Kopie

Kopie. (Zeichnende Künste) Ein Werk das in allen seinen Teilen nach einem anderen Werk der zeichnenden Künste verfertigt worden. Das ursprüngliche Werk, nach welchem die Kopie gemacht wird, heißt das Original. Der Künstler, welcher ein Original verfertigt, arbeitet nach einem Bild, das seine Phantasie entworfen hat oder das er in der Natur vor sich sieht. Bei der Darstellung und Bearbeitung desselben muss er beständig nachdenken, wie er seinem Werk das Leben und den Geist geben könne, den das Urbild in seiner Phantasie oder in der Natur hat. Seine Arbeit ist eine beständige Erfindung, insonderheit, wenn das Werk ein Gemälde oder ein nach dem Gemälde verfertigter Kupferstich ist. Denn da in diesen Werken nicht die Sache selbst, die man vor sich hat, wie in der Bildhauerkunst, sondern etwas ganz anders, nämlich ein bloßer Schein desselben darzustellen ist, so gehört zu jedem Strich des Pinsels oder des Grabstichels Erfindung. Der Maler sieht Farben vor sich und muss andere Farben erfinden, die ihnen ähnlich sind; er bemerkt ein allgemeines Licht, welches auf einmal den Gegenstand in der Natur so erleuchtet, dass einige Teile hell, andere dunkel sind, in seinem Werk muss er auf eine jede Stelle das Helle und Dunkle besonders den Farben einverleiben; er sieht alles erhoben und körperlich und er muss im Flachen das Kör perliche darstellen. Der Kopist hingegen hat überall schon ein Werk von eben der Beschaffenheit, wie das seinige ist, vor sich und hat keine von den Verwandlungen nötig, wodurch der Originalmeister sein Werk der Natur ähnlich macht. Sein einziges Nachdenken ist auf das gerichtet, was ein anderer ihm vorgedacht hat.

 Hieraus folgt erstlich, dass es unendlich leichter ist, eine gute Kopie als ein gutes Original zu machen. In der Tat findet man, dass oft ganz mittelmäßige Künstler sehr gut copiren. Zweitens folgt daraus, dass die Kopie immer von geringerer Schönheit als das Original sei, weil der Kopist, der in einem ganz anderen Geist als sein Vorgänger arbeitet, unmöglich so denken kann, wie jener gedacht hat. Der größte Unterschied muss sich darin zeigen, dass in dem Original mehr Freiheit ist, weil alles mit Gewissheit bearbeitet worden, und aus der Quelle geflossen ist; da der Kopist seine Gedanken nach den Gedanken des anderen hat zwingen müssen. Der Originalmeister ist bisweilen zufälliger Weise auf ein Mittel gefallen, das der Kopist unmöglich erraten kann; er wählt ein anderes und die Wirkung muss auch etwas verschiedenes sein. Jener stellt seine eigene Erfindung dar, sein Geist ist währender Arbeit tätiger, seine Einbildungskraft erhitzter; daraus aber entsteht eine freiere Ausübung: dieser bleibt kalt und muss kalt bleiben, um nichts zu übersehen und dadurch wird alles langsamer und gekünstelter. Er muss seine eigene Bearbeitung, seine Art den Pinsel zu führen, verleugnen und eine fremde Art annehmen. Über dem allem ist in jedem schönen Werk der Kunst vieles, das man zwar undeutlich fühlen, aber niemals deutlich beschreiben oder denken kann, das mehr vom Geschmack des Künstlers oder von einer glücklichen Hand als von deutlicher Erkenntnis herkommt. Dieses kann kein Kopist erreichen, weil er es nicht deutlich erkennen kann. Diesem zufolge muss von dem Geist und dem Feuer des Originals notwendig in der Kopie sehr viel zurück bleiben. Es gibt in Gemälden noch Fälle, da die Wirkung der Farbe von etwas verborgenem herkommt, da eine unten liegende Farbe durch die obere durchschimmert. Sehr oft kann niemand erraten, was unter der obersten Decke der Farbe liegt und folglich kann dieselbe Wirkung in der Kopie nicht erreicht werden.

  Daher geschieht es, dass feine Kenner sich selten über Kopien betrügen und bald entdecken, dass ein Stück nicht Original sei, wiewohl man auch so gute Kopien hat, dass nur die erfahrnesten Kenner sie von den Originalen zu unterscheiden wissen. Die Gewinnsucht derer, welche aus der Kunst ein Gewerbe machen, hat eine unzähliche Menge Kopien hervorgebracht, die statt der Originale verkauft werden. Lieb haber der Kunstsachen, die selbst nicht feine Kenner sind, werden täglich damit betrogen. Bei kostbaren Gemälden braucht man die Vorsichtigkeit, sie nicht eher für Originale anzunehmen, bis man von einigen der erfahrnesten Kenner gültige Zeugnisse darüber hat.

 Dass die Kopien der Werke großer Meister allgemein sehr weit hinter den Originalen zurück bleiben, berechtiget die abergläubische Verachtung, die einige Liebhaber für alle Kopien haben, gar nicht. Es gibt Leute, die ein ganz schlechtes oder durch die Zeit verdorbenes Original, der besten Kopie vorziehen und bei jedem Gemälde, ehe es ihnen einfällt seine Schönheit zu beurteilen, erst untersuchen wollen, ob es ein Original sei oder nicht. Fällt der Verdacht einer Kopie darauf, so verschwindet bei ihnen jeder Begriff von Schönheit und Wert. Wahre Kenner der Kunst beurteilen ein Gemälde aus dem, was sie darin sehen, aus dem, was es an sich hat und nicht nach dem Namen dessen, der es gemacht hat. Was von der Kenntnis und dem Geschmack eines Menschen zu halten sei, der sich nicht eher getraut, etwas für schön oder schlecht auszugeben, bis er weiß, ob es Original oder Kopie ist, darf nicht erst durch eine Untersuchung gelehrt werden: er gehört unter die Verehrer der Reliquien.

 


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