Sprache - Klang der Worte


Man muss in der Sprache den Körper oder das, was zum Schall und zur Aussprache gehört, von dem Geist oder der Bedeutung unterscheiden. Jedes kann seine ihm eigene Kraft haben. Das Körperliche der Sprach ist zum Gebrauch der redenden Künste um so viel schicklicher, je klarer, vernehmlicher und bestimmter der Ton einzelner Wörter und Redensarten ist und je fähiger dadurch die Sprache ist, durch das bloß Schallende, Mannigfaltigkeit des Charakters oder Ausdrucks anzunehmen.

Der gute Klang oder die Klarheit und Vernehmlichkeit der Wörter und Redensarten ist unumgänglich notwendig; weil es eine wesentliche Eigenschaft jeder schönen Rede ist, dass sie das Ohr klar und bestimmt rühre, damit man sie nicht nur gern höre, sondern auch desto leichter behalte. Wie dieses von dem Klang einzelner Silben, ihrer Kürze und Länge von der Zusammensetzung der Silben in Wörter, den Akzenten der Wörter und von der Menge einsilbiger, kurzer und langer Wörter abhange, wäre eine weitläufige Untersuchung, die jeder, der ein gutes Ohr hat, leicht selbst anstellen kann. Man kann alles, was zur Klarheit und Vernehmlichkeit des Schalles, so wohl einzelner Wörter als ganzer Sätze, erfordert wird, leicht aus dem beurteilen, was zur Klarheit und Faßlichkeit sichtbarer Formen gehört. Hiervon haben wir in verschiedenen Artikeln gesprochen [s. Form; Glied; Gruppe; Schön].

Zum Charakter des Schalles oder seinem durch bloßen Klang zu bewirkenden Ausdrucke, rechnen wir, erstlich; dass die Rede eine bald langsamere, bald geschwindere, bald sanftfliessende, bald fröhlich laufende, bald rauschende, bald pathetisch einhergehende Bewegung annehmen könne. Dazu müssen Silben und Wörter schon gebaut sein, weil diese Verschiedenheiten in der Bewegung nur zum Teil von dem Vortrag des Redenden herkommt. Denn man würde vergeblich unternehmen, eine Reihe kurzer Silben langsam oder langer schnell; oder harte und raue Wörter sanft auszusprechen; dieses Charakteristische muss schon im Schall der Wörter liegen. Ferner gehört zum Charakter des Schalles, auch das Sittliche und Leidenschaftliche des Tones, wenn er auch ohne die Geschwindigkeit oder Langsamkeit der Bewegung genommen wird. Es ist offenbar, dass ein Wort vor anderen zärtlich oder traurig oder ungestühm, klinge, dass es etwas gemäßigtes oder lebhaftes, etwas feines oder raues an sich haben könne. Wer dieses in den Wörtern seiner Sprache in gehöriger Mannigfaltigkeit findet und bemerkt, der kann schon durch den Ton allein, ohne die Bedeutung, vielerlei ausdrücken, so wie die Musik.

Ob nun gleich Redners und Dichter die Sprache finden, wie der Gebrauch sie gebildet hat, so können sie doch, wenn sie das Genie dazu haben, durch eine gute Wahl und durch kleine Veränderungen und Neuerungen in der Stellung der Wörter, durch kleine Freiheiten in Veränderung des Klanges, durch neue und dennoch verständliche Wörter und Redensarten, ungemein viel zu Vervollkommnung des Körperlichen der Sprache beitragen. Dieses haben auch alle große Redner und Dichter wirklich getan. Aber es erfordert ein mühesames und langes Studium des Mechanischen der Sprache.

Man sieht aber hieraus auch, dass eine Sprache schon sehr lange und mannigfaltig muss bearbeitet und mit neuen Tönen bereichert worden sein, ehe sie zu jedem Ausdruck und zu jeder Schönheit, die die verschiedenen Zweige der redenden Künste fordern, dienen kann. Man hört zwar oft sagen, dass die Sprach, die noch am wenigsten bearbeitet und der Natur noch am nächsten ist, zur Dichtkunst die beste sei. Dieses kann für einige besondere Fälle wahr sein, besonders für den, wo heftige Leidenschaften auszudrücken sind. Aber dass die Sprache des Ennius oder die noch ältere, die man z.B. in den Überbleibseln der alten römischen Gesetze antrifft, so bequem zur Beredsamkeit und Dichtkunst sei, wie sie zur Zeit des Horaz oder Virgils gewesen ist, wird sich niemand bereden lassen.

Indessen kann freilich eine Sprache durch die Länge der Zeit und die Veränderung im Gemütscharakter des Volks, das sich derselben bedient, so wohl verlieren als gewinnen: und ich will nicht behaupten, dass unsere Sprache jetzt für Beredsamkeit und Poesie überall schicklicher sei, als sie zur Zeit der Minnesinger war. Aber gewiss besser ist sie als sie zu Ottfrieds Zeiten gewesen.


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