Ausdruck in zeichnenden Künsten

Ausdruck in zeichnenden Künsten. Man sagt von dem Zeichner, er sei im Ausdruck stark, wenn seine Figuren Leben, Gedanken und Empfindung zu haben scheinen. Durch den Ausdruck der Zeichnung wird der unsichtbare Geist sichtbar. Diese erhabene Kunst ist eine Erfindung der Natur. Nur dem unendlichen Genie war es möglich, der Materie Empfindung zu geben. Dadurch wird die Malerei zu der wunderbaresten Kunst, weil sie bloß durch Farben jede Empfindung der Seele rege machen kann: bloße Scharten werden durch die Zauberei des Ausdrucks in denkende und empfindende Wesen verwandelt. Ohne diese Kunst ist ein gemaltes und geschnitztes Bild eine öde Form, die keinem denkenden Wesen gefallen kann; durch sie wird es zu einem handelnden Wesen, mit dem wir unser Herz teilen.

Die größte Bestrebung des zeichnenden Künstlers muss auf diesen Teil gerichtet sein, ohne welchen alles übrige nichts ist. Callistratus nennte die Bildhauerei die Kunst Sitten auszudrücken,12) und zeigte dadurch an, dass der Ausdruck der eigentliche Zweck dieser Kunst sei. Nach den wirklichen Szenen des menschlichen Lebens und deren vollkommenen Vorstellung auf der Schaubühne, wirkt nichts so sehr auf den Geist als Gemälde von vollkommenem Ausdruck. Sie erwecken in dem Geist Bestrebungen nach Vollkommenheit und flößen dem Herzen Empfindungen ein. Wie ein Jüngling durch die Kraft der Schönheit zu einer Liebe gereizt wird, die seine ganze Seele einnimmt, so wird durch die Kraft des Ausdrucks jeder empfindende Mensch mit Bewunderung des Großen, mit Liebe zum Guten, mit Abscheu für das Böse, erfüllt. Themistokles konnte bei dem Andenken an die Siegeszeichen des Miltiades nicht schlafen, so sehr wurde dadurch seine Seele mit edler Ruhmbegierd entflammt; wie viel mehr muss nicht ein edles Herz empfinden, wenn nicht bloß ein Zeichen der Größe einer Seele, sondern diese Seele selbst, vors Gesichte gestellt wird. Kann die Tugend, die bloß als ein Schattenbild in unserer Einbildungskraft schwebet, die stärkste Bewunderung erwecken, was muss nicht denn geschehen, wenn sie in sichtbarer Gestalt und in hellem Lichte vor uns steht? Wenn wir in den wirklichen Szenen des Lebens das Glück haben, Menschen in dem Augenblick zu sehen, da ihre Seele mit großen Empfindungen erfüllt ist, so gehen diese Szenen schnell vor dem Gesichte vorbei; aber der Künstler hält diese kostbaren Augenblicke für uns fest. Unser Auge kann so lang darauf verweilen, bis es gesättiget ist, wenn hier eine Sätigung statt hat; wir genießen den Gegenstand so lange, bis er seine völlige Wirkung auf uns getan hat.

Aber durch welchen Weg, durch welche Stufen gelangt der Künstler zu diesem höchsten Gipfel der Kunst, die ihn zum Meister aller Herzen macht? Dahin führt kein Weg, den jeder betreten kann; denn gemeinen Augen ist er nicht sichtbar. Wem nicht die Natur eine Seele gegeben hat, die jede Gattung des Guten tief fühlt und die sein Auge schärft jedes zu sehen, der würde sich umsonst bestreben, in diesem Teile der Kunst groß zu werden. Die Sinne bringen nichts in die Seele; sie erwecken nur das, was schon schlafend darin gelegen hat. Umsonst sieht ein Aug, das von einer unempfindlichen Seele regiert wird, die reizendste Schönheit; es entdeckt nichts darin. Die Natur allein bildet den großen Künstler; aber Übung und Fleiß machen ihn vollkommen.

