Kadenz

Kadenz. (Musik) Dasjenige, wodurch in dem Gesang das Gefühl des Endes oder auch bloß einer Ruhestelle, eines Abschnitts oder Einschnitts erweckt wird. Der Gesang muss, wie die Rede, aus mancherlei Gliedern bestehen,1 die durch Einschnitte, durch längere oder kürzere Ruhestellen, von einander abgesondert sind. In der Rede werden diese Glieder Einschnitte und Perioden genannt, die man durch verschiedene Zeichen anzudeuten pflegt. Die Glieder aber entstehen nicht durch diese Zeichen, sondern aus der Anordnung der Begriffe, nach welcher in der Rede, an den Stellen, wo diese Zeichen stehen, ein mehr oder weniger vollständiger Sinn sich endigt: zugleich aber auch aus der Folge der Töne; denn in dem Vortrag der Rede werden diese Ruhestellen, durch den stärkern oder schwächern Abfall der Stimme und durch längere oder kürzere Verweilungen, auf der letzten Silbe fühlbar gemacht. Dieses sind eigentliche Cadenzen der Rede und daraus lässt sich schon begreifen, was die Cadenzen in der Musik sind.

 In einem Tonstück vertritt die Harmonie einigermassen die Stelle der Begriffe der Rede; die Melodie aber des Tones der Silben. Wie nun die Einschnitte und Perioden der Rede, sowohl von den Begriffen als von dem Ton der Worte abhangen, so ist es auch in der Musik. Wir haben also hier die Kadenzen, sowohl in der Harmonie als in der Melodie zu betrachten und mit den ersten den Anfang zu machen.

 Es gibt also, sowohl in der Rede als in der Sprache der Musik, zweierlei Glieder: in der Rede entstehen sie entweder von der Ordnung der Begriffe oder von der Ordnung der Töne; und in der Musik, entweder von der Ordnung der Akkorde oder von der Ordnung der einzeln Töne der Melodie. Die ersteren beiden Gattungen sind die wesentlichsten, und die anderen müssen ihnen untergeordnet sein. Ein harmonisches Glied ist eine Folge zusammenhängender Akkorde, auf deren letztem man ohne fernere Erwartung stehen bleiben oder doch eine Zeitlang ruhen kann.

Dasjenige nun, was in der Harmonie das Gefühl dieses Stillstehens verursacht, wird eine harmonische Kadenz genannt. Die Wirkungen der Cadenzen sind von verschiedener Art: entweder bringen sie das Gehör in eine völlige Ruhe, so dass es schlechterdings nun weiter nichts erwarten kann; oder sie verursachen einen Stillstand, bei dem man, ohne einen Mangel zu fühlen, nicht gänzlich aufhören, aber doch eine Zeitlang stillstehen kann. Die, welche die erstere Wirkung tun, werden ganze oder völlige Cadenzen genannt, von den anderen werden einige halbe, andere unterbrochene Cadenzen genannt. Wir wollen jede Art näher betrachten.

1. Zur vollkommenen Ruhe wird notwendig eine vollkommen konsonierende Harmonie erfordert, weil jeder dissonierende Ton etwas beunruhigendes hat; also muss der letzte Akkord der ganzen Kadenz notwendig der vollkommene Dreiklang sein. Aber nicht jeder Dreiklang setzt in gleich völlige Ruhe. Wer nur einigermassen empfinden kann, was eine Tonart oder ein Ton, darin man moduliert, ist, der fühlt auch, dass die völligste Beruhigung nur durch den Dreiklang auf dem Grundton verursacht wird; also muss der letzte Akkord der ganzen Kadenz den Dreiklang auf dem Grundton haben, aus dessen Tonleiter die vorhergehenden Akkorde genommen sind. Jedes Tonstück wird aus einem gewissen Ton gesetzt, aus welchem die Harmonie zwar in andere Töne ausweicht, zuletzt aber in den Hauptton zurück geführt wird.2 Die vollkommenste Ruhe kann nicht eher hergestellt werden, bis die Modulation aus den Nebentönen wieder in den Hauptton, von dem das Gehör vorzüglich eingenommen ist, zurück geführt worden. Also kann ein ganzes Stück nicht anders als mit dem vollkommenen Dreiklang auf seinem Grundton endigen. Dieser Schluss wird die Finalcadenz oder die Hauptcadenz eines Tonstücks genannt. Geschieht der Schluss aber vermittelst des Dreiklanges auf dem Grundton einer Nebentonart, dahin man ausgewichen ist, so wird dadurch nur eine Mittelcadenz verursacht, womit eine Periode kann geendigt werden.

