Einförmigkeit

  Einförmigkeit. (Schöne Künste) Ist eigentlich die Gleichheit der Form durch alle Teile, die zu einer Sache gehören. Sie ist der Grund der Einheit; denn viel Dinge, sie liegen neben einander oder sie folgen auf einander, deren Beschaffenheit oder Ordnung nach einer Form oder nach einer Regel bestimmt ist, können durch Hilfe dieser Form mit einem Begriff zusammen gefasst werden und insofern machen sie zusammen Ein Ding aus. So wie man vermittelst der einen Regel, wie diese Zahlen 1. 2. 3. 4. 5 etc. oder 1. 2. 4. 8. 16 etc. auf einander folgen, die ganze unendliche Reihe derselben auf einmal übersehen kann, so tut die Einförmigkeit überall diese Wirkung. In einem Tonstück, das durchaus einerlei Takt hat, darf man nur den ersten Takt ins Ohr gefasst haben, um durch das ganze Stück den Takt richtig anzuschlagen. Also erleichtert die Einförmigkeit die Vorstellung einer aus viel Teilen bestehenden Sache und macht, dass man sie, wenigstens in Absicht auf eine Eigenschaft, auf einmal sieht oder erkennt.

  Erstreckt sich aber diese Einförmigkeit auf alles, was zur Beschaffenheit oder zur Ordnung der Teile gehört, so wird der Begriff des vielfachen einigermaßen vernichtet und wir erblicken in einer ganzen Reihe von Dingen immer nur dasselbe. So ist die Reihe 2. 2. 2, etc. eigentlich keine unendliche Reihe, wie die vorher angeführten, sondern eine Zahl, ohne Ende wiederholt; da diese Reihe 1. 2. 3. 4. etc. verschiedene Zahlen enthält, deren jede aber nach derselben Regel, wie alle andre, aus der vorhergehenden entsteht. Jene sich auf alles erstreckende Einförmigkeit ist der Mannigfaltigkeit entgegen gesetzt, macht eine vollkommene Gleichheit der Teile aus und gibt der Vorstellung anstatt des vielfältigen nur eines.

 Sie vernichtet also den Reiz, den die Vorstellungskraft durch das Mannigfaltige bekommt, sie bringt eine Erschlaffung in derselben hervor und ist die Mutter der Langenweile und des Schlafs. Nichts ist langweiliger als ein Leben, wo jeder Tag dem anderen gleich ist; und eine völlige Einförmigkeit sinnlicher Eindrücke, wie das Murmeln eines Baches oder das Eintönige einer Rede, schläfert sehr bald ein.

 Da also in den Teilen eines Gegenstandes Einförmigkeit und Mannigfaltigkeit zugleich vorhanden sein müssen, wenn er sinnliche Aufmerksamkeit unterhalten soll, diese beiden Eigenschaften aber einander einigermaßen entgegenstehen; so wird ein feiner Geschmack dazu erfordert die Dinge so einzurichten, dass Einförmigkeit und Mannigfaltigkeit einander gleichsam die Waage halten.

 Es sind zwei Künste, deren Werke den übrigen hierin zum Muster dienen können; die Baukunst für Dinge, die zugleich neben einander sind und die Musik für solche, die auf einander folgen. Das Geheimnis der Vereinigung der Einförmigkeit und der Mannigfaltigkeit kommt im Grunde darauf hinaus, dass das dunkle Gefühl einer völligen Einförmigkeit alle sinnliche Zerstreuungen hemme, damit die Aufmerksamkeit auf die etwas helleren Vorstellungen desto freier und ungehinderter sei. Eben die einschläfernde Eigenschaft der Einförmigkeit, wenn sie bloß die Zerstreuung der Sinne hemmt, bewirkt eine desto freiere Aufmerksamkeit auf weniger sinnliche Dinge. Es ist sehr viel leichter bei einem immer einförmigen Geräusche eines Wasserfalles mit völliger Freiheit des Geistes einer Betrachtung nachzuhängen als wenn alle Augenblick ein anderes Geräusch sich hören lässt. Die Wahrheit dieser Beobachtung beweist die Musik am deutlichsten. Der Takt und die Reinheit der Harmonie sind das Einförmige, die das Gehör in immer gleicher Fassung oder in ruhiger Lage erhalten; die den hellern Empfindungen, welche durch das Sprechende der Töne erregt werden, völlige Freiheit gestatten. Man glaubt bei jedem guten Gesang einen von gewissen Empfindungen gerührten Menschen sprechen zu hören; man folgt ihm in allen Äußerungen seiner Empfindung nach, so lange die völlige Einförmigkeit des Takts und die Reinheit der Harmonie das Gehör in einer ruhigen Fassung lassen: aber jeder Fehler gegen die völlige Einförmigkeit des Takts oder gegen die reine Fortschreitung der Harmonie unterbricht die Ruhe des Gehörs; die Aufmerksamkeit wird von dem Inhalt des Gesanges abgezogen und auf das bloß Tönende desselben gelenkt, weil darin etwas Neues vorkommt. Dieses ist im Grund eben das, was wir erfahren, wenn wir einem Redner lange mit Aufmerksamkeit zugehört, jeden Begriff und Gedanken völlig gefasst haben, auf einmal aber, wenn er zu stottern oder überhaupt in einem anderen Tone zu reden anfangt, plötzlich die Aufmerksamkeit von den Gedanken der Rede auf ihren Ton lenken.

