Schrecken

Schrecken; Schrecklich. (Schöne Künste) Der Schrecken ist eine der heftigsten und zugleich widrigsten Leidenschaften und wird durch eine plötzliche Gefahr oder unversehens begegnendes schweres Unglück verursacht. So lange der Schrecken selbst anhält, ist er mehr schädlich als nützlich; weil er zur Überlegung, wie man der Gefahr entgehen oder das Übel vermindern könne, untüchtig macht. Aber, da er ein lebhaftes und widriges Andenken zurück lässt, so kann er durch die Folge fürs künftige heilsam werden. Wer je von Schrecken eine Zeitlang geängstiget worden ist, wird sich danach sehr dafür hüten, wieder in ähnliche Umstände zu kommen.

Daraus folgt, dass die schönen Künste heilsame Schrecken verursachen können, wenn der Künstler die Sache mit gehöriger Überlegung anstellt. Die bequemste Gelegenheit dazu hat der dramatische Dichter, der uns Handlungen und Begebenheiten nicht bloß erzählt oder in einem Gemälde abbildet, sondern wirklich vor das Gesicht bringt. In einigen tragischen Schauspielen empfindet man nicht, wie etwa bei Erzählungen, ein bloßes Schattenbild oder eine schwache Regung des Schreckens, sondern gerät in die wirkliche Leidenschaft und fühlt den Schauder eines nicht eingebildeten sondern wahren Schreckens.

Es bedarf keiner weitläufigen Ausführung, um zu zeigen, wie der tragische Dichter sich des Vorteils, den er hat, Schrecken zu erwecken, zum Nutzen der Zuschauer bedienen soll. Ganz unschicklich wäre es, sich desselben bloß zum Zeitvertreib zu bedienen, um durch vorher gegangenen Schrecken das Gemüt bloß in den Genuß der angenehmen Empfindung zu setzen, die sich bei glücklich überstandener Gefahr einfindet und eine Zeitlang dauret, wie das Vergnügen, das man beim Aufwachen aus einem plagenden Traum fühlt. Verständige Menschen wünschen sich solche Träume nicht, so angenehm auch das Erwachen davon ist. Dieses dient also dem tragischen Dichter zur Lehre, dass er seine Zuschauer nicht mit solchen leeren Schrecken unterhalten soll. So oft er uns in diese Leidenschaft setzt, muss es so geschehen, dass das Andenken derselben uns eine nachdrückliche Warnung sei, uns vom Bösen abzuhalten. So hat Äschylus in seinen Eumeniden die Athener in Schrecken, für die Beängstigung des bösen Gewissens, gesetzt.

Der Schrecken ist also für das Trauerspiel eine weit wichtigere Leidenschaft als das Mitleiden, da dieses selten so wichtig und so heilsam werden kann1. Und doch sehen wir zehn Trauerspiele, die nur Mitleiden erwecken, gegen eines das Schrecken macht; weil jenes dem Dichter viel leichter wird, als dieses. Unter der Menge der Trauerspieldichter sind wenige, die sich glücklich bis zum Schrecklichen erheben können. Äschylus und Shakespear sind darin die zwei großen Meister, denen man, wie wohl in einiger Entfernung, den Crebillon zugesellen kann.

Und doch ist es nicht schwer in den tragischen Handlungen Vorfälle zu erdenken, die Schrecken verursachen könnten; aber die währe Behandlung der Sache, wodurch der Zuschauer zum wahren Schrecken überrascht wird, hat desto mehr Schwierigkeit. Es muss dazu alles in der höchsten Natur und Wahrheit veranstaltet werden. Wir lachen nur über den, der uns hat schrecken wollen und zu ungeschickt gewesen, die Sachen natürlich genug zu veranstalten. Es gehört nicht nur ein höchst pathetisches und wahrhaftig tragisches Genie dazu, sondern auch die Geschicklichkeit, die ganze Szene bis zur wirklichen Täuschung wahrhaft zu machen. Und wenn der Dichter das seinige völlig dabei getan hat, so bleibt noch die große Schwierigkeit der Vorstellung von Seite der Schauspieler übrig. Der Schrecken zeigt sich in so genau bestimmten und so gewaltsamen Wirkungen auf Stimme, Gesichtsfarb, Blick der Augen, Gesichtszüge und Stellung, dass es höchst schwer ist, alles dieses in der Nachahmung zu erreichen. Auch da, wo noch nicht der Schrecken selbst, sondern bloß das drohende Übel dem Zuschauer vor Augen soll gestellt werden, kann nur allzu leicht durch eine kaum merkliche Kleinigkeit die ganze Täuschung auf einmal verschwinden.

 Aus diesen Gründen halten wir das Schreckhafte für den Stoff der am schwersten zu behandeln ist und vorzüglich ein großes Genie erfordert. Dieses bestätiget auch die Erfahrung hinlänglich. Ich besinne mich nicht in der Malerei etwas wirklich schreckhaftes gesehen zu haben als in Raphaels Arbeiten, denen ich noch ein paar Zeichnungen von Füßli, davon ich eine in diesem Werk beschrieben habe2, beifügen kann. Im epischen Gedicht hat nur unser Klopstock das Schreckhafte erreicht, so weit es vielleicht irgend einem Menschen zu erreichen, möglich ist. Unter anderm verdient seine Beschreibung vom Tode des Ischariots als ein vorzügliches Beispiel hiervon angeführt zu werden. Einige andere haben wir in einem anderen Artikel bereits gegeben.3

 Es ist sehr zu wünschen, dass die, welche dazu aufgelegt sind, diese Leidenschaft für so manche besondere Fälle, da sie heilsam werden kann, im Trauerspiel, dessen Gebrauch sich immer viel weiter als der Gebrauch der Epopöe erstreckt, bearbeiteten.

 

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1 S. Mitleiden.

2 S. Historie.

3 S. Entsetzen.

 


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Seite zuletzt aktualisiert: 23.10.2004 
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