Anlage

Anlage. (Schöne Künste) Die Darstellung der wesentlichsten Teile eines Werks, wodurch es im ganzen bestimmt wird. Jedes größere Werk der Kunst erfordert eine dreifache Arbeit. Die Anlage, von welcher hier die Rede ist, die Ausführung und die Ausarbeitung, von denen besonders wird gehandelt werden.

 In der Anlage wird der Plan des Werks, mit den Hauptteilen desselben bestimmt, die Ausführung gibt jedem Hauptteil seine Gestalt und die Ausarbeitung bearbeitet die kleinern Verbindungen und fügt die kleinsten Teile völlig, jeden in seinem rechten Verhältnis und bester Form zusammen. Wenn die Anlage vollendet ist, so muss nichts wesentliches mehr in das Werk hinein kommen können. Sie enthält schon alles wichtige der Gedanken und erfordert deswegen das meiste Genie. Darum bekommt ein Werk seinen größten Wert von der Anlage. Sie bildet die Seele desselben und setzt alles feste, was zu seinem innerlichen Charakter und zu der Wirkung, die es tun soll, gehört. Deswegen können auch grobe oder schlecht bearbeitete Werke, der guten Anlage halber sehr schätzbar sein. So waren nach dem Zeugnis des Pausanias die Werke des Dädalus; sie fielen etwas unförmlich in das Auge, doch entdeckte man in allen etwas großes und erhabenes.1

Es ist jedem Künstler zu raten, nicht nur die größte Anstrengung des Geistes auf die Anlage als den wichtigsten Teil zu wenden, sondern auch nicht eher an die anderen Teile der Arbeit zu gehen, bis dieser glücklich und zu seiner eignen Befriedigung zu Stande gebracht ist. Schweerlich wird ein Werk zu einer über das mittelmäßige steigenden Vollkommenheit kommen, wenn die Anlage nicht vor der Ausführung vollkommen gewesen. Die Unvollkommenheit der Anlage benimmt dem Künstler das Feuer und so gar den Mut zur Ausführung. Einzelne Schönheiten sind nicht vermögend die Fehler der Anlage zu bedecken. Besser ist es allemal ein Werk von unvollkommener Anlage ganz zu verwerfen als durch mühsame Ausführung und Ausarbeitung, etwas unvollkommenes zu machen. Es scheint eine der wichtigsten Regeln der Kunst zu sein, sich nicht eher an die Bearbeitung eines Werks zu machen, bis man mit der Anlage desselben vollkommen zu frieden ist. Denn diese Zufriedenheit gibt Kräfte zur Ausführung. S. Anordnung.

 

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1 Pausan. Corinth.

 


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