  Jedes Werk der Kunst hat einen Körper, der die äußern Sinne rührt, und einen Geist, der die inneren Sinne beschäftigt. In der Musik sind Takt und Harmonie der Körper; der Ausdruck aber setzt den Geist in Wirksamkeit, der nun einen von tiefer Empfindung gerührten Menschen hört, dem er durch alle Entwicklungen des Affekts folgt. In dem Gemälde sind die Farben, das helle und dunkle, die verschiedenen Massen, der Körper; diese fesseln das Aug, mittlerweile aber beschäftigt der Geist sich mit den Handlungen, Gedanken und Empfindungen der vorgestellten Personen oder wenn es eine Landschaft ohne Personen ist, mit dem vergnüglichen oder traurigen oder schrecklichen, was sie an sich hat. Der Körper des Werks der Kunst fesselt durch seine Einförmigkeit unsere Sinnen, hemmt ihre Zerstreuung und überlässt die ganze Kraft der Aufmerksamkeit dem geistlichen Teil. So ist im Gebäude Regelmäßigkeit, Ebenmaß, Einförmigkeit der Bauart das, was zum Körper gehört: die Begriffe von Pracht, von Reichtum, von Annehmlichkeit oder was sonst zu dem Charakter des Gebäudes gehört, sind der Geist desselben, dessen Kraft wir empfinden, so lang der Körper nichts gegen die Einförmigkeit hat. Sollten wir aber in einer Reihe ionischer Säulen eine dorische entdecken oder unter einer Reihe viereckiger Fenster ein rundes, so wird die Ruhe der Sinne unterbrochen und die Aufmerksamkeit von dem Geist des Gebäudes abgelenkt. Eben so sind in der Poesie Vers, Wohlklang und Ton das Körperliche, das die Sinne fesselt und die Aufmerksamkeit auf den Inhalt richtet.

  Hieraus ist sowohl die gute als die schlechte Wirkung der Einförmigkeit zu erkennen. Einförmig muss das Körperliche eines Werks sein, so lange die Aufmerksamkeit auf das Geistige desselben keiner neuen Lenkung bedarf; ist aber diese nötig, so muss auch die Einförmigkeit des Körperlichen unterbrochen werden. Der Tonsetzer bleibt nicht nur in einem Takt, sondern auch in einem Ton, so lang er dieselbe Empfindung im Gemüt unterhalten will; soll sie nun eine andere Wendung bekommen, so ändert er den Ton; dadurch wird die Aufmerksamkeit auf den bisherigen Gegenstand unterbrochen und kann eine neue Lenkung bekommen. So ändert der Redner den Ton der Stimme, wenn er eine neue Reihe der Gedanken anfängt.

 Aus diesen Betrachtungen, worin vielleicht einiges zu subtil scheinen möchte, fließt denn doch zuletzt diese ganz einfache Lehre, die jedem Künstler wichtig sein muss. Was in einem Werk der Kunst die inneren Sinne mit klaren oder deutlichen Vorstellungen beschäftigt, muss durchaus Mannigfaltigkeit haben; jeder Begriff muss etwas eigenes haben, wenn das Werk nicht langweilig sein soll. Aber so lange diese mannigfaltigen Begriffe zu Entwicklung einer einzigen Art der Vorstellung gehören, so lange muss in dem Körperlichen des Werks eine gänzliche Einförmigkeit herrschen, damit alle Aufmerksamkeit bloß auf den Geist der Sachen gerichtet sei. Wo Gedanken oder Empfindungen eine andere Wendung nehmen oder gar in eine andere Gattung übergehen, da nimmt auch das Körperliche eine andere Form an.

 Da aber endlich in jedem Werk der Kunst, wenn es wahrhaftig Ein Werk ist, gewisser Maßen durchaus Ein Geist herrschen muss, so muss auch durchaus in dem Körperlichen etwas ganz Einförmiges vorkommen.

 


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