Wieder eine Aphorismensammlung


Weltweiser. Wer seine Kinder lieb hat, lege ihnen Gersuny’s Aphorismen unter den Weihnachtsbaum, wenn er nicht Unger’s Gedankensplitter vorzieht, die gleichfalls vor kurzem in Buchform erschienen sind. Der Unger-Spezialist der ›Neuen Freien Presse‹ schreibt: »Manches scheint unmittelbar aus der Zeit für die Zeit als Mahnung und Warnung bestimmt. So sollte man bei uns an der Schwelle schicksalsvoller Entscheidungen das Wort nicht überhören, dass Österreich ein Land ist, in dem, was unmöglich ist, zu geschehen pflegt, aber auch das andere nicht, dass wir in einer Zeit leben, in der die Quantität die Qualität zu erdrücken und zu ersticken droht.« Wie soll man das also machen? Die beiden Aphorismen sind ja gewiß unerhört originell und überzeugend; aber wenn Handelsverträge erneuert, Ausgleiche geschlossen oder Wahlgesetze gemacht werden, dürfte ihre Zitierung wenig nützen. Zumal, da wir in einem Lande leben, in dem ja zuletzt doch das Unmögliche geschieht, und in einer Zeit, in der auch die Quantität von Aphorismen deren Qualität zu erdrücken droht.

 

 

Nr. 214-215, VIII. Jahr

22. Dezember 1906.


 © textlog.de 2004 • 27.06.2019 00:03:44 •
Seite zuletzt aktualisiert: 23.03.2007 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright Die Fackel: » Glossen » Gedichte » Aphorismen » Notizen