Korinthische Säule

Korinthische Säule. Die zierlichste Art Säulen, die in der Baukunst gebraucht werden. Ihr Hauptcharakter ist ein hohes Kapitell, mit drei übereinander stehenden Reihen Acanthus Blättern und verschiedenen zwischen denselben heraus wachsenden Stengeln geziert, die sich oben an dem Deckel in Schneckenformen zusammenwickeln. Solcher Schnecken sind auf jeder Ecke des Deckels zwei und zwei auf jeder Seite zwischen den Ecken und also in allem acht Paar. Anstatt der Acanthus Blätter brauchen einige Baumeister bisweilen auch andere, welche aber dem Kapitell ein etwas schwereres Ansehen geben. Allein die dreifache Reihe der Blätter und die acht Paar Schnecken sind allemal das gewisseste Kennzeichen dieser Säule.

In Ansehung ihrer Verhältnis gehört sie zu den höheren Säulen. Ihre ganze Höhe ist ungefähr 20 Model, der Fuß hat einen, das Kapitell zwei und einen dritteil, das übrige ist für den Stam. Man gibt dieser Säule entweder einen attischen Fuß oder einen eigenen der aus vielen Gliedern besteht, deren Ordnung und Verhältnisse aber nicht ganz bestimmt sind. Der Stamm wird oft mit Kanelüren ausgehölt. Weil diese Säule die zierlichste und feinste von allen ist, so leidet sie auch Verzierungen der kleinern Glieder, welche von den römischen Baumeistern sehr häufig angebracht worden. Doch scheint dieses dem großen Geschmack zuwider.

Den Namen hat sie von der Stadt Korinthus, wo sie, nach der bekannten Erzählung des Vitruvius, von dem Bildhauer Callimachus erfunden worden; wenn anders die Geschichte ihrer Erfindung nicht ein bloßes griechisches Mährchen ist. Der Jesuit Villalpandus [De apparatu templi Salomonis] hat beweisen wollen, dass die Säulen am Tempel zu Jerusalem, sowohl in den Verhältnissen als in den Hauptverzierungen wenig von der, lange nachher erst von den Griechen gebrauchten, korinthischen Säule unterschieden gewesen. Diesemnach könnte diese Säule wohl eine phönizische Erfindung sein. Vielleicht hat Callimachus bloß die Art der Blätter verändert, und Acanthusblätter anstatt der Palmen oder anderer Blätter eingeführt. An einer alten ägyptischen Säule, die Pokok [Beschreibung des Morgenlands] abgezeichnet hat, ist der erste Ursprung des korinthischen Kapitells nicht undeutlich zu sehen, in dem schon Laubwerk, als wenn es über den Rinken heraus gewachsen, längst dem Knauff in die Höhe steiget, unter dem Deckel sich sanft umbeugt und etwas, das den korinthischen Schnecken gleicht, vorstellt.

Haben etwa die im Orient so sehr gemeinen Palmenbäume, die im ersten Anfang der Baukunst statt der Säulen gebraucht worden, zu diesem Laubwerk an dem Kapitell Anlaß gegeben? Es ist sonst schwer zu sagen, warum eben dieser Teil der Säule, eine solche Zierrat bekommen habe. Im übrigen gibt diese Säule ein schönes Beispiel von der geschickten Abwechslung und der, dem Geschmack so nötigen, Mannigfaltigkeit der Teile. Das Gerade und Runde, das Glatte und Gebogene, das Einfache und Gezierte wechseln darin auf die angenehmste Weise mit einander ab.

 

 


Vergleiche ferner:

- Dorische, ionische, korinthische Säulenordnung (Hegel, Vorl. ü. d. Ästhetik)

- Die römische Konstruktion der Bogenwölbung (Hegel, Vorl. ü. d. Ästhetik)

- Die besonderen Formen des Tempelhauses (Hegel, Vorl. ü. d. Ästhetik)

- Der klassische Tempel als Ganzes (Hegel, Vorl. ü. d. Ästhetik)


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Seite zuletzt aktualisiert: 14.11.2004 
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