Bildhauer


Bildhauer. Zu viel Feodorowna Ries! Es geht ein Föhn der Reklame durch den Wiener Blätterwald. Ein Wiener Künstler stellt in einem Schreiben an mich Betrachtungen über den Wandel der Zeiten an. »Wir werden doch Großstadt. Seinerzeit konnte Schindler von einem Kunstkritiker der 'Neuen Freien Presse' sagen, er nehme so kleine Beträge, dass er sich beinahe der Unbestechlichkeit nähere. Da war ein lobender Zeitungsausschnitt noch erschwinglich. Nach Fräulein Feodorowna ist's teurer geworden. Sie macht eine 'Dezennal-Ausstellung' und das Geld, das unsere Grafen, Barone und bürgerlichen Snobs bei der Kassa erlegen, bekommt die Wiener Presse ganz und gar — unter dem Titel: Wohltätiger Zweck — Konkordia. Herr Edgar von Spiegel forderte eigenhändig die Kollegen vom Metier, welche Lob fabrizieren, zum Besuche der Ausstellung auf. Das hat doch einen großen Zug!« In letzter Stunde ist die »Dezennal-Ausstellung« um ein kostbares Stück bereichert worden: Feodorowna saß selbst dem »Porträtisten« des 'Neuen Wiener Journals'. Von dem Grabdenkmal eines Jünglings erzählt er uns: »Es zeigt einen emporschwebenden Körper. Aus dem Stein wächst eine Hand, ein Arm und die Kontur eines mächtigen Kopfes. Ist es ein Kopf? Ist es nicht zufällige Formation? 'Es ist Gott', sagte die Künstlerin. 'Wir haben Alle unsere seltsamen Vorstellungen von Gott', fährt sie fort. 'Michelangelo nahm ihn als Theatergreis, Goethe nannte ihn einen Alten, den man von Zeit zu Zeit gern sieht, mir ist er Urkraft alles Schaffens'.« Bilde, Künstler, rede nicht — mit einem Reporter des 'Neuen Wiener Journals'.

 

 

Nr. 198, VII. Jahr

12. März 1906


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