Kopfstellung

Kopfstellung. (Zeichnende Künste) Die fleißige und genaue Beobachtung der ungemeinen Kraft, die in den verschiedenen Stellungen und Wendungen des Kopfes liegt, ist ein wichtiger Teil des Studiums der zeichnenden Künste. Auch ein bloß mittelmäßiger Beobachter der Menschen muss entdecken, dass gar oft nicht nur der herrschende Charakter, sondern auch die vorübergehenden Empfindungen am gewissesten und nachdrücklichsten durch die Kopfstellung ausgedrückt werden. Stolz und Demut, Hoheit, Würde und Niedrigkeit, Sanftmut und Strengigkeit der Seele, zeigen sich durch keine Abwechslung der Form lebhafter als durch diese. Der ganze Charakter des Apollo im Belvedere kann schon aus seiner Kopfstellung erkannt werden. Darum ist dieses in der ganzen Zeichnung einer der wichtigsten, wo nicht ohne Ausnahme der wichtigste Teil; aber auch zugleich gewiss der schwerste.

In jeder Figur, die untadelhaft sein soll, muss die Gestalt und Form des Halses nebst der Kopfstellung nicht nur natürlich und ungezwungen, sondern zugleich dem Charakter der Person und den vorübergehenden Empfindungen, die man da, wo sie vorgestellt wird, von ihr erwartet, gemäß sein. Zu den verschiedenen Wendungen des Halses ist vor allen Dingen eine genaue Kenntnis der Anatomie desselben not wendig, weil seine verschiedene Muskeln sich bei jeder veränderten Wendung anders zeigen. Aber dieses ist das Wenigste. Der Zeichner, der in diesem Stück vorzüglich geschickt sein soll, muss ein äußerst feines Gefühl haben, um jede Empfindung der Seele, die dem Kopf und dem Hals eine eigene Wendung gibt, in der äußeren Form zu bemerken; er muss diese Zeichensprach der Natur vollkommen verstehen, damit ihm von den Wirkungen der Empfindung auf diese vorzügliche Teile des Körpers nichts entgehe.

Hat er dieses Gefühl und ist er ausserdem ein starker, wohl geübter und mit einer recht lebhaften Einbildungskraft begabter Zeichner; so kann er denn in diesem wichtigen Teil der Kunst, sowohl nach der Natur als nach den Antiken sich nützlich üben. Wir müssen hier wiederholen, was schon an mehreren Orten dieses Werks gesagt worden, dass der Zeichner in seinem Umgange mit Menschen ein beständig zur schärfsten Beobachtung gestimmtes Auge haben müsse. Je mehr Menschen er zu sehen Gelegenheit hat, je empfindsamer diese Menschen sind und je bestimmter ihr Charakter ist, je mehr wird er auch über diesen Teil beobachten können. Am vorzüglichsten sind die Gelegenheiten bei öffentlichen Versammlungen aus der Menge der Menschen, diejenigen besonders auszusuchen, die dabei das meiste empfinden. Allgemein trift es sich da, dass man sie lange genug in einerlei Stellung beobachten kann, um die Kopfstellung lebhaft genug in die Phantasie zu fassen oder sogleich zu zeichnen. Hier hat der Maler weit wichtigere Gelegenheit sein Auge zu üben als in der Academie oder in seinem Kabinet. Wer sich einbildet, dass er ein gedungenes lebendiges Model nützlich hierzu brauchen könne, der irret sich. Ein Kopf, der nach einer vorgeschriebenen Stellung sich halten soll, wird gewiss immer etwas gezwungenes zeigen. Man muss die Menschen frei sehen, wo sie nicht vermuten, dass sie beobachtet werden und wo sie selbst sich ihrem Charakter und ihren Empfindungen völlig überlassen.

Mit diesem Studium der Natur, muss eine genaue Beobachtung und fleißige Zeichnung der besten Antiken verbunden werden; weil die Alten besonders auch in diesem Teile bewunderungswürdig sind. Unter den Neuern aber müssen vorzüglich Raphael und für das reizende und sanftleidenschaftliche in den Kopfstellungen Guido, studiert und nachgezeichnet werden.

Nach dem Bericht des Plinius hat ein gewisser Cimon von Cleonä zuerst diesen wichtigen Teil des Ausdrucks ausgeübt [Cimon Chonæus catagrapha invenit; hoc est obliquas imagines et varie sormare vultus; respicientes, suspieientes, despicientesque, Plin. Hist Nat. L. XXXV. c. 8].


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