Melodie - Metrum


II. Darum ist zum guten Gesang eine gefällige Abmessung der Teile, wie in allen Dingen, die durch ihre Form gefallen sollen [s. Metrum], unumgänglich notwendig. Jeder Gesang erweckt durch die einzelnen Töne, welche der Zeit nach auf einander folgen, den Begriff der Bewegung. Jeder Ton ist als eine kleine Rückung, deren eine bestimmte Anzahl einen Schritt ausmachen, anzusehen. Man kann sich diese Bewegung als den Gang eines Menschen vorstellen; es scheint eine so natürliche Ähnlichkeit zwischen dem Gang und der Bewegung des Gesangs zu sein, dass überall, auch bei den rohesten Völkern, die ersten Gesänge, die unter ihnen entstanden, unzertrennlich mit dem Gang des Körpers oder mit Tanz verbunden waren. Und noch überall, wird der Takt durch Bewegungen des Körpers, besonders der Füße, angedeutet.

Jede Bewegung, in welcher gar keine Ordnung und Regelmäßigkeit ist, da kein Schritt dem anderen gleicht, ist, selbst zum bloßen Anschauen, schon ermüdend; also würde eine Folge von Tönen, so harmonisch und richtig man auch damit fortschritte, wenn jeder eine ihm eigene Länge oder Dauer, eine ihm besonders eigene Stärke hätte, ohne irgend eine abge messene Ordnung in dieser Abwechslung, unsere Aufmerksamkeit keinen Augenblick unterhalten, sondern uns vielmehr verwirren: wie wenn z.B. der vorherangeführte melodische Satz so gesungen würde. Kein Mensch würde gehen können, wenn keiner seiner Schritte dem anderen an Länge und Geschwindigkeit gleich sein sollte. Ein solcher Gang ist völlig unmöglich. Wenn Töne uns ihn empfinden ließen, so wären sie höchst beschwerlich. Darum muss in der Bewegung Einförmigkeit sein; sie muss in gleichen Schritten fortgehen [s. Einförmigkeit], und die Folge der Töne muss in gleiche Zeiten oder Schritte, die in der Musik Takte genannt werden, eingeteilt sein.

Diese Schritte, müssen, wenn sie aus mehreren kleinen Rückungen bestehen, dadurch fühlbar gemacht werden, dass jeder Schritt, auf der ersten Rückung stärker als auf den übrigen angegeben wird oder einen Akzent hat. Dann fühlt das Gehör, die Einteilung der Töne in Takte, so wie vermittelst der Akzente der Wörter, ob sie gleich nicht, wie im Gesange immer auf dieselbe Stelle fallen, die Wörter selbst von einander abgesondert werden [s. Akzent].

Denn die Gleichheit der Schritte, ohne alle andere Abwechslung darin, , wenn auch gleich die Töne durch Höhe und Tiefe von einander verschieden wären, würde ebenfalls gar bald ermüden. So gar schon in der Rede, würde das schönste Gedicht, wenn man uns in immer gleichen Nachdruck, Silbe vor Silbe gleichsam vorzählen wollte, alle Kraft verliehren; die schönsten Gedanken, wären nicht hinreichend es angenehm zu machen. Darum müssen die gleich langen Schritte oder Takte, in gefälliger Abwechslung auf einander folgen. Es ist deswegen nötig, dass die Dauer des Takts in kleinere Zeiten, nach gerader oder ungerader Zahl, eingeteilt werde; dass die verschiedenen Zeiten, durch Akzente, durch veränderten Nachdruck oder auch noch durch abgeänderte Rückungen einzelner Töne, sich von einander unterscheiden. Also müssen in jedem Gesang Takte von mehreren Tönen sein, deren Dauer zusammengenommen, das Zeitmaß des Taktes genau erfüllet. Hiedurch entstehen nun wieder neue Arten von Einförmigkeit und Mannigfaltigkeit, die den Gesang angenehm machen. Man kann den Takt durchaus in zwei oder in drei Zeiten oder Teile einteilen, so dass die Takte nicht nur gleich lang, sondern auch in gleiche kleinere Zeiten eingeteilt sind. Dieses dient zur Einförmigkeit. Denn kann der ganze Takt, durch alle Teile seiner Zeiten, bald einen, bald zwei, bald mehrere Töne haben und diese können durch Akzen te, durch Höhe und Tiefe, durch verschiedene Dauer sich von einander auszeichnen. Hieraus entsteht eine unerschöpfliche Mannigfaltigkeit, bei beständiger Einförmigkeit, davon an einem anderen Orte das mehrere nachzusehen ist [s. Takt]. Daher lässt sich begreifen, wie ein Gesang, vermittelst dieser Veranstaltungen, wenn er auch sonst gar nichts ausdrückt, sehr unterhaltend sein könne. So gar ohne alle Abwechslung des Tones, in Höhe und Tiefe, kann durch die Einförmigkeit des Taks und die Verschiedenheit in seinen Zeiten ein unterhaltendes Geräusch entstehen, wovon das Trommelschlagen ein Beispiel ist:

Würden aber ganz verschiedene Takte in einem fort hinter einander folgen, so wäre doch diese mit Abwechslung verbundene Einförmigkeit nicht lang unterhaltend. Ein Ganzes, das aus lauter kleinen, gleichgroßen, aber sonst verschiedentlich gebildeten Gliedern besteht, ist nicht faßlich genug; die Menge der Teile verwirrt. Darum müssen mehrere kleine Glieder in größere gruppirt und aus kleinen Gruppen große Hauptgruppen zusammengesetzt werden. Dieses ist für alle Werke des Geschmacks, die aus viel kleinen Teilen zusammengesetzt sind, eine notwendige Foderung [s. Glied; Gruppe; Anordnung, in welchen Artikeln dieses deutlich bewiesen worden]. In der Melodie also, müssen aus mehreren Takten, größere Glieder oder Einschnitte und aus mehreren Einschnitten, Hauptglieder oder Perioden gebildet werden [s. Einschnitt, Periode]. Wird dieses alles richtig nach einem guten Ebenmaß beobachtet, so ist die Melodie allemal angenehm und unterhaltend.


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