Trost für Köpenick


Reichsdeutscher. Wilhelm II. liebt nicht nur Ohnet, sondern auch Ganghofer. De gustibus augustis non est disputandum. Nur soll man uns den Disput nicht aufdrängen, indem man uns immer wieder die Meldung auftischt, ein Monarch sei von diesem oder jenem Schundroman, von jenem oder diesem Kitschgemälde entzückt. In der Unterredung des Herrn Ganghofer mit dem deutschen Kaiser — welcher der beiden fixen Herren hat die Blätter mit dem ausführlichen Bericht versehen? — ist nur eine Stelle bemerkenswert. Wilhelm II. zitiert seinen Lieblingssatz aus einem Buch des Herrn Ganghofer: »Wer mißtrauisch ist, begeht ein Unrecht an anderen und schädigt sich selbst. Wir haben die Pflicht, jeden Menschen für gut zu halten, so lange er uns nicht das Gegenteil beweist.« »Nach diesem Grundsatz«, sagte der Kaiser, »habe ich von jeher jeden Menschen genommen, mit dem ich zu tun hatte. Man macht manchmal ja auch schlechte Erfahrungen, aber dadurch darf man sich nicht abschrecken lassen, man muß immer wieder mit neuem Vertrauen an Menschheit und Leben herantreten.« Das alles hat sich nämlich der Bürgermeister von Köpenick auch gedacht!

 

 

Nr. 212, VIII. Jahr

23. November 1906.


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