Wagner und Spitzer


Musiker. Gewiß, die vielbeschrieene Publikation der Wagnerschen Briefe an eine Putzmacherin mit den Glossen Daniel Spitzers ist ein leichenschänderischer Akt. Aber nicht Wagner, sondern Spitzer scheint mir in diesem Fall des Schutzes der literarischen Friedhofswächter bedürftig. Und vor allem des Schutzes gegen diese sonderbaren Aufseher, die ihre Pietät für Wagner nicht anders bekunden zu können glauben, als dadurch, dass sie das andere Grab selbst bespucken. Was diese Herrschaften treiben, ist wohl schlimmer noch als die Tat des Herausgebers der Spitzer-Glossen. Der tote Spitzer hat ja den toten Wagner in Ruhe gelassen; wozu prügeln sie also seinen Leichnam? Wär’s nicht genug gewesen, zu sagen: Der Commis, der jene Ausgabe veranstaltete, hat, ohne Wagner herabsetzen zu können, sich in gröblicher Weise an dem literarischen Andenken des vortrefflichen Wiener Spaziergängers vergriffen, der die Glossen seinen gesammelten Werken nicht einverleibt hat und ihre Buchpublikation nie erlaubt hätte? Statt dessen vermessen sich Wiener Feuilletonlehrlinge, die diesem neben Kürnberger und Speidel bedeutendsten Schriftsteller der Wiener Tagespresse nicht bis zur Wade reichen, Daniel Spitzer für den törichten Einfall der Firma Konegen verantwortlich zu machen und von ihm in einem Tone zu sprechen, als ob sein geistiger Ursprung etwa zwischen den Julius Bauer und Landesberg zu suchen wäre. Da ist ein Herr Fred, der sich im Laufe einiger Jahre aus einem Analphabeten zu einem Kulturreporter entwickelt hat, aber der früheren Richtung doch nicht ganz untreu geworden ist und nun im Berliner ›Tag‹ verächtlich auf einen Stilisten vom Range Daniel Spitzer’s herabsieht. Er nennt ihn einen »allzu witzigen Journalisten«, setzt dessen »Geistreichheit« in Gänsefüßchen, bezeichnet die Glossierung der Wagner-Briefe als eine »schon fast vergessene Schändlichkeit« und meint, Spitzer habe »nur eine Beziehung zu Leben und Kunst gekannt: nämlich die Möglichkeit, einen Witz zu machen«. Herr Fred, dessen Beziehungen zu Leben und Kunst in der Unmöglichkeit, einen Witz zu machen, begründet sind, hat keine Ahnung davon, dass jener Vorwurf selbst gegenüber dem Stil eines Heine berechtigter wäre. Denn wenn je Gesinnung — auch gegen Wagner — Stil, und Stil Witz bedeutet hat, so trifft dies für Spitzer zu, einen Humoristen, der jene »Beziehung« zu den Dingen nicht gesucht hat, sondern dem sie organisch war, und den die Feuilletonknaben offenbar mit Saphir, dem Prototyp der in Witzen unerschöpflichen Witzlosigkeit, verwechseln. Ein Herr Frey, dadurch unbekannt, dass er den »Kampf der Geschlechter« geschrieben hat, nennt in der ›Österreichischen Rundschau‹ (Alfred von Berger, der in Hamburg wirkende Mitherausgeber sollte diese Revue einmal lesen) die Art Daniel Spitzer’s »die des unverschämten Tagesschriftstellers, der ein Pathos der Distanz notdürftig vor historisch entrückten Größen einhält«. Ach ja, dafür hat es Spitzer verstanden, Nullen, die sich Größen dünken, in einem Sinne lächerlich zu machen, der der Vergänglichkeit Perspektive gab und den Einzelfall durch den Humor der Distanz zum Typus erhöhte. Spitzer hätte sogar Herrn Frey nicht unbeachtet gelassen. Schade, dass er nicht mehr lesen kann, wie Herr Frey z. B. die berühmte Rundfrage nach den »zehn Büchern« mit der pompösen Aufzählung von Werken beantwortet, die er »sich vom Schicksal als Trost erbitten würde, wenn er Robison wäre«. Vielleicht hätte Spitzer in seiner bedächtigen Weise vor solchem Optimismus gewarnt und etwa geschrieben: Ich glaube nicht, dass selbst der Don Quixote und Chamfort, Mach und Platon einen so geselligen Geist wie Herrn Frey mit dem Schicksal Crusoe’s versöhnen könnten, während ich andererseits fest davon überzeugt bin, dass mir die Langweile auf der Insel Robinsons bei dem bloßen Gedanken verginge, dass sich der »Kampf der Geschlechter« nicht in meiner Bücherkiste befindet … Wenn die Wiener Journalistik auf eine Erinnerung stolz zu sein hätte, so wäre es die an Daniel Spitzer. Weil aber wahrscheinlich die ›Neue Freie Presse‹ weiß, dass den Spaziergänger bloß eine Anstellung und kein Band der Gesinnung mit ihr verknüpfte, verzichtet sie großmütig darauf, ihren berühmten Mitarbeiter gegen die Bübereien in Schutz zu nehmen, die jetzt tagtäglich gegen sein Andenken verübt werden. Jenes Antisemitenblatt, in dessen Spalten an jedem Sonntag der Humor von Mauer-Öhling exzediert, die ›Deutsche Zeitung‹, darf mit ironischem Mitleid von dem »Humoristen« Spitzer sprechen, darf den Verdacht andeuten, dass er der Putzmacherin Berta die Briefe gestohlen habe. Und sie lobt sogar einen kleinen jüdischen Musikjournalisten, Herrn Karpath, der in einer eigenen Broschüre »die ohnmächtigen Ausfälle Spitzer’s widerlegt habe« und den die ›Deutsche Zeitung‹ einen »Freund des Hauses Wagner« nennt. »Nur eines«, meint sie, sei »an der lesens- und dankenswerten Broschüre zu tadeln: der Ton, den Karpath gegen Spitzer anschlägt«. Wie das? Es gehe nämlich nicht an, Wagner zu verteidigen und zugleich Spitzer »als Schriftsteller zu preisen«. Dass Herr Karpath, der einmal im ›Neuen Wiener Tagblatt‹ schrieb, Herr X sei »ein den Blütenstaub bereits abgestreifter Tenor«, Respekt vor der stilistischen Persönlichkeit eines Daniel Spitzer empfindet, erscheint der ›Deutschen Zeitung‹ als ein Akt überflüssiger »Noblesse«, den sie tadeln muß. Denn der Antisemitismus ist immer für die Karpaths und gegen die Spitzers gewesen … Die Publikation der Briefglossen nenne ich eine Gemeinheit gegen Spitzer. Hätte man seine Glossierung Wagner’scher Texte, die in seinen gesammelten Werken enthalten ist, von neuem herausgegeben, so wäre die Situation vereinfacht. Dann hätten die Wagnerianer mit Recht von einer Gemeinheit gegen Wagner sprechen können. Aber auf die Gefahr hin, in Bayreuth nicht empfangen und in das Weihrauchtheater nicht eingelassen zu werden, muß ich gestehen, dass mir nicht jeder ein Alberich zu sein scheint, der sich an dem Schatz dieser Poesie zu versündigen wagt. Die feinsten Geister der Zeit würden vielleicht, wenn sie nur immer die ehrlichsten wären, bekennen, dass sie sich an die große Verabredung, der Wagner-Religion auch die Heiligkeit seiner Stabreime zu intabulieren, nicht zu halten entschlossen sind!

 

 

Nr. 213, VIII. Jahr

11. Dezember 1906.


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