Säule

Säule. (Baukunst) Ohne Zweifel hat die älteste Art zu bauen den Gebrauch der Säulen eingeführt. Allem Ansehen nach bestanden die ältesten Gebäude bloß aus etlichen in die Ründe oder in ein Viereck herumgesetzten Stämmen von Bäumen, über welche man ein Dach gemacht hat. Also waren die ältesten Säulen Stämme der Bäume; und von diesen haben danach die Säulen sowohl die Verjüngung als auch die Verhältnisse der Dicke zu der Höhe bekommen. Der Gemächlichkeit halber, haben die ersten, noch von keiner Kunst unterrichteten Baumeister, eben nicht die dicksten Bäume zu Unterstützung ihres Daches ausgesucht. Bäume von einem Fuß Dicke waren ihnen mehr als hinlänglich und das Dach über diese Stämme ist ohne Zweifel nur so hoch gewesen als der Arm, um es zu setzen, reichen konnte; sechs bis sieben Fuß. Daher nachgehends das älteste Verhältnis der Säulenhöhe zur Dicke, wie 5 bis 6 zu 1 entstanden ist*). Nur die gothischen Baumeister, die einen Geschmack am übertriebenen und erstaunlichen hatten, haben danach dieses Verhältnis geändert und die Höhe der Säulen vier und noch mehr mal größer genommen als andre der Natur näher folgende Völker getan haben.

Der überlegte Geschmack hat der Säule Teile gegeben, die sie anfänglich nicht hatte: einen Kopf (Knauf, Kapitell) und einen Fuß. Vielleicht ist aber auch dieser Teile Ursprung mehr in dem Zufall als in dem Geschmack gegründet. Der Knauf ist älter als der Fuß. Vermutlich sind die Baumstämme in die Erde eingegraben worden; oben aber war ein Brett nötig, damit der Unterbalken fester auf der Säule aufläge. Man findet deshalb an ganz alten griechischen Gebäuden wohl einen Knauf, aber keinen Säulenfuß. Aber der Geschmack hat beide notwendig gemacht; denn ohne diese Teile ist man ungewiss, ob man eine ganze Säule oder nur einen Teil davon sehe. Der Geschmack fordert schlechterdings, dass das Schöne ein Ganzes ausmache: dieses aber muss ausgezeichnete Schranken haben [s. Ganz]. Eine Säule ohne Fuß könnte für einen verschütteten oder in die Erde gesunkenen Teil des Gebäudes angesehen werden und ohne Kapitell, würde man nicht gewiss sein, ob das Gebälk nur darauf ruhet oder wie in einen Zapfen eingesiekt wäre. Also gehören der Fuß und das Kapitell als ganz wesentliche Teile zur Säule.

Der Hauptteil der Säule ist der Stamm oder Schaft [s. Schaft] der sich deswegen so auszeichnen muss, so dass die beiden anderen Teile gegen ihn in keine Betrachtung kommen und nur als seine beiden Enden erscheinen. Durchgehends ist der Fuß die halbe Stammdike hoch, das Kapitell oder der Knauf aber ist etwas und bis zweimal höher als der Fuß. Die genaueren Verhältnisse zeigen wir in anderen Artikeln an.

Die Art der Säule wird vornehmlich durch die Verhältnisse und die Form des Knaufes bestimmt. Von allen Arten die eingeführt worden, haben sich nur die erhalten, welche die Griechen, die Tuscier und die Römer eingeführt haben und sind an der Zahl fünf. Vielerlei Arten egyptischer und syrischer Säulen, auch einige, welche die gothischen Baumeister eingeführt, nebst einigen Einfällen neuerer Baumeister, sind entweder ganz in Verachtung geraten oder doch nicht durchgehends angenommen. Und es ist um so viel weniger nötig mehrere Arten einzuführen, da die erwähnten fünf Arten, hinlängliche Mannigfaltigkeit geben.

