Schönheit

Schönheit. Dass die menschliche Gestalt der schönste aller sichtbaren Gegenstände sei, darf nicht erwiesen werden; der Vorzug den diese Schönheit über andere Gattungen behauptet, zeigt sich deutlich genug aus ihrer Wirkung, der in dieser Art nichts zu vergleichen ist. Die stärksten, die edelsten und die selig sten Empfindungen, deren das menschliche Gemüt fähig ist, sind Wirkungen dieser Schönheit. Dieses berechtiget uns, sie zum Bild oder Muster zu nehmen, an dem wir das Wesen und die Eigenschaften des höchsten und vollkommensten Schönen anschauend erkennen können.

  Gelinget es uns die Beschaffenheit dieser Schönheit zu entwickeln, so haben wir eben dadurch zugleich den wahren Begriff der höchsten Schönheit gegeben, die das menschliche Gemüt zu fassen im Stand ist.

 Bei der großen Verschiedenheit des Geschmacks und allen Widersprüchen die sich in den Urteilen ganzer Völker und einzelner Menschen zeigen, wird man nach genauerer Untersuchung der Sache finden, dass jeder Mensch den für den schönsten hält, dessen Gestalt dem Auge des Beurteilers den vollkommensten und besten Menschen ankündigt. Können wir dieses außer Zweifel setzen, so werden wir auch etwas Gewisses von der absoluten Schönheit der menschlichen Gestalt anzugeben im Stande sein.

 Gar viel besondere Bemerkungen über die Urteile von Schönheit, beweisen den angegebenen allgemeinen Satz. Nach aller Menschen Urteil sind erkannte physische Unvollkommenheiten des Körpers der Schönheit entgegen. Plumpe, zu schnellen und mannigfaltigen Bewegungen untüchtige Glieder, ein abgefallener schwacher Körper, Steiffigkeit in Gelenken, kurz, jede Unvollkommenheit, die die Verrichtungen, die jedem Menschen nötig sind, schwer oder unmöglich machen, ist auch, nach dem allgemeinen Urteil der Menschen, ein Fehler gegen die Schönheit. Dass diese Begriffe überhaupt in unser Urteil über Schönheit einfließen, ist ferner daraus offenbar, dass die weibliche Schönheit andere Verhältnisse der Gliedmaßen erfordert als die männliche. Auch der unachtsamste Mensch empfindet es, dass das männliche Geschlecht zu schwerern, mühesamern, kühnern Verrichtungen geboren ist als das weibliche und eben daher entsteht das Gefühl, dass zartere Gliedmaßen, die etwas weichlicheres haben, zur weiblichen und stärkere, etwas dauerhaftes und kühneres anzeigende, zur männlichen Schönheit gehören. Auch das Verschiedene in der Schönheit des Kindes, des Jünglings und des Mannes, das gewiss alle Menschen empfinden, bestätiget dieses. Ein Kind, es sei von dem einen oder anderen Geschlecht, das die Bildung des reifen Alters hätte, würde für hässlich gehalten werden. Offenbar nicht deswegen, dass die Gestalt der Erwachsenen in der Größe des Kindes unangenehm sei. Der Maler bildet sie uns noch kleiner vor und sie bleibt schön; also deswegen, weil das Äussere mit dem inneren Charakter, nicht übereinkommt, weil das Kind zu dem, was es sein soll, solche Gliedmaßen nicht braucht.

 Überhaupt also wird nach der allgemeinen Empfindung dieses notwendig zur Schönheit erfordert, dass die Form des Körpers die Tüchtigkeit so wohl des Körpers überhaupt als der besonderen Glieder zu den Verrichtungen, die jedem Geschlecht und Alter natürlich sind, ankündige. Alles, was ein Geschlecht von dem anderen als der Natur gemäß erwartet, muss durch das Ansehen des Körpers versprochen werden und die Gestalt ist die schönste, die hierüber am meisten verspricht.

 Aber diese Anfoderungen beruhen nicht bloß auf äußerliche Verrichtungen und körperliche Bedürfnisse. Je weiter die Menschen in der Vervollkommung ihres Charakters gekommen sind, je höher treiben sie auch die Foderungen dessen, was sie erwarten. Verstand, Scharfsinn und ein Gemütscharakter, wie jeder Mensch glaubt, dass ein vollkommener Mensch ihn haben müsse, sind Eigenschaften, die das Auge auch in der äußern Form zur Schönheit fordert. Ein weibliches Bild das Wollust athmet, dessen Gestalt und ganzes Wesen Leichtsinn und Mutwillen verrät, ist für den leichtsinnigen Wollüstling, die höchste Schönheit, an der aber der gesetztere und in dem Besitz seiner Geliebten mehr als mutwillige Wollust erwartende Jüngling, noch viel aussetzen würde.

