmen oder Widrigen erweckt; da die Erkenntnis eine Vorstellung ist, insofern sie auf die bloße Vorstellungskräfte wirkt oder insofern sie uns die Beschaffenheit der Dinge mit mehr oder weniger Deutlichkeit erkennen lässt. Bei der Erkenntnis sind wir mit dem Gegenstand als einer ganz außer uns liegenden Sache beschäftigt; bei der Empfindung aber geben wir mehr auf uns selbst, auf den angenehmen oder unangenehmen Eindruck, den der Gegenstand auf uns macht als auf seine Beschaffenheit, Achtung. Die Erkenntnis ist hell oder dunkel, deutlich und ausführlich oder konfus und eng eingeschränkt; die Empfindung aber ist lebhaft oder schwach, angenehm oder unangenehm.

 In moralischem Sinn ist die Empfindung ein durch öfter Wiederholung zur Fertigkeit gewordenes Gefühl, insofern es zur Quelle gewisser innerlicher oder äußerlicher Handlungen wird. So sind Empfindungen der Ehre, der Rechtschaffenheit, der Dankbarkeit, Eindrücke, die gewisse Gegenstände so oft auf uns gemacht haben, dass sie, wenn ähnliche Gegenstände wieder vorkommen, schnell in uns entstehen und sich als herrschende Grundtriebe der Handlungen äußern. Dieses sind die Empfindungen, deren verschiedene Mischung und Stärke den sittlichen Charakter des Menschen bestimmen. In diesem Sinn sagt man von einigen Menschen, sie haben kein Gefühl oder keine Empfindungen, nämlich, keine herrschende Empfindung von Ehre, von Rechtschaffenheit; von Menschlichkeit, von Liebe des Vaterlandes u. d. gl.

 Menschen von etwas stumpfen Sinnen, die nie mit irgend einem beträchtlichen Grad der Lebhaftigkeit fühlen, bei denen angenehme sowohl als unangenehme Empfindungen nur durch sehr stark wirkende Eindrücke erregt werden, haben wenig Empfindung in psychologischem Sinn des Wortes; die aber, auf welche die Gegenstände bald vorüber gehende Wirkung tun, sie sei stark oder schwach, in denen keine Art der Empfindung herrschend worden, sind die, denen man das moralische Gefühl, das, was die Franzosen Sentimens nennen und was wir oft durch Gesinnungen ausdrücken, abspricht. So wie Philosophie oder Wissenschaft überhaupt, die Erkenntnis zum Endzweck hat, so zielen die schönen Künste auf Empfindung ab. Ihre unmittelbare Wirkung ist Empfindung in psychologischem Sinn zu erwecken; ihr letzter Endzweck aber geht auf moralische Empfindungen, wodurch der Mensch seinen sittlichen Wert bekommt.1 Sollen die schönen Künste Schwestern der Philosophie, nicht bloß leichtfertige Dirnen sein, die man zum Zeitvertreib herbei ruft, so müssen sie bei Ausstreuung der Empfindungen von Verstand und Weisheit geleitet werden. Dieses ist ein Gesetz, das auch den Wissenschaften vorgeschrieben ist. Nisi utile est, quod facimus, stulta est Sapientia, sagt ein eben so bescheidener als verständiger Dichter.2 Die Wissenschaft, die bei Aufklärung und Entwicklung der Begriffe keine Wahl beobachtet, der jeder Begriff, er sei brauchbar oder nicht, gleich wichtig ist, strikt Netze von Spinnweben, darin nur Fliegen gefangen werden, sie wird allen Verständigen zum Gespött. Dieses ist in der allgemeinen gesunden Vernunft gegründet, dass wir über die lachen, die sich in Wissenschaften und in mechanischen Künsten mit mühsamen Kleinigkeiten abgeben. Sollte denn dieses Gesetz der Nutzbarkeit, dieser notwendige Beistand der Weisheit, die schönen Künste nichts angehen? Welcher verständige Künstler wird sich selbst dadurch erniedrigen wollen, dass er sich und seine Kunst von den Gesetzen der Weisheit und der allgemeinen philosophischen Polizei ausgeschlossen hält? Heinrich der IV. in Frankreich gab ein Gesetz, das die Kleiderpracht einschränkte; einige dem Volke zum Zeitvertreib dienende Frauenspersonen wollten sich dem Gesetz auch unterwerfen, aber der philosophische König sagte spöttisch zu ihnen; für euch ist dieses Gesetz nicht gemacht; ihr seid nicht wichtig genug, dass ein Gesetzgeber sich um euch bekümmern sollte. In diese edle Gesellschaft verweisen wir auch die Künstler, die die Gesetze der Weisheit, denen sich die Philosophie völlig unterwirft, für sich nicht verbindlich halten.

