Künste - Sinnliche Kraft der Kunst


Dass das Wesen der schönen Künste in Einprägung sinnlicher Kraft bestehe, zeigt sich in jedem Werke der Kunst, das diesen Namen verdient. Wodurch wird eine Rede zum Gedichte oder der Gang eines Menschen zum Tanze? Wenn verdient eine Abbildung den Namen des Gemäldes? Das anhaltende Klingen eines Instrumentes den Namen eines Tonstücks? Und wie wird ein Haus zu dem Werke der Baukunst? Jedes dieser Dinge wird alsdann von den schönen Künsten als ihr Werk angesehen, wenn es durch die Bearbeitung des Künstlers unsere Vorstellungskraft mit sinnlichem Reize an sich lockt. Der Geschichtschreiber erzählt eine geschehene Sache nach der Wahrheit, wie sie sich zugetragen hat; der Dichter aber so, wie er glaubt, dass sie nach seinen Absichten uns am lebhaftesten rühre. Der gemeine Zeichner stellt uns einen sichtbaren Gegenstand in der völligen Richtigkeit vor Augen; der Maler aber so, wie es unsere äußeren und inneren Sinne auf das kräftigste reizt. Wenn der gemeine Mensch die in ihm sitzende Empfindung unüberlegt durch Gang und Gebärden äussert; so gibt der Tänzer diesem Gang und diesen Gebärden Schönheit und Ordnung. Also bleibt über das Wesen der schönen Künste kein Zweifel übrig.

Eben so gewiss besteht ihr unmittelbarer erster Zweck in einer lebhaften Rührung. Sie begnügen sich nicht damit, dass wir das, was sie uns vorlegen, schlechtweg erkennen oder deutlich fassen; es soll Geist und Herz in einige Bewegung setzen. Darum bearbeiten sie jeden Gegenstand so, wie er den Sinne und der Einbildungskraft am meisten schmeichelt. Selbst da, wo sie schmerzhafte Stacheln in die Seele stecken wollen, schmeicheln sie dem Ohr durch Wohlklang und Harmonie, dem Auge durch schöne Formen, durch reizende Abwechslung des Lichts und Schattens und durch den Glanz der Farben. Sie lachen selbst da, wo sie unser Herz mit Bitterkeit erfüllen wollen. Dadurch zwingen sie uns, uns den Eindrücken der Gegenstände zu überlassen und bemächtigen sich also aller sinnlichen Kräfte der Seele. Sie sind die Syrenen, deren Gesang niemand zu widerstehen vermag.

Aber diese Fesselung der Gemüter ist noch einem höheren Zwecke untergeordnet, der nur durch eine gute Anwendung der Zauberkraft der schönen Künste erreicht wird. Ohne diese Lenkung zum höheren Zweck, wären die Musen verführerische Buhlerinnen. Wer kann einen Augenblick daran zweifeln, dass die Natur das Gefühl des sinnlichen Reizes unserem Geist nicht in einer höheren Absicht gegeben als uns zu schmeicheln oder uns bloß zum unüberlegten Genuß desselben zu locken? Wenn sich kein Mensch untersteht zu behaupten, dass die Natur uns das Gefühl des Schmerzens, in der Absicht gegeben habe, uns zu quälen; so muss man sich auch nicht einbilden, dass das Gefühl des Angenehmen, bloß einen vorübergehenden Kitzel zur letzten Absicht habe. Nur schwachen Köpfen kann es unbemerkt bleiben, dass in der ganzen Natur alles auf Vollkommenheit und Wirksamkeit abzielt. Und nur durchaus leichtsinnige Künstler können sich einbilden, ihren Beruf erfüllt zu haben, wenn sie ohne ein höheres Ziel die sinnlichen Kräfte der Seele mit angenehmen Bildern gereizt haben.

Wir haben vorher angemerkt, was auch ohnedem offenbar am Tage liegt, wozu die Natur den Reiz der Schönheit anwendet. Überall ist sie das Zeichen und die Lockspeise des Guten. So bedienen sich auch die schönen Künste ihrer Reizungen, um unsere Aufmerksamkeit auf das Gute zu ziehen und uns mit Liebe für dasselbe zu rühren. Nur durch diese Anwendung werden sie dem menschlichen Geschlecht wichtig und verdienen die Aufmerksamkeit des Weisen und die Pflege des Regenten. Durch die Vorsorge einer weisen Politik, werden sie die vornehmsten Werkzeuge zur Glückseligkeit der Menschen.

