Silbenmaß

Silbenmaß. Das Wort scheint in verschiedenen Bedeutungen genommen zu werden. Überhaupt drückt es das regelmäßige Abmessen der Silben aus, in sofern es auf ihrer Länge und Kürze geht; wie wenn man sagte; die gebundene Rede unterscheide sich von der ungebundenen dadurch, dass in jener ein Silbenmaß beobachtet werde. Nach dieser Bedeutung wird es auch gebraucht, wenn man von einem Gedichte sagt, die Verse haben ein jambisches oder trochäisches oder ein nach einem anderen herrschenden Fuß benenntes Silbenmaß. In diesem Sinne wird es oft mit dem Worte Versart verwechselt, denn man sagt bisweilen auch eine jambische, trochäische u. d. gl. Versart. Man dehnt die Bedeutung bisweilen so weit aus, dass man die ganze metrische Beschaffenheit des Gedichts durch das Wort Silbenmaß ausdrückt. Diese Bedeutung hat es, wenn man vom elegischen, heroischen, dramatischen und lyrischen Silbenmaße spricht.

Wir schränken hier die Bedeutung bloß auf die Beschaffenheit der Füße des Verses, ohne Rücksicht auf seine Länge und andere Eigenschaften ein und schreiben allen Versen einerlei Silbenmaß zu, wenn die Beschaffenheit ihrer Füße einerlei ist, wie verschieden sie sonst in ihrer Länge seien. Nach dieser Bedeutung sagen wir also die Alpen, die Satyren und die meisten Oden von Haller haben dasselbe Silbenmaß; insofern nämlich die Füße der Verse durchgehends Jamben sind.

Das Silbenmaß nennen wir gleichartig, wenn der Vers aus gleichen Füßen als Jamben, Trochäen u.s.w. besteht, ungleichartig, wenn mehrere Füße als Spondäen, Daktylen u.a. in demselben Vers zusammenkommen. So viel sei von der Bedeutung des Wortes gesagt.

Unsre deutsche Dichter voriger Zeit, das ist, die, welche vor dem vierzigsten Jahr dieses laufenden Jahrhunderts geschrieben haben, waren gewohnt meistenteils in gleichartigem Silbenmaß zu dichten und zwar vornehmlich in dem jambischen und trochäischen, welchem sie aber bisweilen einen Spondäus mit einmischten. Zum lyrischen Gedichte wählten sie kürzere jambische oder trochäische; zum Erzählenden und Lehrenden aber längere und bloß jambische Verse. Die lyrischen Strophen aber setzten sie bisweilen aus Versen von verschiedenem Silbenmaße zusammen. Aber von Versen von ungleichartigem Silbenmaße wußten sie wenig und glaubten vermutlich, dass unsere Sprache sich dazu nicht schicke.

Da sie in der lyrischen Art weit mehr Lieder als Oden dichteten, so war es in der Tat auch schicklich bei gleichartigem Silbenmaße zu bleiben. Denn es scheint, dass die durchaus gleichartige Empfindung, die zum Charakter des Liedes gehört [s. Lied], auch ein solches Silbenmaß erfodere. Nur in den Liedern von solchen Doppelstrophen, da immer der zweite Teil der Strophe der Empfindung eine veränderte Wendung gäbe, könnt' es schicklich sein, jeder Hälfte der Strophe ihr eigenes Silbenmaß zu geben. Doch wäre dieses auch nicht allemal nötig; weil bisweilen bloß die veränderte Länge des Verses dazu hinlänglich sein könnte.

Es ist schon anderswo erinnert worden [s. Lyrisch], wenn unsere Dichter angefangen haben ungleichartige Silbenmaße in dem Lyrischen und anderen Versen zu versuchen. Es ist wahrscheinlich, dass die nähere Betrachtung der besonderen Beschaffenheit der Ode diese Veränderung veranlasst habe. Man machte lyrische Verse, in denen mehrere Arten der Füße abwechselten, da in einem Vers bald ein Spondäus, bald ein Daktylus, bald ein Jambus oder Trochäus vorkam und dieses ungleichartige Silbenmaß, wurd' auch in den zu einer Strophe gehörigen Versen abgeändert, da man vorher den Strophen nur durch die verschiedene Länge der Verse die Abänderung verschaft hatte. Nachdem die ersten Versuche von Pyra, Langen, Ramlern und einigen Verfassern der bremischen Beiträge Beifall gefunden, wurden allmählich alle Arten des griechischen Silbenmaßes von unseren lyrischen Dichtern versucht. Aber Klopstock und Ramler sind darin am glücklichsten gewesen. Dem ersteren haben wir auch den Hexameter zu danken. Dem Tonsetzer machen zwar diese Silbenmaße sehr viel mehr zu schaffen, um seinem Gesang dazu alle rhythmische Vollkommenheit zu geben als da er bloß Lieder von gleichartigem Silbenmaße in Musik zu setzen hatte. Doch wissen sich gute Tonsetzer auch aus diesen Schwierigkeiten herauszuziehen.

Das ungleichartige Silbenmaß hat seiner Natur nach mehr Mannigfaltigkeit, als das gleichartige; es gehört aber auch ein feineres und geübteres Ohr dazu, die Annehmlichkeiten desselben zu fühlen als zu unseren alten gewöhnlichen Silbenmaßen. Darum würden wir immer noch raten solche Gedichte, die auch für Unwissende, völlig ungeübte Leser bestimmt sind, nach unseren ehemaligen Silbenmaßen einzurichten. Herr Schlegel hat unseres Erachtens wohl bewiesen, dass einerlei Silbenmaß dennoch gar verschiedene Charakter des Tones, vom Sanften und Zärtlichen bis zum Starken und Fürchterlichen annehmen könne.*) Man muss sich darum auch nicht einbilden, dass das trochäische oder jambische oder ein anderes Silbenmaß sich mit Ausschluß anderer zu gewissen Charakteren allein schicke.

 

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*)  In s. Abhandl. von der Harmonie des Verses.


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