Klang (Redende Künste)

Klang. (Redende Künste) Das menschliche Genie hat zwei Mittel erfunden den Gedanken ein körperliches Wesen zu geben, wodurch sie den äußeren Sinne empfindbar werden; eines für das Gehör, das andere für das Gesicht. Jenes ist weit kräftiger als dieses, weil das Gehör stärker empfindet als das Aug.1 Wir betrachten hier den Klang oder Schall bloß insofern er ein Mittel ist einzelne Begriffe oder zusammengesetzte Vorstellungen, anderen vermitttlst des Gehöres mitzuteilen. Es ließe sich zeigen, dass zu diesem Behuf von unseren Sinne keiner so tauglich sei als das Gehör; wir wollen es aber, um uns nicht in allzutiefe Betrachtungen einzulassen, hier als bekannt annehmen.2 Hier zeigt sich also gleich die Wichtigkeit der Betrachtung der Sprache, insofern sie Klang ist. Wir wollen uns aber hier bloß auf das Ästhetische einschränken.

 Man bedenke, wie schwach uns die Sprache rühren würde, wenn wir sie bloß in der Schrift, ohne Klang hätten. Schon finden wir einen sehr großen Unterschied zwischen dem stummen Lesen und dem lauten Vortrag einer Sache; und doch wird auch dem stummen Lesen einigermaßen durch den Klang aufgeholfen, der sich wenigstens in der Einbildungskraft immer dabei hören lässt. Für die redenden Künste ist der Klang der Rede von großer Wichtigkeit. Seine äs thetische Kraft kann sich auf dreierlei Art äussern. Je vollkommener er ist, je stärker und lebhafter prägt er einzele Begriffe in die Vorstellungskraft; zusammengesetzte Vorstellungen, hilft er in eine leicht faßliche und angenehme Form zubringen; endlich kann er auch das Leidenschaftliche der Vorstellungen verstärken.

 Die Theorie der redenden Künste betrachtet demnach den Klang, in Absicht auf einzelne Wörter – auf Redensarten und Perioden – und auf das Leidenschaftliche der Töne. Hier schränken wir uns auf den ersten Punkt ein; der andere ist in die Arkel Wohlklang und Perioden verteilt und der dritte kommt in der Betrachtung des lebendigen oder des leidenschaftlichen Ausdrucks vor.

 Der Endzweck der Beredsamkeit und Dichtkunst erfordert, dass jedes einzelne Wort, wenn man auch nicht auf das Leidenschaftliche sieht, das Gehör mit hinlänglicher Stärke und Klarheit rühre, dass es schnell begriffen und leicht behalten werde. Das erstere erweckt Aufmerksamkeit und zwinget uns Anteil an der Sache zu nehmen; das andere erleichtert die Vorstellung und das dritte den fortdauernden Besitz derselben. Hieraus lässt sich leicht bestimmen, wie die Wörter der Sprache in Ansehung des Klanges müssen beschaffen sein, wenn sie den redenden Künsten diese drei Vorteile verschaffen sollen. Ihre erste Eigenschaft ist, dass sie laut und volltönend seien und mit gehöriger Stärke gleichsam anpochen, um auch bei mittelmäßiger Aufmerksamkeit ihre Wirkung zu tun. Was dazu gehöre ist leicht zu sehen; viel und volltönende Selbstlauter, Töne die einen offenen Mund erfordern, die mitten im Munde, weder zu tief in der Kehle, noch zu weit vor zwischen den Zähnen oder bloß auf den Lippen gebildet werden. Dazu müssen noch starke Akzente kommen und mehr lange als kurze Selbstlauter. Je näher überhaupt die Aussprach einzelner Worte dem Gesange kommt, je stärker sind sie.

 Die zweite Eigenschaft der Wörter ist ein deutlicher Klang. Den haben sie, wenn die verschiedenen Silben gut von einander abstechen, dass die einzelnen Teile eines Wortes klar vernommen werden. Es gibt Wörter, die kein Mensch, der sie zum erstenmal hört, nachsprechen oder schreiben könnte: diese sind das Gegenteil deutlicher Wörter.

 Hat ein Wort die beiden erwähnten Eigenschaften, so hat es auch schon das Wichtigste in Absicht auf das leichte Behalten. Doch mag wohl noch in manchen Fällen das leichte Aussprechen noch von anderen Eigenschaften herkommen. Der Buchstaben R hat als ein Mitlauter den stärksten Klang, ist auch deutlich, aber doch schwer auszusprechen. Darum kommt auch viel darauf an, dass ein Wort nicht allzuschwere Bewegungen der Gliedmaßen der Sprache erfordere.