 Auch die Urteile über die Hässlichkeit bestätigen unseren angenommenen Grundsatz. Was alle Menschen für hässlich halten, leitet unfehlbar auf die Vermutung, dass in dem Menschen, in dessen Gestalt es ist, auch irgend ein innerer Fehler gegen die Menschlichkeit liege, der durch äußere Missgestalt angezeigt wird. Wir wollen der verwachsenen und ganz ungestalten Gliedmaßen, die jedermannn für hässlich hält, nicht erwähnen; weil es zu offenbar ist, dass sie überhaupt eine Untüchtigkeit zu notwendigen Verrichtungen deutlich anzeigen; sondern nur von weniger merklichen Fehlern der Form sprechen.

 Die Bildung eines Menschen sei im übrigen wie sie wolle, so wird jedermannn etwas hässliches darin finden, wenn sie einen zornigen Menschen verrät: oder wenn man irgend eine andere herrschende Leidenschaft von finsterer übeltätiger Art darin bemerkt und keine Gestalt ist hässlicher als die, die einen ganz wiedersinnigen, mürrischen, jeder verkehrten Handlung fähigen Charakter anzeigt. Aber auch darin richtet sich das Urteil oder der Geschmack, nach dem Grad der Vervollkommung, auf den man gekommen ist. Unter einer Nation, die schon zu Empfindungen der wahren Ehre und zu einem gewissen Adel des Charakters gelangt ist, ist das Gepräg der Niederträchtigkeit, das man bisweilen tief in die Physionomie eingedrückt sieht, etwas sehr hässliches; aber es wird nur von denen bemerkt, die jenes Gefühl der Würde und Hoheit besitzen.

 Vielleicht möchte jemand zweifeln, dass jede Schönheit der Gestalt etwas von innerlicher Vollkommenheit oder Güte oder jede Hässlichkeit etwas von dem Gegenteil anzeigte. Wir müssen diesen Punkt näher erwägen.

 Jede Schönheit ist eine gefällige Gestalt irgend einer wirklichen Materie, das ist, sie haftet in einem in der Natur vorhandenen Stoff. Dieser, wenn er auch lebloß ist, hat seine Kraft, das ist, er trägt das seinige zu den in der Natur beständig abwechselnden Veränderungen bei und hat seinen Anteil an dem, was in der Welt Gutes oder Böses geschieht, kann folglich nach der besonderen Art seiner Wirksamkeit, (nach den eingeschränkten menschlichen Begriffen zu reden) unter gute oder böse Dingen gehören. Ich getraue mir die kühne Vermutung zu wagen, dass jede Art der Schönheit in dem Stoff darin sie haftet, etwas von Vollkommenheit oder Güte anzeige. Aber wir wollen ohne uns auf Hypothesen und Speculationen zu verlassen, den angeführten Zweifel, ob innere Vortrefflichkeit und Verderbnis, sich durch äußere Schönheit und Hässlichkeit ankündigen, aus unzweifelhaften Erfahrungen, aufzulösen suchen.

Unter dem Licht der Augen und unter den Rosen der Wangen Seh'n wir ein höheres Licht ein helleres Schönes hervorgehen.1

Noch ehe sich der Mund öffnet, ehe ein Glied sich bewegt, sehen wir schon, ob eine sanftere oder lebhaftere Empfindung jenen öffnen und diese bewegen wird. In der vollkommensten Ruh aller Glieder, bemerken wir zum voraus, ob sie sich geschwind oder langsam, mit Anstand oder ungeschickt bewegen werden.

 Hier können wir von der bloßen Möglichkeit der Sache auf ihre Wirklichkeit schließen; weil sie allen übrigen wohltätigen Veranstaltungen der Natur vollkommen gemäß ist. Es war notwendig, wenigstens heilsam, den Menschen ein Mittel zu geben, Wesen seiner Art, mit denen er notwendig in Verbindung kommen musste und die so sehr kräftig auf seine Glückselig keit wirken, schnell kennen zu lernen. Die Seelen der Menschen sind es, die unser Glück oder Unglück machen, nicht ihre Körper. Also mussten wir ein Mittel haben, diese schnell zu erkennen, zu lieben oder zu scheuhen. Schneller, als durch das Anschauen der sichtbaren Gestalt, konnte es nicht geschehen. Da dieses möglich war, warum sollten wir länger daran zweifeln, dass der Körper nichts anders als die sichtbar gemachte Seele, der ganze sichtbare Mensch sei? Kann es einem verständigen Menschen zweifelhaft sein, dass die Natur durch die höchst liebliche und einnehmende Gestalt, die der Kindheit eigen ist, Wohlwollen gegen dieses Hilf- und Gunst-bedürftige Alter, habe erwecken wollen? Hat sie nicht so gar in die sichtbare Gestalt der Tiere etwas gelegt, das den Verständigen vor ihnen warnet oder sie suchen macht?