 Die Vollkommenheit des Schlusses aber hängt nicht allein von dem letzten, sondern zum Teil auch von dem vorletzten Akkord ab, durch welchen das Verlangen nach der Ruhe erweckt wird. Also muss der vorletzte Akkord, durch den die Ruhe angekündigt wird, notwendig etwas unvollkommenes haben, das die Erwartung des letzten erweckt und er muss in der engesten Verbindung mit dem letzten Akkord stehen. Dieses kann auf keine vollkommnere Art geschehen als wenn der vorletzte Akkord auf der Quinte oder Dominante des Tons, darin man ist, genommen wird, weil die Rückkehr von der Dominante auf den Grundton der natürlichste Schritt ist, den die Harmonie tun kann: also ist überhaupt dieses die Form der ganzen oder völligen Kadenz. Damit aber das Gefühl des letzten Grundtons schon durch den Akkord des vorletzten desto gewisser erweckt werde, wird auf diesen der Septimenakkord genommen,3 weil dann die Harmonie unumgänglich um eine Quinte fallen muss.

  Hierbei aber ist auch noch auf die Ordnung der Töne in den oberen Stimmen zu sehen, indem auch darin jeder letzte Ton durch den vorletzten kann bestimmt werden. Die große Terz des vorletzten Tones macht das Subsemitonium des folgenden Grundtons aus und geht also notwendig beim Schlusse in die Oktave. Die Septime im vorletzten Akkord macht die Quarte des letzten Grundtons aus und geht also notwendig in dessen Terz über. Mithin wird der vollkommenste Schluss dieser sein: weniger vollkommen würde er in diesen Gestalten sein: Hierbei verdient angemerkt zu werden, dass die Alten in den Cadenzen, da die Terz in der Oberstimme schließt, allemal die große Terz brauchten, wenn gleich die Tonart die kleine erforderte; also: Der Grund dieser Abweichung lag ohne Zweifel in der schlechten Temperatur ihrer Orgeln, nach welcher viel kleine Terzen so schlecht klangen, dass sie freilich zum Schluss untauglich waren. Da dieser Fall jetzt nicht mehr statt hat, so schließt man auch ohne Bedenken mit der kleinen Terz. Wolte man in Kirchensachen, aus Liebe zum Altertum, im Schluss die Tonart ändern, so könnte es am füglichsten also geschehen:

Noch weniger vollkommen aber wäre diese Cadenz, wenn der letzte Schritt durch Heraufsteigen von der Dominante auf den Hauptton geschähe. Denn obgleich diese Akkorde mit den vorhergehenden im Grunde einerlei sind, so kann doch diese Kadenz nicht wohl eine völlige Ruhe machen, weil die Domi nante nicht auf die Oktave ihres Grundtons, sondern auf diesen selbst führt; folglich die Ruhe nicht durch Steigen, sondern durch Fallen hervorgebracht wird. Doch könnte dieser Schluss auf folgende Weise vollkommen gemacht werden. Dieses ist also die Form der ganzen harmonischen Cadenz, die in ihrer vollkommensten Gestalt, am Ende des ganzen Stücks nicht nur wie bei a erscheinen, sondern mit dem Dreiklang auf dem Hauptton, woraus das Stück gesetzt ist, endigen muss. Wird sie aber mitten im Stück zu Endigung einer ganzen harmonischen Periode gebraucht, so endigt sie sich mit dem Dreiklang des Grundtons, dahin man ausgewichen war und darin man sich eine Zeitlang aufgehalten hat: dabei nimmt sie in den oberen Stimmen die unvollkommenere Gestalt, wie bei b und c, an. Dieser Schluss kann auch durch Verwechslung des vorletzten Akkords oder des Akkords der Dominante etwas geschwächt werden, als:

2. Die halbe Kadenz setzt in eine nicht völlige Ruhe, sondern befriediget zwar das Gehör durch eine ganz konsonierende Harmonie, bei welcher man aber deswegen nicht ganz ruhen kann, weil sie nicht auf dem Grundton liegt, darin man moduliert, sondern auf der nächsten Konsonanz, nämlich der Quinte oder der Dominante desselben. Ihre Form ist also diese: Um die wahre Natur dieser halben Kadenz zu begreifen, stelle man sich vor, man hätte aus dem Hauptton C in seine Dominante schliessen wollen. Dieses würde man durch den geradesten Weg also bewerkstelligen.