 Dieses scheinen also die Grundsätze zu sein, nach welchen die Wörter der Sprache zum ästhetischen Gebrauch verbessert werden müssen. Wäre nicht die Bildung der Sprache dem völligen Despotismus des Gebrauchs unterworfen; so würde es wohl der Müh wert sein, eigene Veranstaltungen für die Verbesserung derselben, in Absicht auf den guten Klang der Wörter zu machen. Sollte es inzwischen irgend einer deutschen Academie gelingen, Ansehen genug bei der ganzen Nation zu erhalten; so könnte sie dann durch ein Wörterbuch hierinn viel Nutzen stiften. Aber der Gebrauch ist ein schnelleres und kräftigeres Mittel. Wir müssen die Verbesserung des Wohlklanges der Sprache von Schriftstellern erwarten, die allgemeinen Beifall finden.

 Hier zeigt sich die Wichtigkeit bloß ergötzender und belustigender Werke der Beredsamkeit und Dichtkunst; wenn die Verfasser vorzügliches Gefühl für den Wohlklang haben. Sie find die besten Mittel den guten Klang der Sprache auszubreiten. So wenig Achtung sie bisweilen ihres Inhalts wegen verdienen, so schätzbar müssen sie der Nation wegen dieses Nebennutzens sein. Einem bloß ergötzenden Schriftsteller liegt ob, mit äußerster Sorgfalt wohlklingend zu schreiben; weil darin sein Hauptverdienst besteht. Es ist so gar billig, dass man die Dichter die ein vorzüglich feines Ohr haben und sich dem äußerst mühesa men Geschäft, den höchsten Wohlklang zu suchen, unterziehen, durch Beifall ermuntere; weil die Sprache durch sie in einer ihrer schätzbarsten Eigenschaften gewinnet.

 Hier ist, glaube ich, auch der Ort anzumerken, dass blos in Rücksicht auf den Wohlklang der Worte, die Einführung fremder, anstatt einheimischer Wörter, nicht nur erlaubt, sondern verdienstlich sei. Haben wir für gewisse nicht unwichtige Begriffe eigentümliche Wörter von schlechtem Klang und ist ihnen gar nicht aufzuhelfen, so sollte man sie, so oft es angeht, gegen fremde, wohlklingende vertauschen und sie bloß der gemeinen Rede überlassen. So möchte ichs, um ein Beispiel zu geben, wohl leiden, dass das Wort Gerücht für immer gegen Fama vertauscht würde; und so könnte man mit viel anderen auch noch verfahren. Darin ist Hr. Ramler allen nach ihm folgenden Dichtern mit seinem Beispiel vorgegangen.

 Gut würde es auch sein, wenn die, welche die neu herauskommenden Schriften des Geschmacks der Nation ankündigen, besondere Aufmerksamkeit auf den Wohlklang richteten und allemal das Neue und Vorzügliche was sie hierüber bemerken, anzeigten. Unsre Sprach ist darin noch großer Verbesserung fähig. Man sollte darum diejenigen, die den Klang eines Wortes durch Weglassung oder Ändrung irgend eines Buchstabens verbessern, nicht tadeln, noch sie einer Übertretung der grammatischen Regeln beschuldigen, sondern ihnen viel mehr Dank dafür wissen. Dadurch haben die Italiener ihre Sprache so wohlklingend gemacht als sonst keine neuere Sprache ist. In Deutschland würde der eines kritischen Verbrechens schuldig erklärt werden, der sich unterstünde mit einem deutschen Worte eine solche Veränderung vorzunehmen als die ist, da der Italiener Fiamma, Fiume, anstatt Flamma, Flume, gesetzt hat. Will man aber dergleichen Dinge nicht erlauben, so kann auch der Klang der Sprache nicht zu einer gewissen Vollkommenheit kommen.

 Die Dichter, denen unsere Sprache in diesem Stück am meisten zu Danken hat, sind unstreitig Klopstock und Ramler. Man hat den letztern sehr ernstlich getadelt, dass er eigenmächtig in anderer Dichter Arbeit viel geändert habe. Es gehört nicht hierher, die Rechtmäßigkeit dieser Sache zu untersuchen; aber dieses kann hier gesagt werden, dass ich es für ein sehr verdienstliches Werk halten würde, wenn Hr. Ramler gewisse sehr gute Gedichte die nicht wohlklingend genug sind, nach seiner Art umarbeiten und anstatt schlechter Worte wohlklingende nehmen wollte, wenn sie auch griechischer oder noch fremderer Abkunft wären. Wem damit gedient wäre den Dichter in seiner Sprache zu lesen, der könnte ihn darum noch immer bekommen. 1 S. Art. Gesang. S. 461 . 2 Wem daran gelegen ist, alles, was hier und da, von der ästhetischen Krast der Töne angemerkt wird, aus richtigen Gründen zu beurthellen, den verweise ich auf die Vergleichung unserer Sinne, die ich in dem vierten Abschnitt der Theorie der angenehmen und unangenehmen Empfindungen, gegen das Ende angestellt habe. Auch wird man in Hrn. Herders Untersuchung über den Ursprung der Sprache, welche den Preiß bei der Berlinischen Academie der Wissenschaften erhalten hat, einige ganz wichtige Bemerkungen hierüber finden.

 


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