Malerei, Malerkunst

Malerei. Malerkunst. Diese so durchgehends gefallende und angenehme Kunst scheint auf den ersten Blick bloß für die Belustigung des Auges und für sanftes Ergötzen zu arbeiten; aber eine überlegtere Betrachtung zeigt sie uns in höherer Würde. Wahrscheinlich ist sie in ihrer ersten Jugend, wie die anderen schönen Künste, eine bloße Belustigerin gewesen. Schon in den Farben allein, wenn auch keine Zeichnung dazu kommt, liegt Annehmlichkeit: noch halb wilde Völker werden davon gerührt, sammeln die schönsten Federn der Vögel, um ihre Kleider damit zu schmücken, die lebhaftesten bunten Muscheln und die glänzendsten Steine, um Zierraten davon zu machen. Vielleicht hat es lange gewährt, ehe man gewahr worden, dass Farben mit Zeichnung verbunden, ein noch mannigfaltigeres Ergötzen verursachen; denn der Wachstum der Kenntnisse und des Geschmacks ist unbegreiflich langsam. Aber erst nachdem man dieses gemerkt hatte, wurde der erste Keim der Malerei gebildet, die in ihrer ursprünglichen Natur nichts anders ist als eine Nachahmung sichtbarer Gegenstände auf flachem Grund, vermittelst Zeichnung und Farbe.

Schwerlich wird diese Nachahmung in den ersten Zeiten etwas anderes zum Grunde gehabt haben als die Belustigung der Sinne und der Einbildungskraft, die überall bei gemalten Gegenständen sich mehr vorstellt als die Sinne wirklich empfinden. Aber schon bei dieser eingeschränkten Absicht hatte die Malerei ein edles und weites Feld zur Übung vor sich: edel, weil sie die allweise und allwohltätige Natur nachahmte, die überall Lieblichkeit in Farben und Formen verbreitet hat; weit, weil die Mannigfaltigkeit des Angenehmen dieser Art, unermesslich ist. Noch jetzt, da die Kunst durch manches Jahrhundert und durch die Anstrengung der größten Genien in ihren Kräften und Absichten erhöhet worden, ist sie auch in ihrem eingeschränkteren Wesen allein betrachtet, eine Kunst, die mit Ehren neben der Poesie und Musik stehen kann.

Alles was die so mannigfaltigen und zum Teil so reichen Szenen der leblosen und lebenden Natur, durch ihre Anmut und durch so manchen Reiz, vorteilhaftes in uns wirken, kann auch diese vornehmste Nachahmerin derselben ausrichten. Sie befördert in empfindsamen Seelen die Fähigkeit feineres Vergnügen zu fühlen, die der Mensch vor dem Tier voraus hat und mildert dadurch seine Gemütsart; sie macht, dass der Samen des Geschmacks an Übereinstimmung, Regelmäßigkeit, Ordnung und Schönheit, in der Seele aufkeimet und treibt ihn allmählich bis zur Stärke einer erwachsenen Pflanze; sogar die ersten Keime des sittlichen Gefühls werden durch sie ausgetrieben [s. Künste, nicht weit vom Anfange des Artikels]. Wer wird nicht gestehen, dass die Kunst alle reizenden Szenen der sichtbaren Natur uns in wohl geratenen Nachahmungen vorzulegen, eine Kunst von schätzbarem Wert sei? [Man sehe auch den Art. Landschaft]

 Aber die Malerei hat noch etwas Größeres in ihrer Natur als dieses ist: durch Philosophie geleitet, hat sie einen höheren Flug genommen. Sie hat gelernt den Menschen nicht bloß zu ergötzen, sondern ihn auch zu unterrichten, sein Herz zum Guten zu lenken und jede Art heilsamer Empfindungen lebhaft in seinem Gemüte zu erwecken; das Feuer der Tugend in ihm anzuflammen und die Schrecknisse des Lasters ihm zur Warnung empfinden zu lassen. Aristoteles hat schon angemerkt [Polit. L. V.], dass es Gemälde gebe, die eben so kräftig sind einem lasterhaften Menschen in sich gehen zu machen als die moralischen Lehren des Weltweisen und Gregorius von Nazianz erwähnet in einen seiner Gedichte eines wirklichen Beispieles hiervon. Eine höchst wunderbare Wirkung der Zeichnung und der Farben, die freilich das menschliche Genie in seiner höchsten Kraft nicht würde erfunden haben, wenn nicht die Natur dies wunderbare Problem zuerst aufgelöst hätte. Sie ist es, die uns denkende, innerlich und unsichtbar handelnde, nach Gutem und Bösen strebende, Vergnügen und Schmerzen fühlende Wesen, sichtbar gemacht hat. Denn der menschliche Körper ist nach seiner äußern Gestalt im Grunde nichts anders als seine sichtbare Seele mit allen ihren Eigenschaften [s. Schönheit]. Sanft und liebenswürdig ist eine wohl geschaffene weibliche Seele, stark, unternehmend und verständig die männliche; beides zeigen uns die Formen ihrer Körper. Es liegt keine gute noch böse Eigenschaft in der Seele, die wir nicht durch Gestalt und Farbe des Körpers fühlten. Also kann der Maler so gut die höhere, unsichtbare, sittliche Welt als die gröbere, körperliche malen.

Zwar nicht in dem ganzen Umfang und mit allen kleinen Äußerungen, wie es die Beredsamkeit und Dichtkunst tun; denn die Malerei lässt uns nur den Geist, nur das Kräftigste und Fühlbarste davon sehen; aber mit desto mehr Nachdruck. Der liebenswürdige Blick eines sanften, der wilde Blick eines zornigen Gemütes, geben uns weit lebhaftere Empfindungen als wenn wir den einen oder den anderen Zustand der Seele, die durch diese Blicke sich zeigen, in lebhaften Ode lesen würden. Dieses fühlt jeder Mensch. Ein Blindgeborner wird gewiss nie so schnell die Wirkung der Liebe aus den Reden der liebenswürdigsten Schönen empfinden als der Sehende, der taub wäre; auch wird die stärkste Drohung durch Worte, nie so schnell noch so lebhaft in das Herz dringen als ein grimmiger Blick des Auges von einem drohenden Gesichte. Und eben dieses lässt sich von jeder Empfindung behaupten. Was also die Malerei in den Vorstellungen aus der sittlichen Welt an Ausdehnung gegen die redenden Künste verliert, das gewinnt sie an Kraft, die die Kraft der Rede weit übertrifft. Der Musik steht sie an Lebhaftigkeit der Wirkungen nach [s. Künste gegen das Ende des Artikels], aber unendlich übertrifft sie dieselbe an Ausdehnung ihrer Vorstellungen.



Inhalt:


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Mittel der Malerei
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Ursprung und Geschichte

 © textlog.de 2004 • 15.12.2019 09:02:00 •
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