 Freilich ist ein Mensch scharfsinniger als der andere, in der äußern Form zu sehen, was er sehen sollte. Die Gewohnheit, in der wir von Kindheit auf unterhalten worden, von dem Menschen mehr aus seinen Reden und Betragen als aus seinem Ansehen zu urteilen, hat den angeborenen Instinkt, ihn aus dem äußerlichen Ansehen zu schätzen, sehr geschwächt; und wir sind überhaupt in unserer Denkungsart und in unseren Sitten, so vielfältig über die Schranken der Natur herausgetreten, dass unser Urteil über Menschen und unsere Ansprüche auf sie notwendig in vielen Stücken willkürlich sind. Wenn aber diesem zufolge das Ideal, das sich jeder von dem vollkommenen Menschen macht, von dem wozu die Natur ihn hat machen wollen, abweicht, so werden notwendig unsere Urteile über die äussere Gestalt, in manchen Punkt unrichtig sein.

 Aber so sehr ist der Instinkt den ganzen Wert des Menschen aus dem Ansehen zu beurteilen, nicht überall geschwächt, dass nicht selbst die ungeübte Jugend, sich desselben oft glücklich bediente. Wie oft ist nicht ein einziger Blick eines unerfahrnen, aber durch das Unnatürliche in den Sitten noch unverdorbenen Mädchens weit glücklicher und richtiger als die Überlegung ihres Vaters, zu unterscheiden, ob ein Jüngling, sie glücklich oder unglücklich machen werde? Selbst in diesem Punkt beweiset eine oft fehlgeschlagene Wahl nichts gegen unseren Satz; weil in unserem etwas unnatürlichen Zustande, das, wodurch die Menschen hätten glücklich werden sollen, bisweilen ihr Unglück am meisten befördert; und weil Vorurteile, die allen Anschein der Wahrheit haben, uns oft zu falschen Erwartungen und wiedernatürlichen Ansprüchen verleiten, die nicht erfüllt werden können.

 Noch müssen wir eine Hauptanmerkung nicht übergehen, die zu richtiger Beurteilung dieser Sache höchst notwendig ist. So wohl das äußere Ansehen des Menschen als sein innerer Wert, zwischen welchen unserer Meinung nach, die Natur eine vollkommene Übereinstimmung bewirkt hat, können durch Zufälle oder vorübergehende Irrungen so verstellt werden, dass ein überaus scharfes Auge und mehr als gemeine Urteilskraft erfordert werden, wenn man sich in seinem Urteil über die wahre Beschaffenheit der Sache nicht betrügen will. Krankheiten und andere unglückliche Zufälle, können die schönste Leibesgestalt entweder für eine Zeitlang verdunkeln oder für immer verderben. Wie wenig Menschen sind in solchen Fällen im Stande die ursprüngliche Anlage zu einer vollkommenen Gestalt, unter der zufälliger Weise verdorbenen Form, noch zu erkennen? Wer aber dieses nicht kann, wie soll er die natürliche Harmonie der Gestalt mit dem inneren Wert bemerken können?

 Noch weit mehr betrügen sich nur zu viel Menschen in ihren Urteilen über den inneren Charakter. Wie oft geschieht es nicht, dass ein Jüngling, den eine vorübergehende Leidenschaft oder eine bloß zufällige Verblendung, zu allerhand Ausschweifungen verleitet, die die Anlagen des edelsten Charakters so verdunkeln, dass schwache Beurteiler ihn für einen schlechten Menschen halten, da er sich doch bald danach in dem vortrefflichen Charakter zeigt, den sein äußeres Ansehen, zu versprechen schien? Wie das schönste Gesicht durch Staub und Schweiß und eine vorübergehende Verunstaltung auf eine Zeitlang unkenntlich wird, so geschieht es auch in Ansehung des innern Charakters.