 Da es also das eigentliche Geschäft der schönen Künste ist Empfindungen zu erwecken und da sie in diesem Geschäfte von Vernunft und Weisheit müssen geleitet werden, so entsteht daher in der Theorie der Künste diese wichtige Frage, wie die Empfindungen überhaupt müssen behandelt werden.

 Die allgemeine Beantwortung dieser Frage ist nicht schwer. Der Mensch muss auf der einen Seite einen gewissen Grad der Empfindsamkeit für das Schöne und Hässliche, für das Gute und Böse haben; denn der unempfindliche Mensch ist in Ansehung des sittlichen Lebens so übel daran als der dessen Sinne stumpf sind, für das tierische Leben; auf der anderen Seite ist es wichtig, dass er nach den allgemeinen und besonderen Verhältnissen, darin er lebt, gewisse, mehr oder weniger herrschende, Empfindungen in seiner Seele habe, aus deren harmonischer Mischung ein seinem Stand und Beruf wohl angemessener moralischer Charakter entsteht. Also müssen die schönen Künste diese beiden Bedürfnisse des Menschen zu ihrem letzten Endzweck haben; sie müssen das ihrige beitragen, ihm einen wohl gemäßigten Grad der Empfindsamkeit zu geben und eine gute Mischung herrschender Empfindungen in seiner Seele fest zu setzen; bei besonderen Gelegenheiten aber müssen sie so wohl die Empfindsamkeit als die herrschenden Empfindungen in dem Grad erwecken als es nötig ist, ihn tätig zu machen. Diejenigen also, die sich einbilden, der Künstler habe nichts zu tun, als mancherlei Gegenstände der Empfindungen, in einer angenehmen Mischung durch einander, dem Geschmack so vorzulegen, dass aus dem Spiel der Empfindungen ein unterhaltender Zeitvertreib entsteht, haben zu niedrige Begriffe von der Kunst. Werke von dieser Art wollen wir nicht verwerfen; sie gehören, wie die mancherlei angenehmen Szenen der leblosen Natur, die Empfindsamkeit des Herzens zu unterhalten: aber wie der schöne Schmuck der Natur nur das Kleid ist, das die, zur allgemeinen Erhaltung und Vervollkommnung aller Wesen abzielenden Kräfte einhüllet, so müssen auch die angenehmen Werke der Kunst, durch die, unter dem schönen Kleide liegenden, höheren Kräfte ihren Wert bekommen.

 Eine allgemeine, wohl geordnete Empfindsamkeit des Herzens ist also der allgemeinste Zweck der schönen Künste. Darum suchen sie jede Saite der Seele, sowohl die die Lust als die welche Unlust erwecken, zu rühren. Denn da der Mensch sowohl antreibende als zurückstoßende Kräfte nötig hat, so muss er für das Schöne und für das Hässliche, für das Gute und für das Böse empfindsam sein. Dazu dienen die so unendlich verschiedenen Gegenstände und Szenen, aus der leblosen und aus der belebten, aus der bloß physischen und aus der sittlichen Welt. Alle Gegenstände des Geschmacks werden im Gemälde, in der Beschreibung, in der Ode, in der Epopöe oder im Drama, in jeder Gattung der Behandlung so vorgelegt, dass die Seele ihre Empfindsamkeit daran üben könne, dass sie das Schöne und Gute angenehm, das Hässliche und Böse widrig empfinde. Hierbei hat also der Künstler nur dafür zu sorgen, dass jedes in seiner wahren Gestalt hell vor uns stehe, damit wir es empfinden mögen. Er hat sich vor dem unbestimmten und unwirksamen zu hüten, auf die richtigste Zeichnung jedes Gegenstandes zu befleißen und auf eine gute Form seines Werks zu denken, wodurch es im Ganzen interessant wird.

