Akzent

Akzent. (Redende Künste) Die Modifikation der Stimme, wodurch in der Rede oder in dem Gesang einige Töne sich vor anderen ausnehmen, und wodurch also überhaupt Abwechslung und Mannigfaltigkeit in die Rede kommen. Wenn alle Silben mit gleicher Stärke und Höhe der Stimme ausgesprochen würden, so wäre weder Annehmlichkeit noch Deutlichkeit in derselben; sogar die Bemerkung des Unterschieds der Wörter würde wegfallen. Denn dass das Ohr die Rede in Wörter abteilt, kommt bloß von dem Akzent her.

 Die Akzente sind aber von verschiedener Gattung und haben sowohl in der künstlichen Rede oder der Sprache als in der natürlichen oder dem Gesange, statt; wir müssen jede Gattung besonders betrachten. Jedes vielsilbige Wort hat auch außer der Rede, wenn es allein ausgesprochen wird, einen Akzent, dessen Wirkung ist, dasselbe Wort von denen, die vor oder nach ihm stehen könnten, abzulösen und für sich zu einem ganzen zu machen, indem es dadurch eine Erhöhung und Vertiefung, einen Anfang und ein Ende bekommt [s. Ganz] und also zu einem Worte wird. Dieses lässt sich fühlen und bedarff also keiner weiteren Ausführung. Diese Gattung wird der grammatische Akzent genannt. Er wird in jeder Sprache bloß durch den Gebrauch bestimmt, dessen Gründe schwerlich zu entdecken sind. Dieser Akzent ist eine der Ursachen, welche die Rede wohlklingend machen, indem er sie in Glieder abteilt, und diesen Gliedern selbst Manigfaltigkeit gibt, da in verschiedenen gleichsilbigen Wörtern der Akzent verschieden gesetzt wird. So sind die viersilbigen Wörter Gerechtigkeit, Wohltätigkeit, Philosophisch, Philosophie, gleich große Glieder der Rede, aber von verschiedenem Bau; indem eines den Akzent auf der ersten, ein anders auf der zweiten, eines auf der dritten und eines auf der vierten Silbe hat.

 Die nächste Gattung des Akzents ist diejenige, welche zu deutlicher Bezeichnung des Sinnes der Rede dient und den Nachdruck gewisser Begriffe bestimmt; man nennt dieses den oratorischen Akzent. Einsilbige Wörter haben keinen grammatischen Akzent, sie bekommen den Oratorischen, so bald sie Begriffe bezeichnen, auf welche die Aufmerksamkeit besonders muss geführt werden. In vielsilbigen Wörtern wird der grammatische Akzent durch den Oratorischen verstärkt oder verschwächt oder gar aufgehoben und auf andere Silben gelegt. In der Redensart: er sei stark oder schwach, daran liegt nichts, bekommen die Wörter stark und schwach kaum einen merklichen Akzent: Sagt man aber, ist er auch stark genug? – oder: ist er wohl schwach genug? – so bekommen sie durch den Akzent einen Nachdruck. In dem Ausdruck: was unmöglich ist, wünscht kein verständiger Mensch, be hält das Wort unmöglich seinen grammatischen Akzent auf der ersten Silbe, da in diesem Ausdruck – unmöglich kann mein Freund mich verlaßen! – der oratorische Akzent auf die zweite Silbe des Wortes unmöglich kommt. Wer im Zorn sagte – unmöglich oder möglich, es gilt gleich viel. – der würde den oratorischen Akzent auf den grammatischen legen und die Silbe un verstärken. Eine besondere Art des oratorischen Akzents ist der Pathetische, welcher den Oratorischen noch verstärkt. Dieser macht eigentlich das aus, was wir den Ton nennen, davon besonders gehandelt wird [s. Ton der Rede]. Man kann nämlich einerlei Reden mit einerlei oratorischen Akzenten, dennoch so verschieden vorbringen, dass sie ganz entgegen gesetzte Charaktere annehmen.

Von der Beobachtung der Akzente hängt ein großer Teil des Wohlklangs ab. Der Redner und der Dichter, der seine Worte und Redensarten so zu setzen weis, dass alle Gattungen der Akzente sich nicht nur unter dem lesen selbst darbieten, sondern mit den Gedanken selbst so genau verbunden sind, dass sie notwendig werden, ist unfehlbar wohlklingend. Denn dass der Wohlklang mehr von den verschiedenen Akzenten als bloß von der richtigen Beobachtung der Prosodie herkomme, scheint eine ausgemachte Sache zu sein.