 Und so kann im Gegenteil der Mensch von einem wirklich schlechten Charakter durch Zwang, Verstellung und aus anderen ebenfalls bloß zufälligen oder vorübergehenden Ursachen, von halben Kennern der Menschen für edel gesinnt und rechtschaffen gehalten werden, ob er gleich im Grunde nichts wert ist.

 Diese Anmerkungen können den, dem es der Erfahrung entgegen scheint, dass die äußere Gestalt mit dem inneren des Menschen harmonire, belehren, dass es bei den mannigfaltigen Vorurteilen, die unnatürliche Sitten in uns veranlassen und bei den vielfältigen zufälligen Verdunkelungen der äußeren und inneren Gestalt in manchem Falle gar keine leichte Sache sei, so wohl über die Schönheit als über den inneren Wert der Menschen richtig zu urteilen. Man muss sich deswegen hüten, jeden anscheinenden Widerspruch in dieser Sache, für einen Beweis zu halten, dass das äußere Ansehen des Menschen keine Versicherung seines inneren Werts gebe. Aber es ist Zeit wieder auf die Hauptsache zu kommen.

 Da wir gezeigt haben, dass die mannigfaltig unrichtigen Urteile und die betrogenen Erwartungen, denen zufolge man das äußere Ansehen für ein betrügerisches Kennzeichen des inneren Werts hält, nicht vermögend sind, unseren allgemeinen Satz verdächtig zu machen; so halten wir uns, alles wohl überlegt, berechtiget zu behaupten, dass die Gestalt und das ganze äußere Ansehen des Menschen, denen, die zu fassen und zu urteilen im Stande sind, seinen wahren Wert erkennen lassen und ziehen daraus für den Begriff der Schönheit diesen Schluss: dass derjenige der schönste Mensch sei, dessen Gestalt den, in Rücksicht auf seine ganze Bestimmung, vollkommensten und besten Menschen ankündigt.

 Diesem zufolge müssen die Urteile über Schönheit notwendig eben so verschieden sein als die Begriffe über den Wert des Menschen von einander abgehen: diejenigen, die über diesen Wert einseitig urteilen, werden auch eben so einseitige Urteile über Schönheit fällen und indem einige bloß auf Gesundheit und eine athletische Gestalt sehen, werden andere bloß auf den sittlichen Charakter des Gesichtes Achtung geben.

 Sind wir nun gleich nicht im Stande die sichtbare Schönheit dem Bildhauer oder dem Maler weder zu beschreiben, noch vorzuzeichnen, so können wir ihm doch sagen, was sie ausdrücken müsse und wie verschieden der Charakter der weiblichen Schönheit, von dem, der der männlichen eigen ist, sein müsse. Wir können ihm sagen, dass er die höchste Schönheit nur in dem reifen männlichen Alter antreffen werde, in welchem jedes der beiden Geschlechter die höchste Stärke aller natürlichen Fähigkeiten erreicht. Wir können ihm ferner versichern, dass die männliche Gestalt nicht vollkommen schön sein könne, wenn sie nicht die Begriffe von voller Gesundheit und Leibesstärke, von Tüchtigkeit zu mannigfaltigen Bewegungen der Gliedmaßen; von Verstand, Mut und Kühnheit, doch ohne Wildheit und von Wolwollen, ohne Schwachheit, erweckt. Von der weiblichen Schönheit könnten wir ihm sagen, dass sie notwendig die Vorstellung von Sanftmut und Gefälligkeit; das Gefühl von der nicht mehr kindischen, sondern dem reifen Alter zukommenden Zartheit oder Schwachheit, die vorsorgendes Wolwollen erweckt; die Empfindung von Zärtlichkeit und Ergebenheit des Gemütes, ohne Schwachheit und andren dem schönen Geschlechte wesentlichen Eigenschaften, ausdrücken müsse.

 Wir können ferner aus jenem Schlusse noch diese wichtigen praktischen Folgen für den Künstler herleiten, dass zwei Dinge erfordert werden, um sich ein wahres Ideal der vollkommenen Schönheit zu bilden; erstlich vollkommen richtige und der Natur gemäße Begriffe von der Vollkommenheit des männlichen und weiblichen Charakters, und von allen äußern und innern Eigenschaften, die den vollkommenen Mann und das vollkommene Weib ausmachen; zweitens, ein Auge und eine Seele, die fähig seien, jeden Zug und jedes Lineament der Form, das jene Eigenschaften wirklich anzeigt, zu sehen und seine Bedeutung zu fühlen. Hat er denn bei diesen natürlichen Fähigkeiten das Glück gehabt, oft vortrefliche Menschen von beiden Geschlechtern zu sehen, und besitzt er sonst die übrigen nötigen Kunsttalente; dann ist er im Stande ein wahres Ideal der vollkommensten Schönheit zu bilden, und das Bild selbst durch seinen Pinsel oder Meißel uns sichtbar zu machen und dieses wird dann das höchste und erste Werk aller schönen Künste sein.

