Glied

Glied. (Schöne Künste) Ein kleiner unabsonderlicher, aber für sich merkbarer, Teil eines Ganzen; oder ein solcher Teil, der zwar durch seine eigene Form sich von anderen unterscheidet, aber außer seinem Zusammenhange mit dem Ganzen oder für sich, nichts bestimmtes ausmacht. Ein Ganzes kann Teile von verschiedener Art haben. Denn es können einige so beschaffen sein, dass sie vom Ganzen abgerissen, für sich noch ein Ganzes ausmachen. So ist ein einzeles Haus ein Teil einer Stadt, ein Zimmer ein Teil eines Hauses, eine Periode ein Teil der Rede. Wenn aber der abgerissene Teil für sich nichts Vollendetes ausmacht, so ist er ein Glied des Ganzen. Von dieser Art ist ein Finger, eine Hand, die erst alsdann etwas bestimmtes sind, wenn sie in der Verbindung mit dem Ganzen stehen. So ist eine Silbe ein Glied eines Wortes; und der Teil der Rede, der keinen vollendeten Sinn hat, sondern nur einen Teil desselben enthält, ist ein Glied der Periode. In dem Gesang ist eine Periode, die sich mit einer Kadenz schließt, ein für sich bestehender Teil, die einzeln Tonfüße und kleinere Einschnitte, sind Glieder desselben. Im Tanz ist eine ganze Figur ein Hauptteil, einzelne Schritte aber sind die Glieder desselben.

Vermittelst der Glieder unterscheiden sich die Teile eines Ganzen von einander und erwecken da durch die Empfindung des Mannigfaltigen in Einem und der Verhältnisse der Teile. Gegenstände, welche die Sinne und die Phantasie beschäftigen, können ohne diese Mannigfaltigkeit der Teile und Glieder nicht gefallen, weil sie außer dem nichts an sich haben, das unsere Aufmerksamkeit reitzen könnte. Das durchaus Einförmige, das wie eine gerade Linie keine wirklichen, sondern bloß eingebildete Teile hat, kann nicht gefallen. Ein dunkles Gefühl der Notwendigkeit der Glieder in dergleichen Gegenständen, hat sie ohne Vorsatz und Überlegung in alle menschliche Werke gebracht, die Gegenstände des Geschmacks sein können. In der Sprache, in den Gesängen und Tänzen der unwissendesten Völker, sind Glieder von mancherlei Art entstanden; denn jeder Mensch fühlt, dass ein Gegenstand, der durchaus einerlei ist, die Aufmerksamkeit nicht fest halten, folglich nicht lange gefallen könne.

 Hieraus lässt sich begreifen, wie aus geschickter Zusammenfügung größerer und kleinerer Glieder von verschiedener Art, in der Sprache, in dem Gesang, in Bewegung, in körperlichen Formen, ein wohl geordnetes Ganzes entstehe, in welchem, wie in dem menschlichen Körper, Harmonie, Ordnung, Mannigfaltigkeit und angenehme Verhältnisse statt haben. Man muss es als eine Folge dieser Anmerkung ansehen, dass die Alten die Form des menschlichen Körpers als das vollkommenste Muster der Gebäude, angegeben haben; denn sonst begreift man nicht, was für Gemeinschaft diese beiden Dinge mit einander haben.

 Da aus der vollkommenen Zusammenordnung der Glieder des Körpers ein so schönes Ganzes entsteht, so kann man die Vollkommenheit dieser Form zum allgemeinen Muster aller Schönheit angeben. Die Harmonie der Sprache und des Gesangs entsteht aus ihren Gliedern eben so, wie die Harmonie der Figur aus den ihrigen. Aber der Ursprung der Schönheit, aus der Harmonie der Glieder, lässt sich unendlich leichter empfinden als beschreiben. Der, welcher in allen Arten das Schöne der Phantasie erreichen will, muss die vollkommene Zusammensetzung der menschlichen Gestalt aus ihren Gliedern, die höchste uns bekannte Schönheit, so oft und so gründlich gefühlt haben, dass seine Einbildungskraft durch den allgemeinen darin herrschenden Geschmack geleitet wird. Wenn einer der alten griechischen Meister, welche die höchste Schönheit der Formen überall erreicht haben oder wenn Raphael unter den Neuern, seine Empfindungen hierüber der Welt mitgeteilt hätten, so wären wir vielleicht im Stande, die beste Zusammenfügung der Glieder zu beschreiben. Itzt können wir nur wenige Worte über diese geheimnisvolle Materie stammeln.

Die Glieder eines vollkommenen Ganzen müssen von mannigfaltiger Größe und von eben so mannigfaltiger Gestalt sein; sie müssen von einander unterschieden und doch so unzertrennlich an einander verbunden sein, dass man nirgend kann stille stehen; man muss durch einen unwiderstehlichen, aber sanften Zwang genötigt werden, von einem zum anderen zu gehen und im Ganzen muss kein Teil als einzeln erscheinen. Man muss Teile bemerken und wenn man sie einzeln fassen will, müssen sie sich in der Maße des Ganzen verliehren. Alles muss so in einander geschlungen sein, dass die Vorstellungskraft nirgendwo wirklich ruhen oder stille stehen kann als bei der Betrachtung des Ganzen. Aber in den Verbindungen selbst muss eben die Mannigfaltigkeit herrschen als in den Gliedern. Sie müssen immer enge, kaum fühlbar und doch von merklicher Wirkung, aber von verschiedenen Graden sein.

 Nach dergleichen Gesetzen gibt der Redner seinen Perioden einen harmonischen Klang, wodurch das Ohr so gereizt wird, wie das Auge durch die schöne Form. Der Tonsetzer schlinget so seine Töne in einen, auch ohne Rücksicht auf den Ausdruck, schönen Gesang. Der Tänzer setzt aus seinen Elementen die schöne Bewegung zusammen und nach eben denselben bringt der zeichnende und bildende Künstler nicht nur seine Formen hervor, sondern auch die Schönheit der Zusammensetzung und die Harmonie der Farben entstehen aus derselben Quelle.

 


 © textlog.de 2004 • 15.07.2019 23:04:43 •
Seite zuletzt aktualisiert: 23.10.2004 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright  A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  Z