Auf dem letzten dieser drei Akkorde wäre man nun wirklich in G, der Ton C wäre vergessen und die Kadenz wäre ganz. Nähme man aber auf dem zweiten Akkord, anstatt der großen Terz, die das Subsemitonium von G ist, die kleine Terz, die der Haupttonart C dur eigen ist, so würde auf dem letzten Akkord ungewiss, ob man wirklich nach G dur ausgewichen wäre oder, ob man in C bleibe und nur den Dreiklang seiner Quinte wolle hören lassen, um danach in der Haupttonart wieder fortzufahren. Demnach ist offenbar, dass durch diese Fortschreitung keine wirkliche Ruhe, sondern nur ein Stillstand verursacht wird, der aber, wegen der sich dabei äussernden Ungewissheit, nicht lange dauren kann. Dieses ist die Natur der halben Cadenz, die, wie die ganze, mehr oder weniger Kraft haben kann, wie aus folgenden Beispielen erhellt. Läßt man den Mittelakkord ganz weg, wie bei a, so ist die Ungewissheit am stärksten und folglich der halbe Schluss am schwächsten; nimmt man aber diesen Mittelakkord mit der kleinen Terz, wie bei b, so gleicht die halbe Kadenz etwas mehr einem Schluss in dem Ton G. Von eben diesem ist die Form bei c bloß eine Verwechslung. Würde man die Kadenz aber so machen, wie bei d und e; so wäre man schon nach G wirklich ausgewichen. Da aber dieses doch nicht in der Form der ganzen Kadenz geschehen ist, und man von da ohne Zwang wieder in den Ton C zurück kann, so bleibt auch diese Kadenz noch weit von der Stärke der ganzen entfernt.

 Mit diesen halben Cadenzen kann man kein Stück, aber doch Hauptabschnitte desselben endigen. Von den drei hiernächst verzeichneten Arten dieser halben Cadenz, setzt die erste am meisten in Ruhe, die andere weniger, die dritte am wenigsten. Die heutigen französischen Tonsetzer nehmen mit Rameau an, dass diese halbe Cadenz, welcher sie den Namen der unvollkommenen, auch der irregulären Kadenz geben, durch die, dem Dreiklang des vorletzten Tones hinzugetane, große Sexte müsse angekündigt werden, welche sie auf dem folgenden Akkord um einen Grad in die Höhe treten lassen, wo sie dann zur großen Terz wird; also: Die deutschen aber, denen diese dissonierende Sexte nicht gefällt, lassen sie als einen Durchgang hören, wie im zweiten Beispiel; nur in geschwindem Zeitmaasse lassen sie die Auflösung dieser Sexte, so wie auch der Quinte in dem Satz , über sich gelten: aber in langsamer Bewegung wird allemal wie die Verwechslung des Septimenakkords aufgelöset.

 3. Die unterbrochene Kadenz entsteht dadurch, dass die Erwartung eines Schlusses erweckt, das Gehör aber durch einen unerwarteten Akkord getäuscht wird, als:

da man nach dem Akkord, auf der Dominante den Schluss in den Hauptton erwartet, an dessen Stelle aber den Akkord auf der Sexte hört. Dieser Gang wird deswegen von den Italienern Cadenza d'inganno, die betrügerische Kadenz genannt. Ihre Wirkung ist eine Überraschung, bei welcher man eine Zeitlang stille steht, dabei aber das Gefühl, dass ein fernerer Aufschluß erfolgen soll, behält. Man kann dadurch das Gefühl einer Verwunderung, eine Frage oder die Erwartung einer Antwort ausdrucken. Einigermassen gehören auch die Verwechslungen der Akkorde auf dem Grundton der ganzen Kadenz hierher; weil dadurch ebenfalls die Erwartung betrogen wird, wiewohl die dadurch verursachte Täuschung weit weniger Kraft hat als in der betrügerischen Kadenz. Dergleichen Schlüsse sind also diese: Man kann sowohl der ganzen als der halben Cadenz, ihre schliessende oder Ruherweckende Kraft ganz benehmen, wenn man auf dem letzten Grundton den Septimenakkord nimmt, als: oder Eine solche Fortschreitung wird eine vermiedene Kadenz genannt. Im Grund aber kann sie gar nicht unter die Cadenzen gezählt werden, weil sie alle Ruhe oder alles Stillstehen unmöglich macht; indem das Ohr, so bald es die Dissonanz vernimmt, auch nach ihrer Auflösung begierig wird. Ihre Wirkung ist gerade das Gegenteil von dem, was die Kadenz wirkt; nämlich eine, ohne alle Aufhaltung fortschreitende Bewegung, wodurch der genaueste Zusammenhang des harmonischen Ganges erhalten wird. Findet man, dass, des Ausdrucks halber, bei der halben Kadenz eine Aufhaltung nötig sei, so wird die 7 hinzugetan und denn die Aufhaltung mit diesen Zeichen oder angedeutet. Dieses macht also eine besondere Gattung der halben Kadenz aus. S. Fermate. Auch die Verwechslungen des Septimenakkords auf der Dominante leiden diese Fermaten.

