Satire

 

Satire. (Redende Künste) Da die Neueren den Namen der Sache, wovon hier die Rede sein soll, den Römern abgeborgt, seine Bedeutung aber so weit ausgedehnt haben, dass sie etwas unbestimmtes bekommen hat; so werden wir am besten tun, wenn wir erst auf die alte Bedeutung zurückgehen und danach aus derselben den Begriff festsetzen, den wir gegenwärtig durch diesen Namen ausdrücken. Ohne auf die zweifelhafte Etymologie zurück zu gehen, begnügen wir uns anzumerken, dass die Römer gewissen Gedichten, darin die Torheiten und Laster einzelner Personen und ganzer Stände scharf, beißend oder spöttisch durchgezogen und mit einiger Ausführlichkeit in ihr hässliches Licht gesetzt worden, den Namen der Satiren gegeben. Die Satiren des Horaz, Juvenalis und Persius sind jedermann bekannt und können hier als Beispiele der römischen Satire angeführt werden. Die Römer geben sich für die Erfinder dieser Art des Gedichtes aus.1 Da aber die Namen Satyra, Satura oder Satira weit älter sind als Lucilius, so erhellt daraus, dass Horaz nur von der Form der Satire spricht, die er und seine beiden Nachfolger beibehalten haben. Auch Ennius, Pacuvius, Varro und andere haben Gedichte geschrieben, die den Namen Satire trugen, aber von einer anderen Art waren. Der ausdrücklichen Zeugnisse, die wir so eben angeführt haben, ungeachtet, halten einige Neuere die Satire für griechischen Ursprungs. Wem mit einer ausführlichen Untersuchung hierüber gedient sein mag, den verweisen wir auf Drydens Abhandlung von dem Ursprung und Fortgang der Satire.2

Wir wollen die kritische Untersuchung dieser Sache den Gelehrten überlassen und hier nur einige Beobachtungen beibringen, die uns auf Entdeckung der eigentlichen Quelle, aus der dieses Gedicht entspringt, führen werden.

Ich habe bereits anderswo3 erinnert, es sei bei gewissen Festen und Feierlichkeiten der Griechen und Römer eine alte Gewohnheit gewesen, die Zuschauer mit allerhand Schimpf- und Spottreden zu belustigen. Die Sache selbst scheint mir etwas so merkwürdiges zu haben, dass sie ein gründliches Nachforschen ihres Ursprunges wohl wert wäre. Meine Kenntnis reicht dazu nicht hin; indessen will ich das Wenige, was ich hierüber zu sagen im Stande bin, anführen. Lucian sagt ausdrücklich, dass die Schimpfreden einen Teil der Feierlichkeiten der Bacchusfeste ausgemacht haben. Es scheint aber, dass dergleichen bei mehreren Festen vorgekommen sei. Herodot erzählt, dass bei den Epidauriern an einem gewissen Opferfest der Chor keine Mannspersonen, sondern bloß Frauen mit Schimpfwörtern habe anfallen dürfen.4 Hier sehen wir also, dass gewisse Personen, nämlich der Chor, zu den erwähnten Schimpf- und Spottreden bestellt gewesen sind. Es scheint, dass diesem Chor an gewissen Festen besonders aufgetragen wurde, das Volk auf mancherlei Art zu belustigen. Dieses hat allem Ansehen nach den Ursprung der Komödie veranlasst. Denn wir sehen nicht nur dass die ältern Komödien des Aristophanes Beschimpfungen bekannter Personen zum Grunde haben; sondern wir finden auch noch in dem Curculio des Plautus die Spur der ursprünglichen Art der Komödie darin, dass zwischen dem dritten und vierten Aufzug der Choragus hervortritt und den Zuhörern viel Schimpfliches vorträgt.

Es ist schwer zu sagen, auf was für eine politische oder psychologische Veranlassung eine solche Gewohnheit aufgekommen ist; aber wir treffen etwas Ähnliches auch bei anderen Völkern an. Die saturninischen Verse der alten Römer und was Horaz fescenniam licentiam nennt; da ebenfalls bei religiösen Freudenfesten schimpfliche Verse gesungen oder nur hergesagt wurden; die Schimpflieder der Soldaten auf ihrem Heerführer, die zu der Feier des Triumphs gehörten, verraten eine ähnliche Gewohnheit. Hierher rechnen wir auch die Fastnachtslustbarkeiten der mittlern Zeiten, denn wir treffen dabei Possenreißer an, die jeden, der ihnen in Weg kommt, durch Worte und selbst durch Taten beschimpften; wovon ich selbst in meiner Kindheit noch Überbleibsel gesehen habe. Ich vermute so gar, dass dabei etwas gewesen, das mit dem Wagen des Thespis große Ähnlichkeit gehabt. Ein aus jenen Zeiten übrig gebliebenes Wort, das jetzt allmählich auch unbekannt wird, führt mich auf diese Vermutung. In meiner Kindheit nannte man in meinem Vaterland ein lustiges Mutwillentreiben bei Zusammenkünften junger Leute, eine Guggelfuhre, das ist nach der Etymologie des Wortes, zum Possenreißen gedungene Narren, die auf einer Karre herumgeführt werden. Bei öffentlichen Kriegesübungen und auch bei anderen Feierlichkeiten ist bis jetzt an einigen Orten die sehr alte Gewohnheit geblieben, dass ein bestellter Possenreißer mit einer Guggel oder Narrenkappe auf dem Kopf und einer Harlekins Pritsche in der Hand, den Zug begleitet und die Zuschauer beschimpft, ohne, dass es ihm übel genommen wird. Und allem Ansehen nach hat dieser bei Festen bestellte Narr den Harlekin und Hannswurst der Komödien veranlasst.