 Aber die allgemeine Regel der Weisheit muss er nicht aus den Augen lassen, dass er das Maß der Empfindsamkeit nicht überschreite. Denn wie der Mangel der genügsamen Empfindsamkeit eine große Unvollkommenheit ist, indem er den Menschen steif und untätig macht, so ist auch ihr Übermaß sehr schädlich, weil es ihn weichlich, schwach und unmännlich macht. Diese wichtige Warnung, die Sachen nicht zu weit zu treiben, scheinen einige unserer deutschen Dichter, die sonst unter die besten gehören, besonders nötig zu haben. Sie scheinen in dem Wahn zu stehen, dass die Gemüter nie zu viel können gereizt werden. Den Schmerz wollen sie gern bis zum Wahnsinn und zur Verzweiflung, den Abscheu bis zum äußersten Grad des Entsetzens, jede Lust bis zum Taumel und jedes zärtliche Gefühl bis zum Zerfließen aller Sinne treiben. Dieses zielt gerade darauf ab, den Menschen zu einem elenden schwachen Ding zu machen, das von Lust, Zärtlichkeit und Schmerzen so überwältigt wird, dass es keine wirksame Kraft mehr behält, dem alle Standhaftigkeit und aller männliche Mut fehlt.

 Man erzählt von der Porcia, des großen Catos Tochter und Gemahlin des Marcus Brutus, dass sie den Abschied ihres Gemahls, der nun auszog das große Werk der Befreiung der Republick, das durch Cäsars Tod angefangen worden, durch die Waffen zu unterstützen, mit großer Standhaftigkeit ertragen. Einige Zeit danach aber als sie ein Gemälde gesehen, das den Abschied des Hectors von der Andromache nur allzu beweglich vorstellte, verlor sie den männlichen Mut, der ihr so viel Ehre gemacht hatte. Also hat der Maler einer sonst großen Seele den Mut und die Stärke benommen. An einem eben so schädlichen Werk arbeiten alle Künstler, die die Empfindungen zu weit treiben. Der äußerste Grad des Großen in der Empfindung geht wieder ins kleine hinüber. Selbst Liebe und Freundschaft müssen, wie ein großer Künstler anmerkt, in gewissen Schranken gehalten und nicht so weit getrieben werden, dass sie bis in das innerste Mark der Seele dringen.3

 Man wird wenig Beispiele der zu weit getriebenen Empfindungen bei den Alten antreffen, die also auch in diesem Stück unsere Muster sein können. Wenigstens wird man selbst im Trauerspiel, bis auf den Seneca herunter, eine weise Behandlung der Empfindungen antreffen. Auch in den heftigsten Leidenschaften behalten ihre Personen eine gewisse Größe, die ihr Ziel nicht überschreitet. Wenn Anakreon sich durch Wein und Liebe zur Fröhlichkeit ermuntert, wenn er damit seinen Scherz treibt; so bleibt er in den Schranken einer wohl geordneten Empfindung: wenn aber viel seiner neueren Nachfolger keinen Scherz verstehen, wenn sie dabei in Leidenschaft geraten, die so gar bisweilen bis zum Unsinn getrieben wird; wenn sich einige wie Trunkenbolde, andere wie entnervte Wollüstlinge zeigen, so schweifen sie weit über die Schranken heraus: und indem wir uns an Anakreon ergötzen, erwecken diese unser Mitleiden oder ziehen sich unsere Verachtung zu. Dieses sei von den Schranken der Empfindungen gesagt.

 Der wichtigste Dienst, den die schönen Künste den Menschen leisten können, besteht ohne Zweifel darin, dass sie wohl geordnete herrschende Neigungen, die den sittlichen Charakter des Menschen und seinen moralischen Wert bestimmen, einpflanzen können. Empfindungen der Rechtschaffenheit und allgemeinen Redlichkeit, der wahren Ehre, der Liebe des Vaterlandes, der Freiheit, der Menschlichkeit u. s. f. sind in der sittlichen Welt die allgemeinen Kräfte, wodurch die Ordnung, Übereinstimmung, Ruh und Wohlstand erhalten werden. Nur durch sie gelangen die Menschen zu Verdiensten, werden Beschützer der Rechte der Menschlichkeit, Stützen des Staats und Erhalter der Ordnung, der Ruh und des Wohlstandes in größeren oder kleineren Gesellschaften, die gewiss verloren sind, wenn es ihnen an Männern dieser Art fehlt. Weh dem Volke, der Gesellschaft, der Familie, wo die Empfindungen der Ehre, der Redlichkeit, des Rechts erloschen oder nur so schwach sind, dass sie nicht mehr die Triebfedern der Handlungen sein können.