 Bis dahin haben wir die Kadenz bloß in Absicht auf die Harmonie betrachtet, insofern sie einen harmonischen, größeren oder kleinern Ruhepunkt verschaffet. Damit man sich einen desto deutlichern Begriff von den Cadenzen der Melodie machen könne, bedenke man, dass ein Abschnitt der Rede, der dem Sinne nach völlig geendigt wäre, so ungeschickt könnte gelesen werden, dass das Ohr nach dem letzten Wort noch immer etwas erwartete. Eben so könnte ein Abschnitt harmonisch geendigt, durch den Gesang aber als unvollendet vorgetragen sein. Daher entsteht also die Betrachtung der melodischen Kadenz.

Es ist so gleich offenbar, dass der letzte Ton einer melodischen Kadenz notwendig mit dem Grundton, aus dessen Tonleiter die Töne genommen sind, konsonieren müsse und dass das Gefühl der Ruhe um so viel gewisser entsteht, je vollkommener die Konsonanz ist. Also wird der letzte Ton entweder der Einklang oder die Oktave oder die Quinte oder die Terz des Grundtons sein. Dieser letzte Ton muss im Niederschlag des Taktes eintreten, weil er auf diese Art fühlbarer wird; und aus eben dem Grunde muss die Stimme, wenn die Ruhe völlig sein soll, darauf liegen bleiben und sich nach und nach verlieren. Endlich wird die Ruhe auch dadurch fühlbarer, wenn dem letzten Ton einer vorhergehet, der das Gefühl des Schlusstons zum voraus erweckt; dieses nennt man die Vorbereitung der Cadenz: diese muss also im Aufschlag des vorletzten Takts geschehen. Daher sind folgende Hauptgattungen der melodischen Schlüsse entstanden. Die erste scheint die vollkommenste zu sein, weil sie im Unisonus, der vollkommensten Konsonanz, schließt und also den Gesang an die Quelle, woraus er geflossen ist, wieder zurück geführt hat und zwar durch den Fall einer Quinte, der ohne dem etwas beruhigendes hat. Diese Kadenz wird die Basscadenz genannt, weil sie dieser Stimme vorzüglich zukommt, obgleich bisweilen auch die oberen Stimmen, nach dieser Formel in die Oktave des Grundtons schliessen, als: Diese Basscadenz nimmt bisweilen durch Verwechslung des vorletzten Akkords, diese Gestalt an: Die zweite Hauptform schließt durch die große Septime des Grundtons in seine Oktave, die vollkommenste Konsonanz nach dem Einklang und hat nächst der vorhergehenden die größte Kraft zur Beruhigung, welche durch das Subsemitonium, das dem letzten Ton vorhergeht, natürlicher Weise erwartet wird. Dieser wird der Name der Diskantclausel gegeben, weil die oberste Stimme allgemein so schließt. Sie nimmt bisweilen auch diese, aber weniger kräftige Form an.

Die dritte Form wird die Tenorcadenz genannt, weil diese Stimme allgemein so schließt. Diese stellt die Ruhe nicht vollkommen her, da sie mit der Terz auf hört und könnte also für sich allein nur einen kleinen Ruhepunkt machen.

 Die vierte hat den Namen der Altcadenz bekommen, weil in vielstimmigen Sachen der Alt allgemein im Hauptschlusse diesen Ausgang des Gesangs hat. Für sich selbst würde sie, obgleich die Quinte, womit sie sich endigt, eine vollkommene Konsonanz ist, keine wirkliche Ruhe, sondern bloß einen Auf halt oder Stillstand erwecken.

 Diese Kadenzen werden in vierstimmigen Gesängen, zum völligen Schluss des Gesangs mit einander verbunden und daraus entsteht die vollkommenste Art der vielstimmigen Finalcadenz. Ein vielstimmiger Schluss bekommt die Hauptkraft von den Kadenzen, der beiden äußersten Stimmen und wird am vollkommensten, wenn diese durch die Bass- und Diskantcadenzen schliessen. Von dieser vollkommensten Form kann man auf vielerlei Weise abweichen und dadurch die Ruhe des Schlusses immer unvollkommener machen, je nachdem es die Natur der Kadenz erfordert.