Ich glaube dass diese Beobachtungen uns einiges Licht über den Ursprung aller Arten der alten Satire geben. Ein noch völlig rohes, dabei etwas lebhaftes und lustiges Volk, weiß sich bei Freudenfesten kein besseres Vergnügen zu machen als dass die Witzigsten der Gesellschaft einander durch Anzüglichkeiten zu einem lustigen Streit auffordern, einander verspotten und dadurch die ganze Gesellschaft belustigen; die denn dafür sorgt, dass kein ernstlicher Streit daraus werde.5) Diese, ganz rohen Menschen gewöhnliche Lustbarkeit herrscht noch bis auf diesen Tag überall, wo das noch rohe Volk Lebhaftigkeit und Mut genug sich lustig zu machen, behalten hat.

Dieses wäre also die erste roheste Gestalt der Satire, deren Einführung sich weder die Griechen, noch die Römer zueignen können; allem Ansehen nach ist sie allen Völkern des Erdbodens, die nicht zu phlegmatisch sind, gemein. So wie sich nun bei einem Volke, die allmähliche Verfeinerung der Sitten einfindet, so wird sie auf die Satire, wie auf alles Übrige, was zu den Sitten und Gebräuchen gehöret, auch ihren Einfluss haben. Dann entstehen aus dieser ursprünglichen Satire Komödien, oder andere satirische Schauspiele<6, oder solche satirische Gedichte dergleichen Pacuvius und Ennius gemacht, oder die Varronische, oder endlich die Horazische Satire, oder andere Arten.

Man ist gegenwärtig gewohnt alles satirisch zu nennen, was auf Verspottung gewisser Personen, oder gewisser Handlungen, Sitten und Meinungen abzielt.

Man kann also überhaupt sagen, die Satire, insofern sie als ein Werk des Geschmacks betrachtet wird, sei ein Werk, darin Torheiten, Laster, Vorurteile, Missbräuche und andere der Gesellschaft, darin wir leben, nachteilige, in einer verkehrten Art zu denken oder zu empfinden gegründete Dinge, auf eine ernsthafte oder spöttische Weise, aber mit belustigendem Witz und Laune gerügt, und den Menschen zu ihrer Beschämung und in der Absicht sie zu bessern, vorgehalten werden. Wir schließen von der Satire aus die schimpflichen oder spöttischen Anfälle auf einzelne Personen oder Stände, die bloß von persönlicher Feindschaft herrühren und Privatrache zum Grund haben. Wir sehen auch nicht, dass die so genannten Silli der Griechen, die eigentliche Schmäh- und Rachgedichte waren, die beißenden Jamben des Archilochus,7) die Oden des Horaz, darin er eine Canidia oder andere Personen feindselig anfällt, oder endlich die spöttischen Sinngedichte, wodurch Martial sich an manchem Feind rächt, unter die Satiren wären gezählt worden.

Auch ist hier überhaupt zu erinnern, dass die Satire nicht, wie die meisten anderen Werke redender Künste, ihre eigene Form habe. Sie zeigt sich in Gestalt eines Gesprächs, eines Briefes, einer Erzählung, einer Geschichte, einer Epopöe, eines Drama und so gar eines Liedes. Molieres Tartüffe, des Cervantes Don Quixote, Swifts Mährchen von der Tonne u.s.w. sind wahre Satiren. Indessen hat der Gebrauch es eingeführt, dass man den Tartüffe eine Komödie, den Don Quixotte einen Roman und andere Satiren nach ihrer Form und nicht nach ihrem Inhalte nennt. Jetzt eignet man durchgehends den Namen Satire kleinern satirischen Stücken zu, die ihrer Form nach zu keiner der gewöhnlichen klassischen Art der Werke des Geschmacks gehören.

 

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1) Horaz sagt vom Lucilius, – suerit limatior quam rudis et Græcis intacti carminis auctor und bezeichnet vermutlich den Ennius dadurch. Quintilian sagt: Satira quidem tota nostra est. Inst. L. X. c. 1. und Diomedes schreibet davon: Satira est carmen apud Romanos, non quidem apud Græcos, maledicum et ad carpenda hominum vitia, archææ Comœdiæ caractere compositum; quale scripserunt Lucilius et Horatius et Persius. Sed olim carmen quod ex variis poematibus constabat Satira dicebatur, quale scripserunt Pacuvius et Ennius. Diem. L. III.

2) Sie ist in der Sammlung vermischter Schriften zur Beförderung der schönen Wissenschaften und freien Künste die in Berlin bei Nicolai herausgekommen ist, in dem V Teile, deutsch zu finden.

3) S. Aristophanes; Komödie.

4) Herod. L. V.

5) Sollte nicht die Anmerkung auch hierher gehören, dass das deutsche Wort Schimpf , durch dergleichen Lustbarkeit auch die Bedeutung des Wortes Spaß angenommen hat? Man sagt: im Schimpf und Ernst.

6) S. Den folgenden Artikel.

7) S. Archilochus.

 


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