Die schlechteste und ungezierteste Säule, die der rohen Natur am nächsten kommt, ist die toskanische. Ihr Fuß besteht aus drei schlechten Gliedern, der Knauf hat ebenfalls nur wenige einfache Glieder und ist mit einer ganz schlechten Platte bedeckt. Der Stamm ist siebenmal höher als er unten dick ist. Nächst dieser folgt die dorische Säule, die einen zierlichen und aus mancherlei Gliedern bestehenden Fuß und Knauf hat, sonst aber nach denselben Verhältnissen gemacht ist. Die ionische Säule hat einen schon künstlicher verzierten Knauf und ist durch die großen Voluten oder Schnecken desselben kennbar. Die römische Säule hat ihrem höheren Knauf, außer den ionischen Voluten, noch Laubwerk gegeben und ist überhaupt höher; die korinthische als die zierlichste und feineste, hat einen mit schön ausgezakten Akanthusblättern und vielen kleinen Schnörkeln ausgezierten Knauf und dabei ein feines und schlankes Ansehn.

Der älteste Gebrauch der Säulen war vermutlich bei offenen Gebäuden, deren Dach notwendig durch Säulen oder Pfeiler müsste unterstützt werden, welches bei verschlossenen Gebäuden nicht nötig ist, wo alles auf den Mauern ruht. Hiernächst wurden sie zu Unterstützung solcher Teile, die weit über die Mauer hervorspringen, gebraucht; daher die Säulenlauben ihren Ursprung haben, die bei allen prächtigen Gebäuden der Griechen und danach auch der Römer angebracht wurden.

Bei den Tempeln der Griechen waren die Säulen unentbehrlich, weil diese Gebäude allemal so angelegt wurden, dass eine oder mehrere der Aussenseiten derselben, mit einem Vordache versehen waren, welches durch Säulen getragen wurde. Vitruvius bestimmt die Bauarten der alten Tempel hiernach [L. III c. 1]. Die Tempel, welche nur an der Vorderseite eine mit einem Vordach bedächte Vorhalle (Porticus) hatten, welches die älteste Art zu sein scheint, wurden Prostyli genannt und bekamen, nach der Anzahl der Säulen an der Vorhalle, noch ihre besondere Namen als z.B. Prostylos tetrastylos, und Prostylos Hexastylos, waren die Namen der Tempel, deren einzige Vorhalle vier oder sechs Säulen hatte. Wenn auch die hintere Seite des Tempels einen Eingang mit einer Vorhalle hatte, so wurde er Amphiprostylos genannt. Die dritte Gattung machten die Tempel, die auf allen vier Seiten mit Säulen umgeben waren, die ein um das ganze Gebäude herrschendes Vordach unterstützten, so dass ein bedeckter Spaziergang oder eine Säulenlaube um den ganzen Tempel herumging. Diese Gattung bekam nach der Anzahl und Stellung der Säulen wieder besondere Namen. Überhaupt passet der Name Peristylium auf eine solche Anordnung. Diejenigen, die sechs Säulen an der vorderen und eben so viel an der hintern Seite hatten, an den beiden anderen aber elf, (die beiden Ecksäulen, die auch zur Vorder- und Hinterseite gehörten, mitgerechnet) wurden Peripteri genannt. In diesen standen die Säulen so weit auseinander als sie von den Mauern des Tempels abstanden; folglich war die Säulenweite, auch das Maß der Breite der Laube. Wenn aber die Vorder- und Hinterseite acht und die längern Nebenseiten fünfzehn oder siebzehn Säulen hatten, der Tempel aber nur so breit war als die Länge von drei Säulenweiten, so dass die Laube an den längern Seiten zwei Säulenweiten breit wurde, so gab man ihm den Namen Pseudodipteros. Die Erfindung dieser Anordnung schreibt Vitruvius dem Hermogenes zu. Das Wesentliche derselben besteht darin, dass die Säulenlauben an den beiden langen Seiten des Pseudodipterus bei gleich enger Säulenweite noch einmal so breit werden [s. die IV Figur].