  Es wäre ein vergebliches Unternehmen, wenn wir die Zergliederung der Schönheit, zu vermeintem Unterricht des zeichnenden Künstlers weiter treiben wollten. Wer indessen glaubt, dass ihm diese Zergliederung noch dienlich sein könnte, den verweisen wir auf die Anmerkungen und Beobachtungen die Mengs und Winkelmann hierüber gemacht haben2. Die Hauptsach ist, dass der Künstler sich bemühe, edle und richtige Begriffe von menschlicher Vollkommenheit zu erlangen, dass er die Spuren und Zeichen derselben, überall in der Bildung der ihm vorkommenden Menschen, in den Werken der größten Künstler und besonders in den besten Werken der griechischen Kunst aufsuche, wohl bemerke und dem Auge richtig einpräge. Aber bei dem Studium der Antiken muss der Künstler wohl merken, dass die griechischen Künstler nicht allemal auf absolute Schönheit gearbeitet, sondern oft bloß das Ideal eines besonderen Charakters haben darstellen wollen und dass sie oft der Größe und Hoheit, etwas von der eigentlichen menschlichen Schönheit aufgeopfert oder es dabei wenigstens aus der Acht gelassen haben. Darum muss er notwendig die Beobachtung der Natur mit dem Studium der Antiken verbinden.

 Ich komme wieder auf die allgemeinere Betrachtung der Schönheit zurück. Wenn von allem sichtbaren Schönen, die menschliche Gestalt das schönste ist und wenn diese Schönheit außer der Annehmlichkeit der Form, die von Mannigfaltigkeit, Verhältnis und Anordnung der Teile herkommt und dadurch dem Auge schmeichelt, noch das Gefühl von innerer Vollkommenheit und Güte erweckt, deren Kleid die äußere Gestalt ist, so können wir uns daher ein allgemeines Ideal von der Schönheit überhaupt bilden. Sie wird durch bloß sinnliche Annehmlichkeit die äußern Sinnen oder die Einbildungskraft reizen und die Aufmerksamkeit an sich locken, bei näherer Betrachtung aber wird sie durch innerliche, dem schönen Stoff inhaftende Vollkommenheit, den Verstand reizen und ihm lebhafte Begriffe von Wahrheit, Weißheit und Vollkommenheit, empfinden lassen, an denen ein denkendes Wesen hohes Wohlgefallen hat; denn wird sie auch das Herz mit Empfindungen des Guten erwärmen; sie wird einen Wert, eine auf Seeligkeit abzielende Wirksamkeit zeigen, die uns mit Liebe und inniger Zuneigung für sie erfüllet. Sie ist also gerade das, dessen Genuß uns von allen Seiten her auf einmal beselig et, weil Sinnen, Einbildungskraft, Verstand und Herz zugleich ihre Nahrung daran finden. In welchem Werke der Natur oder der Kunst wir diese dreifache Kraft, die Sinnen, den Verstand und das Herz einzunehmen antreffen, dem können wir vollständige Schönheit zuschreiben; und die Wirkungen der vollkommenen Schönheit sind dieselben, wie verschieden auch sonst die Art des schönen Gegenstandes sein mag. Wenn wir die Statue eines vortreflichen Mannes von Phidias gearbeitet, betrachten könnten, so würden wir eben das dabei empfinden, was wir bei den vorzüglichsten patriotischen Reden des Cicero fühlen, nur mit dem Unterschied, das dort das Aug, hier das Ohr der Dollmetscher ist, der uns die Schönheit empfinden macht. Dort wird das Auge von einer höchst edlen, harmonischen Form, durch tausend liebliche Eindrücke geschmeichelt, hier vernimmt das Ohr einen höchst mannigfaltigen Wohlklang. Aber Verstand und Herz werden in beiden Fällen gleich gerührt. In beiden sehen wir einen Menschen von hohem edlen Geiste, von scharfem Verstand und höchstrichtiger Urteilskraft; von einem großen Herzen, das die edelsten Neigungen und die wohltätigsten Gesinnungen an den Tag legt. In beiden Fällen finden wir unter dem Genuß des süßesten Vergnügens, dass unser Geist und Herz sich mit innigstem Bestreben empor heben, größer zu denken und zu empfinden; und in beiden Fällen finden wir uns mit Hochachtung und Liebe für den schönen Gegenstand erfüllt.