 Da selbst die vollkommenste Cadenz und also um so viel mehr die anderen geschwächt werden, wenn der Gesang auf der letzten Note nicht so lange liegen bleibt, bis das Gefühl der Ruhe in etwas bestätiget wird, sondern sogleich auf andere Töne fortschreitet; so entsteht auch daher ein Mittel, eine Kadenz zu schwächen.

 Es ist vorher als eine Eigenschaft der Kadenz gesetzt worden, dass der letzte Ton derselben im Niederschlag des Takts, folglich der vorletzte im Aufschlag des vorhergehenden kommen müsse; dieses ist in der Tat die gewöhnlichste Art und hat eine Ähnlichkeit mit dem, was man in dem Vers den männlichen Abschnitt 4 nennt. Doch gibt es auch Cadenzen, wo diese Ordnung umgekehrt und der vorletzte Ton in den Niederschlag kommt, als: Diese kommen mit dem weiblichen Abschnitt des Verses überein. In einigen Tänzen, werden die Finalcadenzen mit diesem weiblichen Ausgang gemacht, der etwas besonderes an sich hat, das sich leicht zu einem scherzhaften Ausdruck anwenden lässt. Ein solcher Schluss gleicht einigermassen dem plötzlichen Stillestehen mit einem, zum folgenden Schritt schon aufgehobenen, Fusse.

 Das Verlangen nach der Ruhe wird lebhafter, wenn sie, nachdem das Gefühl derselben einmal erweckt worden ist, aufgehalten wird. Daher sind bei den Cadenzen verschiedene Arten der Aufhaltungen entstanden, dadurch man den Eintritt des letzten Tones angenehmer zu machen sucht; die Triller , die figurierten Cadenzen und die Orgelpunkte. Von diesem und dem Triller bei der Kadenz ist in den besonderen Artikeln darüber gesprochen worden; hier sind also noch die figurierten Cadenzen zu betrachten. Davon gibt Herr Agricola in seinen Anmerkungen über Tosis Anleitung zur Singekunst diese Nachricht. »In den alten Zeiten wurden die Hauptschlüsse – nur so ausgeführt, wie sie dem Takte gemäß, geschrieben werden; auf der mittelsten Note wurde ein Triller gemacht. Hernach fing man an auf der Note vor dem Triller eine kleine willkürliche Auszierung anzubringen; wenn nämlich ohne den Takt aufzuhalten Zeit dazu war. Darauf fing man an den letzten Takt langsamer zu singen und sich etwas aufzuhalten. Endlich suchte man diese Aufhaltung durch allerhand willkürliche Passagen, Läufe, Ziehungen, Sprünge, kurz, was nur für Figuren den Stimmen auszuführen möglich sind, auszuschmücken. – Diese werden jetzt vorzugsweise Cadenzen genannt. Sie sollen zwischen den Jahren 1710 und 1716 ihren Ursprung genommen haben.«

  Dieses sind also die Cadenzen, in welche sich gegenwärtig, sowohl die Sänger als die Spieler, so sehr verliebt haben, dass man glauben sollte, sie singen oder spielen ein Stück nur deswegen, damit sie am Ende ihre Fertigkeit durch die seltsamsten Läufe und Sprünge zeigen können. Es gibt Personen von Geschmack, denen diese Cadenzen äußerst zuwider sind und die sie mit den Luftsprüngen der Seiltänzer in eine Klasse setzen. Selbst der Castrat Tosi, ein Meister der Kunst, scheint nicht viel günstiger davon zu urteilen. Allem Ansehen nach aber werden sie, was man auch immer dagegen sagen möchte, gleich anderen, zu den Moden gehörigen Dingen, so lang im Gebrauch bleiben, bis ihr fataler Zeitpunkt kommen wird. Herr Agricola hat an dem angezeigten Orte die Gründe für und gegen diese Cadenzen gesammelt, die man daselbst nachlesen kann. Dass übrigens vor dem letzten Ton eines Hauptschlusses eine Aufhaltung von guter Wirkung und in der Natur der Sache gegründet sei, kann jeder fühlen. Also verwirft der gute Ge schmack diese Cadenzen nicht schlechterdings, sondern mißbilliget nur das Übertriebene derselben, besonders aber die seltsamen Läufe und Sprünge, die keinen Endzweck haben als den langen Atem oder die Fertigkeit der Kähle eines Sängers zu zeigen.

 

1 S. Glied; Abschnitt; Ganz; Periode. 

2 S. Ausweichung.

3 Dissonanz. 

4 S. Abschnitt; oben S. 6.

 


 © textlog.de 2004 • 16.10.2019 18:56:21 •
Seite zuletzt aktualisiert: 14.11.2004 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright  A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  Z