Wollte man noch größere Pracht anbringen, so setzte man zwei Reihen Säulen um den ganzen Tempel herum. Diese wurden Dipteroi genannt; und so war der Tempel der Diana zu Ephesus, den nach des Vitruvius Bericht, der Baumeister Ctesiphon angegeben hat. Wenn ein solcher Tempel, auch innerhalb seiner Manern ringsherum eine Säulenlaube von doppelt übereinanderstehenden Säulen hatte, so dass der innerste Hauptraum, dem man auch jetzt in unseren Kirchen den Namen des Schiffes gibt, ohne Dach blieb, so kam ihm der Name Dipteros Hypæthros oder schlechthin Hypæthros zu, welches so viel bedeutet als ohne Dach. Denn da waren bloß die Säulenlauben bedeckt. Von dieser Art war der Tempel des Olympischen Jupiters in Athen. Dieses gibt uns überhaupt einen Begriff von dem Gebrauch, den die Griechen von den Säulen gemacht haben. Sie stellten sie immer frei zu Unterstützung eines Vordaches. Dem in der Baukunst der Alten unerfahrnen Leser einigen Begriff von der Bauart der griechischen Tempel und der Anwendung der Säulen zu geben, füge ich hier folgende Grundrisse bei. Wobei zu merken, das die Punkte die Stellen der Säulen, die Striche aber die Mauern vorstellen. I. Ist ein Tempel der Prostylos genannt wurde, II. ein Amphiprostylos. III. ein Peripteros. IV. ein Pseudodipteros. Wenn bei diesem zwischen den Mauern und der äußersten Reihe Säulen, noch eine Reihe stünde, so wie vorne beim Eingange; so wäre es ein Dipteros.

Die neueren Baumeister haben den Gebrauch der Säulen als bloße Zierraten eingeführt; sie tragen oft nichts, sondern haben nur den Schein als trügen sie ein Gebälk. Man vermauert sie, so dass sie nur um die Hälfte ihrer Dicke über die Mauern vorstehen. Die Säulen auf diese Art anzubringen, ist ein Missbrauch, den der gute Geschmack niemals rechtfertigen wird. Eben so wenig hat der richtige Geschmack der Griechen Bogen oder Gewölber auf Säulen gestellt, wie die Römer in den späteren Zeiten und auch die neueren getan haben. Die Säule ist ein Körper, der seiner Natur nach nicht so feste sieht, dass er nicht leichte könnte umgestossen werden, wenn er von oben einen Stoß bekommt. Er steht nur feste, wenn der Druck der Last welche er trägt, Bleirecht auf den Knauf gerichtet ist. Ein mit beiden Enden auf dem Knauf ruhender Bogen, drückt oder scheint immer etwas auf die Seite zu drücken und macht in der Baukunst eine wesentliche Unschicklichkeit. Eine Reihe Säulen bekommt ihre Festigkeit von dem darübergelegten Gebälke; daher sollte es natürlicher Weise eine allgemeine Regel der Baukunst sein, keine Säulen anzubringen als wo sie ein Gebälk zu tragen haben. Es ist auch sehr zu zweifeln, dass der richtige Geschmack der Griechen ganz freistehende Säulen als Monumente, wie Trajans Säule in Rom, würde gut geheißen haben. Zu solchem Behuf würden die Griechen vermutlich den ägyptischen Obeliskus vorgezogen haben.

Gewundene oder schneckenförmig ausgedrähte Säulen, sind ein Einfall des verdorbenen Geschmacks und es ist ein bloßes Märchen, dass die gewundenen Säulen in der Peterskirche in Rom aus dem ehemaligen Tempel von Jerusalem herrühren. Vignola hat die Zeichnung derselben gelehrt und damit sich eine sehr unnütze Mühe gegeben. Verschiedene Formen der ältesten noch sehr rohen Säulen, hat Pokok im I Teile seiner Beschreibung der Morgenländer abgezeichnet.

 

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*) An einem sehr alten Tempel in Corinth waren die dorischen Säulen so kurz, dass sie nicht völlig vier mal höher als dick waren. S. Les plus beaux Monumens de la Grèce par Mr. le Roy. Part. II. p. 6.

 

 


Vergleiche ferner:

- Dorische, ionische, korinthische Säulenordnung (Hegel, Vorl. ü. d. Ästhetik)

- Die römische Konstruktion der Bogenwölbung (Hegel, Vorl. ü. d. Ästhetik)

- Die besonderen Formen des Tempelhauses (Hegel, Vorl. ü. d. Ästhetik)

- Der klassische Tempel als Ganzes (Hegel, Vorl. ü. d. Ästhetik)


 © textlog.de 2004 • 15.12.2018 03:52:59 •
Seite zuletzt aktualisiert: 23.10.2004 
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