 Der Künstler kennt die wahre Schönheit nicht, dessen Werk, wie lieblich und einschmeichelnd auch das darin sein mag, was die Sinne und die Einbildungskraft schmeichelt, nicht zugleich auch den Verstand und das Herz einnimmt. Es ist, wie Ixions Juno, nur eine aus Dünsten gebildete Schönheit, eine bloße Larve, die nur so lange gefällt als die Täuschung eines Traumes dauren kann. Die bloße Phantasie des Künstlers, wäre sie so lieblich, wie der schönste Frühlingstag, reicht nicht hin ein Werk von wahrer vollständiger Schönheit zu machen; es wird immer eine bloß schöne Form sein, deren Wirkung sich auch nicht über die Phantasie hinaus erstreckt. Die vorzüglichsten Werke dieser Art dienen im Grunde doch nur zum Spiel und zum Zeitvertreib in verlorenen Stunden. Mit Werken von wahrer inneren Schönheit vergliechen, sind sie bloße Zierrat.

  Darum, o Jüngling! dem die Natur ein feines Gefühl für die Schönheit der Form, eine lachende Phantasie gegeben hat, befleißige dich die Schönheit höherer Art kennen und fühlen zu lernen, damit du den schönen Formen, die dein feiner Geschmack entwirft, auch schöne Seelen einflößen könnest. Wie wenig hilft dir eine schöne Einkleidung, eine reizende Schreibart, wenn du dem Verstand und dem Herzen nichts zu sagen hast? Wie wenig die feineste Zeichnung, wenn du nichts als leere Zierraten darzustellen vermagst? Warum solltest du dich begnügen schöne Larven zu machen, die das Auge nur so lang reizen, bis man gewahr wird, dass kein Gehirn darin ist? Warum solltest du deine Ruhmbegierde darauf einschränken, dass du vermittelst deiner Werke nur denn ein Gesellschafter der Verständigen und Weisen seiest, wenn diese von der Höhe, worauf sie stehen, heruntersteigen, um sich zur Erholung an leichtern, weit unter ihnen liegenden Dingen zu beschäftigen und zu scherzen, da du im Stande bist, sie auch denn, wenn sie sich in ihrem Stand und Range zeigen, nach deiner Gesellschaft begierig zu machen? Was würdest du von dem Menschen denken, der sich begnügte der Lustigmacher eines Fürsten zu sein, da er sein Freund, sein Rat oder sein Minister sein könnte?

 Vornehmlich aber hüte dich vor der Schmach, die Kinder deines Genies bloß zum Mutwillen in Stunden der Trunkenheit, mehr missbraucht als gebraucht zu sehen. Dies würde geschehen, wenn du ihnen bloß die unzüchtigen Reize einer Buhldirne gäbest, die jeder leichtsinnige Kopf in seiner Ausgelassenheit zu missbrauchen sich berechtiget hält. Hast du nicht bemerkt, dass Männer von einiger Würde, wenn sie sich in einer Stunde des Taumels vergessen und zum Umgang einer reizenden Dirne erniedriget haben, sie durch eine Hinterthür entlassen, so bald bessere Gesellschaft sich zeigt und dass sie sich so gar schämen, die niedrige Gesellschafterin öffentlich von sich zu lassen? Und du wolltest die Kinder deines Genies einer solchen Schmach aussetzen?

 Darum scheuhe dich deine Werke neben den Schriften eines Crebillons hinter dem Vorhang gesetzt zu sehen und trachte nach der Ehre ihnen auf dem vor jedermannns Augen stehenden Tischen großer Männer neben Cicero, Horaz, Rousseau oder Haller, einen Platz zu verschaffen. Zu dieser Ehre wirst du gelangen, wenn du, nicht die blendenden Reizungen einer schlüpfrigen Venus, sondern die höheren Reize einer Liebe und Hochachtung zugleich einflößenden Person, dir zum Muster der Schönheit vorsetzen wirst.

 

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1 Die Sintflut 11. Ges.

2 Mengs in dem kleinen, aber vortreflichen Werk über die Schönheit und über den Geschmack in der Malerei; Winkelmann in seiner Geschichte der Kunst des Altertums.

 


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Seite zuletzt aktualisiert: 23.10.2004 
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