 Hier öffnet sich also ein schönes Feld für alle Künstler, vorzüglich aber für Dichter, die es in ihrer Macht haben, jede wohltätige Neigung und Empfindung in den Gemütern wohl geborener Menschen herrschend zu machen. Nach dieser Krone laufe du, Jüngling, dem die Natur die Gabe verliehen hat, durch süße Worte jedes Ohr zu fesseln und durch reizende Bilder jede Phantasie einzunehmen. Erwecke deiner Nation Männer, deren herrschende Leidenschaft die Liebe des allgemeinen Besten, die Liebe des Rechts und der Ordnung, Hass des Unrechts und der Gewalttätigkeit, Feindschaft gegen jeden Kränker der Rechte der Menschlichkeit ist: dann wollen wir dir Ehrensäulen aufrichten; dann soll dir unter den großen Männern des Staates eine Stelle gegeben werden.

 Die schönen Künste haben zwei Wege dem Menschen Empfindungen einzuflössen. Wenn du mich willst zum Weinen bewegen, sagt Horaz, so weine du selbst; dieses ist der eine Weg. Der andere ist die lebhafte Darstellung oder Vorbildung der Gegenstände, worauf die Empfindung unmittelbar geht; wer Mitleiden erwecken will, muss den Gegenstand des Mitleidens uns lebhaft vors Gesicht bringen. Fast alle Arten der Dichtungen schicken sich so wohl zum einen als zum anderen Weg. Der epische Dichter und der dramatische, beide können die Empfindung, die sie uns einflössen wollen, in anderen so lebhaft, so stark und so liebenswürdig zeichnen, dass auch unser Herz dafür eingenommen wird. So schildert Bodmer die herrschende Gottesfurcht und die daher entstehende Unschuld und himmlische Seelenruhe an den Noachiden auf eine Art, die jeden empfindsamen Menschen dafür einnimmt.4 Der Oden- und Liederdichter äußert die Empfindung, die er in unser Herz legen will, an sich selbst; er öffnet sein Herz, dass wir die lebhafteste Wirksamkeit der Empfindung darin sehen und wir legen unser eigenes Herz an das seinige, damit es von derselben Empfindung gerührt und von demselben Feuer entflammt werde.

 Eben so gewiss kann der Künstler jeder Empfindung den Weg in unser Herz bahnen, wenn er durch seine zauberische Kunst den Gegenstand derselben unserer Phantasie lebhaft vorbildet. Kein Grieche konnte das erhabene Bild des Jupiters, von Phidias gemacht, im Tempel zu Olympia sehen, ohne von Ehrfurcht gegen diesen Gott erfüllt zu werden.

Welcher Mensch von einiger Empfindsamkeit kann die Schilderung der Tyrannei Magogs lesen,5 ohne dass er mit Hass und Abscheu dagegen eingenommen werde? Oder wer kann den wütenden Philo reden hören,6 und nicht auf immer mit Hass und Abscheu gegen einen gewalttätigen Heuchler erfüllt werden? Welcher Sohn kann das Bild eines wegen seiner väterlichen Sorgfalt und seiner nachgebenden Liebe verehrungswürdigen Vaters, das Terenz in der Person des Chremes geschildert hat, sehen, und nicht mit kindlicher Ehrfurcht für einen solchen Vater erfüllt werden und wenn er einen solchen Vater hat, mit dem Sohn ausrufen »und dieser ist mein Vater und ich sein Sohn? Wäre er mein Bruder, mein Freund, wie könnt' er gefälliger sein? Den sollt ich nicht lieben? Nicht auf den Armen tragen? O! Wahrlich ich fürchte mich so sehr ihn zu beleidigen, dass meine größte Sorge sein wird, auch nicht aus Unvorsichtigkeit etwas zu tun, das ihm zuwider sein könnte«7

 Da es das eigentliche Werk der Künstler ist, die Gegenstände der Empfindungen und die Empfindungen selbst auf das lebhafteste zu schildern, beides aber wichtigen Einfluss auf die Bildung der Gemüter haben kann, so steht es offenbar bei ihnen jede Empfindung zu erwecken, wenn sie nur nicht ganz unempfindliche Menschen vor sich haben. Der Künstler also, der seines Berufs eingedenk, seine Kräfte fühlt, weiht sich selbst zum Lehrer und Führer seiner Mitbürger. Mit dem Auge eines Philosophen und Patrioten, erforscht er ihren Charakter und ihre Gesinnungen; er kennt darin die Quellen und Ursachen des gegenwärtigen oder zukünftigen Wohlstandes oder Verfalls einzelner Häuser und der ganzen Gesellschaft. Dann begeistert ihn sein Eifer für Ordnung und Recht, seine Begierde rechtschaffene und auch glückliche Menschen zu sehen; er entflammt die noch nicht jedem Gefühl der Rechtschaffenheit abgestorbenen Herzen mit neuen Empfindungen; unterhält und verstärkt das Feuer derselben, wo es noch nicht erloschen ist.