Die ersten Schritte zu dieser Vollkommenheit tut die Beobachtung, ohne welche alles, was in unserer Seele eingewickelt liegt, auf immer ohne Wirkung bleiben würde. Das gute, dessen Keim in uns liegt, fängt an sich zu entwickeln, so bald wir es an anderen entwickelt sehen. Die Beobachtung der Tugend ist der fruchtbare Sonnenschein, der den Saamen unserer eignen Tugend aufkeimen macht. Der Künstler muss sich bemühen, die menschliche Natur überall, wo sie sich am besten entwickelt hat, zu beobachten. Man darf sich nicht wundern, warum die griechischen Künstler so groß im Ausdruck gewesen sind, da es offenbar ist, dass bei keinem Volk alle natürliche Anlagen der Seele sich so frei und so völlig als bei diesem, entwickelt haben. Wenn unter den Grönländern ein größerer Phidias oder Raphael geboren würde, so würde er gewiss keine einzige feine Empfindung auszudrücken lernen. Eine genaue Bekanntschaft mit Menschen, bei denen jede große Anlage ausgebildet ist, macht den ersten Schritt zu der Vollkommenheit aus, von der hier die Rede ist. Was der Künstler nicht im Leben sehen kann, muss er aus der Geschichte erfahren und durch die Gemälde der Dichter. Dadurch muss sein Geist gebildet und seine Phantasie erhitzt werden. So wurde Phidias nach seinem eigenen Geständnis durch den Homer tüchtig gemacht, seinen Jupiter zu bilden. Der allein, welcher seine Seele durch diese Mittel zur Empfindung gebildet hat, kann sich schmeicheln, zu einiger Vollkommenheit des Ausdrucks zu gelangen. Indem er selbst voll Empfindung ist, wird seine Phantasie ihm die Bilder, an denen das, was er fühlt, sichtbar ist, vors Gesichte stellen. Dann darf er nur nachzeichnen. Durch Suchen, durch Überlegen und durch Abmessen findet man den Ausdruck nicht; nur die vom Herzen erwärmte Einbildungskraft sieht ihn.

Hierzu muss noch ein erhöhter Geschmack kommen, der unter viel gleichbedeutenden Dingen dasjenige wählt, was den Personen und Umständen gemäß ist. Ein König zürnt anders als ein gemeiner Mensch, und der Schmerz eines männlichen starken Gemütes äußert sich ganz anders als wenn er eine schwache weibliche Seele durchdringt. Nicht nur das muss der Künstler fühlen, sondern auch noch das, was dem Ausdruck etwas anstößiges oder widriges geben würde. Denn so wie der Tonsetzer auch in den Dissonanzen auf Ordnung und Regelmäßigkeit sehen muss, so ist in dem Ausdruck des Zeichners alles zufällig widrige zu vermeiden. Ein Gesichte muss, um einen widrigen Affekt auszudrücken, nicht hässlich werden. Das Schöne der Formen ist in zeichnenden Künsten, so wie die richtige Harmonie in der Musik, von jedem Ausdruck unzertrennlich. Das schönste Gesicht kann sich eben so gut nach allen Leidenschaften verändern als ein weniger schönes; darum muss dieses jenem niemals vorgezogen werden.

Der feineste Geschmack wird dazu erfordert, dass man in dem Ausdruck das Wesentliche von dem Zufälligen unterscheide. Ein Mensch von wenig Empfindung merkt die Leidenschaften der Freude, des Zornes oder des Schmerzens nicht eher, bis selbige sich durch Geschrei oder Schimpfen äußern, da Personen von feinerm Geschmack, ohne diese zufälligen Äußerungen fühlen, was sie zu fühlen haben.13)

Außer diesen inneren Fähigkeiten zum guten Ausdruck müssen auch noch andere vorhanden sein. Es ist nicht genug, dass der Künstler durch die Phantasie sehe, was er zu zeichnen hat; er muss das, was er sieht, auch anderen sichtbar machen können. Dazu macht ihn nur ein vollkommenes Augenmaß und eine vollkommene Fertigkeit der Hand geschickt. Also können nur große Zeichner in jedem Ausdruck glücklich sein. Das Auge muss die kleinsten Veränderungen der Formen entdecken und die Hand muss sie ausdrücken können.