Akzent in der Musik. Die verschiedene Gründe, aus denen die Notwendigkeit der Akzente in der Sprache erkennt wird, können auch auf die Akzente des Gesangs angewendet werden. Der Gesang ist eine Sprache, die ihre Gedanken und ihre Perioden hat. Ohne Verschiedenheit des Nachdrucks der einzeln Töne und Mannigfaltigkeit darin, das ist ohne Akzente, hat kein Gesang statt [s. Gesang]. Das Ohr muss bald gereizt, bald in seiner Spannung etwas gehemmt werden, jetzt eine größere, denn eine geringere Empfindung bei einerlei Gattung des Ausdrucks haben. Die Akzente, welche sowohl einzelne Töne erheben oder dämpfen als ganzen Figuren mehr oder weniger Nachdruck geben, sind die Mittel jene Wirkungen zu erreichen.

Diese Akzente sind, wie die in der gemeinen Sprache, grammatische, oratorische und pathetische Akzente; sie müssen alle erst von dem Tonsetzer, danach in dem Vortrag von dem Sänger oder Spieler auf das genaueste beobachtet werden. Die grammatischen Akzente in der Musik sind die langen und kräftigen Töne, welche die Haupttöne jedes Akkords ausmachen und die durch die Länge und durch den Nachdruck, durch die mehrere Fühlbarkeit, vor den anderen, die durchgehende, den Akkord nicht angehende Töne sind, müssen unterschieden werden. Diese Töne fallen auf die gute Zeit des Takts. Es ist aber schlechterdings notwendig, dass sie in Gesangsstücken mit den Akzenten der Sprache genau übereintreffen.

Die oratorischen und pathetischen Akzente des Gesangs werden beobachtet, wenn auf die Wörter, welche die Hauptbegriffe andeuten, Figuren angebracht werden, die mit dem Ausdruck derselben überein kommen, weniger bedeutende Begriffe aber mit solchen Tönen belegt werden, die bloß zur Verbindung des Gesangs dienen; wenn die Hauptveränderungen der Harmonie auf dieselben verlegt werden; wenn die kräftigsten Auszierungen des Gesangs, die nachdrücklichsten Verstärkungen oder Dämpfungen der Stimmen, an die Stellen verlegt werden, wo der Ausdruck es erfordert.

In Gesangsstücken muss demnach der Tonsetzer zu vorderst die Akzente seines Textes genau studieren, weil die seinigen notwendig damit übereinstimmen müßen. Erst alsdenn, wenn er sich seinen Text mit allen Akzenten, dem Ohr vollkommen eingeprägt hat, kann er auf seinen Gesang denken. Da aber der Lauf des Gesangs durch die Harmonie und den Takt ungemein vielmehr eingeschrenkt ist als der Lauf der Rede, so findet freilich der Tonsetzer starke Schwierigkeiten, diese beiden Dinge mit dem Akzent zu verbinden. Er hat aber auch wieder Mittel sich heraus zu helfen; die Pausen der Singestimme, da inzwischen die Instrumente seine Periode vollenden; die Wiederholung einiger Wörter und andere ihm eigene Kunstgriffe kommen ihm zu Hilffe, wenn es ihm nur nicht an Genie fehlt, selbige recht anzuwenden.

Die Musik hat unendlich mehr Mittel als die Sprache, ein Wort und eine Redensart verschiedentlich vor anderen zu modificiren, das ist, sie hat eine Mannigfaltigkeit oratorischer und pathetischer Akzente, da die Sprache nur wenige hat. Dieses ist einer der vornehmsten Gründe der vorzüglichen Stärke der Musik über die bloße Poesie. Aber desto mehr Schwierigkeit hat auch der Tonsetzer, diese Akzente mit den übrigen wesentlichen Eigenschaften des Gesangs so zu verbinden, dass er nirgend, weder gegen die Harmonie noch gegen den äußerst genau abgemessenen Gang des Gesangs, anstosse.

Auch der Tanz hat seine Akzente, ohne welche er ein bloßer Gang oder eine unordentliche Folge von nicht zusammenhängenden Schritten oder Sprüngen sein würde. So sind z. B. der Stoß oder frappé, die Beugung der Knie oder das plié, der Sprung ohne Fortrückung, in dem Tanz, das, was die grammatischen Akzente der Sprache sind. Das Figürliche des ganzen Schrittes, mit allem was dazu gehört, kommt mit dem oratorischen oder nach Beschaffenheit auch mit dem pathetischen Akzent überein. Man begreift aber, dass diese Akzente nicht nur alle Schwierigkeiten der musikalischen Akzente, sondern noch andere dem Tanz besondere zu überwinden haben.


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