 Diesen großen Einfluss könnten und sollten die schönen Künste haben; sie würden ihn haben, wenn bei dem Künstler das große Genie, mit einem großen Herzen verbunden und die Regenten der Völker auch Väter derselben wären, die der Wirksamkeit des Genies der Künstler ihre rechte Lenkung gäben. Nur ein Mensch, wie Voltaire, was würde der nicht ausgerichtet haben, wenn sein Herz so groß als sein Genie gewesen und wenn er im Dienst eines Solons oder Lycurgus gestanden hätte? Wenn diese Betrachtungen bloß süße Träume sind, so sind sie es gewiss nicht darum, dass es ihnen an innerer in der Natur der Sachen liegenden Gründlichkeit fehlt; denn die Möglichkeit der Sache liegt am Tage.

 Noch eine Anmerkung wollen wir diesen Betrachtungen für die Künstler hinzufügen, die wirklich die Absicht haben nützlich zu sein. Wir wollen sie warnen bei den Empfindungen, die sie erwecken wollen, nicht allzu sehr nach einem allgemeinen Ideal zu arbeiten. So wie der, welcher alle Menschen seiner Freundschaft versichert, keines einzigen Menschen Freund ist, so ist auch der nach einem allgemeinen Ideal der Vollkommenheit gebildete Mensch schwerlich in irgendeinem Staat der rechtschaffene Bürger. Die Empfindung, die recht wirksam werden soll, muss einen ganz nahen und völlig bestimmten Gegenstand haben. Es gibt freilich allgemeine Empfindungen der Menschlichkeit, die in allen Ländern, in allen Zeiten und unter allen Völkern gleich gut sind. Aber auch diese müssen bei jedem Menschen ihre besondere, seinem Stand und den nähern Verhältnissen, darin er ist, angemessene Bestimmung haben. Der allgemeine rechtschaffene Mensch muss noch besonders gebildet werden, wenn er in Sparta oder in Athen oder in Rom, der rechtschaffene Bürger sein soll. Wir raten keinem Künstler für alle Völker und so gar für alle nachfolgenden Zeiten zu arbeiten; dies wäre der Weg bei keinem Volk und in keiner Zeit nützlich zu sein. Homer und Oßian der schottische Barde, haben weder an die Nachwelt, noch an andere Völker als die unter denen sie lebten, gedacht als sie Gesänge gedichtet, die zu allen Zeiten werden gelesen werden. So haben Sophokles, Euripides und Horaz nicht für das menschliche Geschlecht, sondern für Athen und Rom geschrieben. Je mehr der Künstler die besonderen Verhältnisse seiner Zeit und seines Orts vor Augen hat, je gewisser wird er die Saiten treffen, die er berühren will. Am allerwenigsten sollten sich die Künstler einfallen lassen, Gegenstände die bloß auf einen fremden Horizont abgepasst sind, auf dem unsrigen aufzustellen? was für eine abgeschmackte Figur machen nicht die Götter der Griechen in unseren Gärten und auf unseren Palästen? Sie sind eben so schicklich als es sein würde, wenn der Lappländer die leichten seidenen Kleider der Indianer in seinem Land einführen wollte. Dieses sollten vornehmlich die Maler und die dramatischen Dichter beobachten und uns nicht unaufhörlich mit mythologischen und aus einer uns ganz unbekannten Welt hergenommenen Gegenständen unterhalten. Wir können an den gemalten Verwandlungen des Ovidius wenig mehr als den Pinsel des Malers schätzen; dies ist aber nicht der Zweck der Kunst; und was kann uns auf der deutschen Schaubühne der lächerlichste Marquis, die leichtfertigste Soubrette oder ein schelmischer Lakai helfen? Was würde der beste Liederdichter, der die witzigsten und artigsten Vaudevilles der Franzosen aufs beste nachahmen könnte, in irgendeiner deutschen Stadt damit ausrichten? Der Künstler trifft am gewissesten den Weg zum Herzen, der einheimische Gegenstände schildert und der das allgemeine der Empfindung durch Lokalumstände fühlbarer und reizender macht.

 

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1 S. Künste.

2 Phædrus.

3 Euripid. in Hippol. vers 253. seq.

4 Man sehe unter anderen in der Noachide S. III. in IV Gesang; 153 u. s. f. in dem VI, S. 204 in dem VII Ges. nach der berlinischen Ausgabe.

5 Noachide II Ges. S. 44 u. s. f.

6 Meßias IV Ges.

7 Terent. Adelph. Act. IV Scen. 5.

 


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