Also müssen beide unaufhörlich geübt werden. Dem Anfänger der Kunst kann es helfen, wenn er sich das zu Nutze macht, was gute Meister über das besondere, wodurch die Leidenschaften sich auf den Gesichtern und in der Haltung des Körpers unterscheiden, ausführlich angemerkt haben. Wenn er Le Brüns nach allen Leidenschaften charakterisierte Köpfe flei ßig betrachtet und zeichnet, so wird sein Augenmaß dabei gewinnen. Er wird lernen, worauf er bei jedem Affekte vorzüglich zu sehen habe; welche Leidenschaft sich vornehmlich im Auge, welche in dem Munde sich äußert Er muss sich die Bemerkungen der Meister über den Einfluss derselben auf die Stellung und Bewegung der Gliedmaßen bekannt machen. Die Glieder unseres Körpers besitzen eine Art der Sprache. Alle Gliedmaßen helfen dem Redner sprechen; von den Händen kann man bei nahe sagen, dass sie selbst sprechen. Können wir nicht, sagt ein Kunstrichter, mit den Händen fordern, versprechen, rufen, verabscheuen, fürchten, fragen, leugnen oder weigern, Freude und Traurigkeit, Zweifel, Bekenntnis, Neue, Maß und Ziel, Überfluss, Zeit und Zahl andeuten.14) Auch einzelne Muskeln des Rumpfs, besonders die an der Brust und an dem Unterleibe sind, haben ihren eigenen Ausdruck.

Alles dieses genau zu beobachten, muss des Künstlers unablässliches Studium sein. Er muss zu dem Ende keine Gelegenheit vorbei lassen, bei den Auftritten des Lebens zu sein, wo sich die Leidenschaften der Menschen am meisten äußern; Auftritte, wo ein ganzes Volk sich versammelt; wo er Freude,. Furcht, Schrecken, Andacht, in tausend Gesichtern und Stellungen sehen kann.

Mit dieser Beobachtung der Natur verbinde er das Studium der Antiken, wo der Ausdruck am vollkommensten erreicht und auch in den schlechtesten Stücken nicht ganz versäumt ist. In den Werken der Neueren müssen des Michel Angelo und vornehmlich Raphaels, beste Werke ihm täglich vor Augen schweben. Diese Werke sind durch die tiefsinnigsten Beobachtungen großer Geister zu der Vollkommenheit gestiegen, die wir an ihnen bewundern; sie studieren, erleichtert den Weg zu eben dieser Vollkommenheit. Auch Deutschland kann auf einen Mann stolz sein, der im guten Ausdrucke als ein Anführer kann gebraucht werden. Dieser ist Schlüter, dessen Verdienste so wenig bekannt sind, und dessen Werke nur Berlin besitzt.15)

 

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12) a’ .. p...t.. t.[..]

13) S. Leidenschaften.

14) S. Iunius de pictura Veterum L. III. c. 4.

15) Ein verdienstvoller berlinischer Künstler, Herr Bernhard Rode, hat mit rühmlichem Eifer sein möglichstes getan, diesen großen Mann bekannter zu machen. Er hat so wohl seine Larven, die das berlinische Zeughaus zieren als verschiedene andere Werke auf eine geistreiche Art geätzt. Möchte er doch fortfahren, auch die übrigen größeren Werke dieses vortrefflichen Mannes bekannter zu machen!

 


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