Kraft - Kraft der Vollkommenheit


Die erste Quelle der ästhetischen Kraft ist also Vollkommenheit. Wir haben der Entwicklung dieses Begriffs einen eigenen Artikel gewiedmet, aus welchem erhellt, dass zu dieser Quelle außer dem, was man im ersten Sinne Vollkommenheit nennt, auch Wahrheit, Richtigkeit und Deutlichkeit gehöre. Worin jede dieser Eigenschaften bestehe, findet sich am gehörigen Orte hinlänglich bestimmt. Dieses setzen wir voraus, um hier bloß die Kraft der Vollkommenheit in nähere Betrachtung zu ziehen. Also entsteht hier die Frage: Was kann natürlicher Weise die Vollkommenheit, die wir in den verschiedenen Gegenständen des Geschmacks entdecken, in uns wirken? Ein gemeiner Grad derselben befriedigt. Wenn alles, was wir sehen und hören durchaus so ist, wie wir es erwarten, wenn wir überall die Klarheit, Richtigkeit, Vollständigkeit, Wahrheit antreffen, die uns nichts mangelhaftes in den Sachen sehen lässt, so sind wir damit zu frieden. Aber ein größerer und unerwarteter Grad dieser Eigenschaften tut mehr; er erweckt das Gefühl des Vergnügens. Unser Hang nach Vollkommenheit wird dadurch nicht bloß befriediget, sondern erhöhet und aus dieser Erhöhung entsteht eigentlich die Empfindung. Wenn wir eine Zeitlang, um eine Gegend zu übersehen den Anbruch des Tages erwartet haben, um jeden vor uns liegenden Gegenstand zu erkennen; so werden wir durch ein hinlängliches, ob schon noch etwas dämmerndes Tageslicht befriediget: aber besonderes Ergötzen und Vergnügen entsteht alsdenn, wenn auf die mäßige Klarheit auf einmal ein heller Sonnenschein einbricht, der einige Gegenstände in mehr als gewöhnlicher Klarheit zeigt und die ganze Gegend in wohl geordnete Massen des hellen Lichts und des Schattens einteilt. Dieses zeigt uns die ganze Gegend in ihrer vollen Pracht.

Also muss zwar in Gegenständen unserer Erkenntnis, welche die schönen Künste behandeln ein gemeiner Grad der Vollkommenheit überall herrschen, damit uns nichts anstößig sei; alles falsche, unrichtige, unvollständige, dunkle muss vermieden werden. Dadurch aber wird noch keine merkliche Empfindung in uns erweckt, sondern bloße Befriedigung. Um diese höher zu treiben, müssen die vornehmsten Gegenstände durch vorstechende Vollkommenheit, Klarheit, durch die äußerste Richtigkeit, durch lebhaft treffende Wahrheit, sich von dem übrigen unterscheiden. Dann können wir sagen, dass dieses Werk durch ästhetische Vollkommenheit auf uns wirke. Diese Erreichung des höheren Grades der Vollkommenheit ist eigentlich das, worauf die Künste, in Gegenständen der Erkenntnis zu arbeiten haben, weil der Künstler sich dadurch von den bloß gemeinen Lehrern unterscheidet.

Es verdient hier angemerkt zu werden, dass in den Werken des Geschmacks das Vollkommene außer dem besonderen unmittelbaren Zweck, den der Künstler dadurch zu erreichen sucht, den allgemeinen Nutzen hat, den natürlichen Hang des Menschen nach Vollkommenheit nicht nur zu unterhalten, sondern auch merklich zu verstärken oder zu erhöhen. Reden, Gedichte und andere für den Verstand gemachte Werke, darin das Wahre und Vollkommene einen hohen Grad hat, können wir nicht ohne Nutzen lesen, wenn gleich ihr Inhalt völlig außer unserem Interesse liegt; denn sie unterhalten und erhöhen, den heilsamen Hang nach Vollkommenheit in uns. Und hieraus erhellt, wie ein Werk der Kunst, einen von seinem Inhalt selbst unabhänglichen Wert haben könne.

Hier ist der Ort nicht zu zeigen, wie der Künstler den hohen Grad des Vollkommenen erreichen könne: es ist genug ihn zu erinnern, dass er ihn suchen soll und überhaupt Künstler und Liebhaber auf die Anmerkung zu führen, dass Gegenstände unserer Erkenntnis in den Werken des Geschmacks nur von solchen Künstlern, die vorzüglichen Verstand und Scharfsinnigkeit haben, glücklich können behandelt werden.

Aber dieses müssen wir noch anmerken, dass von den drei Arten der ästhetischen Kraft, die, welche in der Vollkommenheit liegt, dem Werte nach die Vorzüglichste scheint. Freilich ist dem Menschen der Hang nach dem Schönenund Guten notwendig, vor allen Dingen aber, muss er einen starken Hang nach Vollkommenheit und Wahrheit haben. Der feinste Geschmack am Schönen mit dem besten Herzen verbunden, macht den großen Mann noch nicht aus. Der große Verstand oder eine starke Beurteilung ist die Grundlage der wahren Größe des Menschen.


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