Man setze, dass die schönen Künste in der Vollkommenheit, deren sie fähig sind, bei einem Volke eingeführt und allgemein worden seien und überlege, was für mannigfaltige Vorteile ihm daher zufließen würden. Alles was man in einem solchen Lande um sich sieht und was man hört, hat das Gepräge der Schönheit und Anmut. Die Wohnplätze der Menschen, ihre Häuser, alles was sie brauchen, was sie um sich und an sich haben und vornehmlich das unentbehrliche und wunderbare Werkzeug, seine Gedanken und Empfindungen anderen mitzuteilen, ist hier durch den Einfluss des guten Geschmacks und Bearbeitung des Genies schön und vollkommen. Nirgend kann sich das Auge hinwenden und nichts kann das Auge vernehmen, dass nicht zugleich die inneren Sinnen von dem Gefühl der Ordnung, der Vollkommenheit, der Schicklichkeit gerührt werde. Alles reizt den Geist zu Beobachtung solcher Dinge, wodurch er selbst seine Ausbildung bekommt und alles flößet dem Herzen durch die angenehmen Empfindungen, die von jedem Gegenstand erweckt werden, ein sanftes Gefühl ein. Was in den paradiesischen Gegenden des Erdbodens die Natur tut, das tun die schönen Künste da, wo sie sich in ihrem unverdorbenen Schmuck zeigen [s. Baukunst]. In dem Menschen, dessen Geist und Herz so unaufhörlich von allen Arten des Vollkommenen gereizt und gerührt werden, entsteht notwendig eine Entwicklung und allmähliche Verfeinerung aller Seelenkräfte. Die Dummheit und Unempfindlichkeit des rohen natürlichen Menschen verschwindet nach und nach; und aus einem Tier, das vielleicht eben so wild war als irgend ein anderes, wird ein Mensch gebildet, dessen Geist reich an Annehmlichkeiten und dessen Gemütsart liebenswürdig ist. So wenig es erkannt wird, so wahr ist es, dass der Mensch das wichtigste seiner inneren Bildung dem Einflusse der schönen Künste zu danken hat. Wenn ich auf der einen Seite den Mut und die Vernunft bewundere, womit die alten cynischen Philosophen unter einem durch den Mißbrauch der schönen Künste in Üppigkeit und Weichlichkeit versunkenen Volke, wieder gegen den ursprünglichen Zustand der rohen Natur zurückgekeh ret sind; so erregt auf der anderen Seite ihr Undank gegen die schönen Künste meinen Unwillen. Woher hattest du Diogenes den feinen Witz, womit du die Torheiten deiner Mitbürger so schneidend verspottetest? Woher kam dir das feine Gefühl, dass dir jede Torheit, wenn sie auch die völlige Gestalt der Weisheit an sich hatte, so lebhaft zu empfinden gab? Wie konntest du dir einbilden, in Athen oder Korinth, völlig zu der rohen Natur zurück zu kehren? Ist es nicht offenbar widersprechend, in einem Lande, wo die schönen Künste ihren vollen Einfluss schon verbreitet haben, ein Cyniker sein zu wollen? Erst hättest du durch einen Trunk aus dem Lethe in deinem Geist und in deinem Herzen jeden Eindruck der schönen Künste auslöschen sollen; alsdann aber hättest du nicht mehr unter den Griechen leben können; sondern hättest dein Faß bis zu der kleinsten und verächtlichsten Horde der scythischen Völker hinwälzen müssen, um einen Aufenthalt zu finden, wo du nach deinen Grundsätzen denken und leben konntest. Und du besserer Diogenes unter den neueren Griechen, verehrungs- und bewunderungswürdiger Rousseau, hättest den Musen erst alles zurück geben sollen, was du ihnen schuldig bist, ehe du deine öffentliche Anklage gegen sie vorbrachtest. Dann würde sie gewiss niemanden gerührt haben. Dein sonst großes Herz fühlte nicht, wie viel du denen zu danken hast, die du des Landes verwei sen wolltest.

Diese Anmerkungen gehen nur auf die allgemeineste Wirkung der schönen Künste überhaupt, die in einer verfeinerten Sinnlichkeit, in dem, was man den Geschmack am Schönen nennt, besteht. Und dieses allein wäre schon hinlänglich, den dankbaren Menschen zu vermögen, den Musen Tempel zu bauen und Altäre aufzurichten. Ein Volk, das den Geschmack am Schönen besitzt, besteht, überhaupt betrachtet, immer aus vollkommnern Menschen als das, welches den Einfluss des Geschmacks noch nicht empfunden hat.


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