Aus unserem Parlament


Politiker. Der parlamentarische Horizont (Aus einer Rede des Abg. R. v. Onciul): »Ich habe den Janopulos in guter Gesellschaft kennen gelernt. Ich wußte, dass er im Hause eines hier akkreditierten Konsuls einer europäischen Großmacht als Gast bei einer Soirée fungiert habe, an welcher Generale, Gräfinnen, Reichsratsabgeordnete teilgenommen haben … Eines Tages sprach Janopulos auf der Kärntnerstraße eine Dame an, in der sicheren Überzeugung, wie er behauptet, dass sie ihm vor etlichen Wochen eine Gunst erwiesen hätte. Die Dame wehrte entrüstet ab. Diese von ihm als simuliert angesehene Prüderie brachte ihn in solche Wut, dass er sie auf der Gasse beschimpfte. Er wurde vom Gericht zu vierzehn Tagen Arrests verurteilt, im Berufungswege die Strafe auf zehn Tage Arrests herabgesetzt … Redner habe dem Manne nicht die Begnadigung zugesagt, sondern nur, dass er für ihn eintreten werde. Er sei in der Kabinetskanzlei und auch beim Justizminister gewesen. ›Exzellenz‹, habe er zum Justizminister gesagt, ›ich fühle mich verpflichtet, Ihre Aufmerksamkeit auf den Fall zu lenken und darauf aufmerksam zu machen, dass der Mann sich in guter Gesellschaft bewegt.‹ Bei einem Konsul, einem Hofrat, das ist gewiß eine gute Gesellschaft! … Redner kommt sodann auf den Vorwurf zu sprechen, dass er mit Dirnen verkehre. Ich mußte, sagte er, am Gründonnerstag in Anstaltsangelegenheiten nach Wien kommen, habe von 4 bis 5 Uhr eine Konferenz gehabt und konnte weiter nichts tun, weil die Kanzleien geschlossen waren. Ich ging nun in die griechische Kirche, dort traf ich meinen Freund, in seiner Gesellschaft war Janopulos. Nach dem Gottesdienste begrüßte ich die beiden Herren und sagte: Ich weiß nicht, was ich mit dem Abend aufangen soll. Es ist heute Normatag, es sind keine Theater, keine Vergnügungen. Einen Kollegen treffe ich nicht, weil infolge der Osterferien alle fort sind, ich bin infolge der Eisenbahnfahrt und wegen des Lärmes schlaflos, können mir die Herren nicht einen vernünftigen Rat geben? Da sagte Janopulos: Ich kann Ihnen helfen, ich kenne zwei Künstlerinnen, die sich in derselben Lage befinden. Ich antwortete: Unter den Künstlerinnen gibt es verschiedene Nuancen. Es gibt solche, die einwandfrei sind und solche, die auf Romane und Intimitäten reflektieren. Für die bin ich unter gar keinen Umständen zu haben. Infolgedessen wird aus der Sache nichts! Er sagte: Davon ist gar keine Rede! Ich trage, sagt Redner, keine Soutane, ich bin keine höhere Tochter, ich neige nicht zur Prüderie. Ich bin in Brünn in Gesellschaft sehr gesetzter Familienväter schon mit Theaterdamen an einem Tisch gesessen. Ich war in Gesellschaft von Reichsratsabgeordneten bei Maxim, es sind Damen dabei gesessen und ich finde nichts daran. Ich habe die Einladung akzeptiert, nachdem man erklärt und mich beruhigt hatte, dass Illusionen bei den Damen nicht entstehen können. Um ½11 Uhr nachts sind wir in ein anständiges Lokal gekommen. Es wurde dort geplaudert und gesungen, nichts weiter, nicht einmal pikante Anekdoten wurden erzählt. Getrunken wurde per Kopf 0.6 Liter oder 2 Seitel weißen Weins. Wenn die Herren finden, dass das ein Exzeß ist, so beuge ich mich Ihrem Urteil. Ich habe im Verlaufe von drei Stunden schon manchmal mehr als zwei Seitel getrunken!« … Wie? Und der Staat, in dessen Parlament diese Rede gehalten wurde, sollte nicht krepieren?

 

 

Nr. 213, VIII. Jahr

31. Oktober 1906.


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