Musik - Anwendung der Musik in der Erziehung


Man braucht die Musik entweder in allgemeinen oder besonders bestimmten Absichten; bei öffentlichen oder bei Privatangelegenheiten. Es gehört zur Theorie der Kunst, dass diese Fälle genau erwogen werden und dass der wahre Geist der Musik für jeden bestimmt werde. Damit wir das, was in den besonderen Artikeln über die Gattungen und Arten der Tonstücke vergessen oder sonst aus der Acht gelassen worden, einigermaßen ersetzen und einem Kenner der künftig in Absicht auf die Musik allein, ein dem unsrigen ähnliches Werk zu schreiben unternehmen möchte, Gelegenheit geben, alles vollständig abzuhandeln, wird es gut sein, wenn hier die Hauptpunkte dieser nicht unwichtigen Materie wohl bestimmt werden.

Die allgemeinste Absicht, die man bei der Anwendung der Musik haben kann, ist die Bildung der Gemüter bei der Erziehung. Dass sie dazu wirklich viel beitrage, haben verschiedene griechische Völker eingesehen,*) und es ist auch schon erinnert worden, dass die alten Kelten sie hierzu angewendet haben [s. Lied]. In unseren Zeiten ist es zwar auch nicht ganz ungewöhnlich, die Erlernung der Musik als einen Teil einer guten Erziehung anzusehen; aber man hält die Fertigkeit darin mehr für eine bloße Zierde junger Personen von feinerer Lebensart als für ein Mittel die Gemüter zu bilden. Es scheint deswegen nicht überflüssig, dass die Fähigkeit dieser Kunst, zu jener wichtigen Absicht zu dienen, wovon man gegenwärtig zu eingeschränkte Begriffe hat, hier ins Licht gesetzt werde.

Allem Ansehen nach hat in den ältern Zeiten Griechenlands jeder Stamm dieses geistreichen und empfindsamen Volkes seine eigene, durch einen besonderen Charakter ausgezeichnete Musik gehabt Dieses Eigene bestand vermutlich nicht bloß in der Art der Tonleiter und der daraus entstehenden besonderen Modulation; sondern es lässt sich vermuten, dass auch Takt, Bewegung und Rhythmus bei jedem Volk oder Stamm, ihre besondere Art gehabt haben. Davon haben wir noch gegenwärtig einige Beispiele an den Nationalmelodien einiger neuer Völker, die, so mannigfaltig sie auch sonst, jede in ihrer Art, sind, allemal einen Charakter behalten, der sie von den Gesängen anderer Völker unterscheidet. Ein Schottisches Lied, ist allemal von einem französischen und beide von einem italienischen oder deutschen, so wie jedes von dem gemeinen Volke gesungen wird, merklich unterschieden.

Hieraus lässt sich nun schon etwas von dem Einfluss der Musik auf die Bildung der Gemüter schließen. Wenn die Jugend jeder Nation ehedem beständig bloß in ihren eigenen Nationalgesängen geübt worden, so konnte es nicht wohl anders sein als dass die Gemüter allmählich die Eindrücke ihres besonderen Charakters annehmen mussten. Denn eben aus solchen wiederholten Eindrücken von einerlei Art, entstehen überhaupt die Nationalcharaktere. Darum verwies Plato die lydische Tonart aus seiner Republik, weil sie bei einem gewissen äußerlichen Schimmer, das Weichliche, wo durch dieser Stamm sich von anderen auszeichnete, an sich hatte. Gegenwärtig, da die Musik unter den verschiedenen Völkern von Europa, besonders unter den Händen der Virtuosen, die Einförmigkeit ihres Charakters nicht mehr hat und da sowohl die deutsche als die französische Jugend, alle Arten der Tanzmelodien, auch Konzerte, Sonaten und Arien von allen möglichen Charakteren durch einander spielt und hört und sich in allen Arten der Tänze übet; so ist auch die Einförmigkeit des Eindrucks dadurch aufgehoben worden. Das Nationale hat sich in der Musik, so wie in der Poesie größtenteils verloren. Darum dient auch die Musik gegenwärtig, nicht mehr in dem Grad als ehedem, zur Bildung jugendlicher Gemüter.

Dennoch könnte sie noch dazu gebraucht werden, wenn die, denen die Erziehung aufgetragen ist, dieses Geschäft nach einem gründlichen Plan betrieben. Denn da jede leidenschaftliche Empfindung durch die Musik in den Gemütern kann erweckt werden, so dürfte man nun der Jugend, bei welcher eine gewisse Art der Empfindung herrschend sein sollte, auch vorzüglich solche Stücke, die diesen Charakter haben, in gehöriger Mannigfaltigkeit zum Singen, Spielen und Tanzen vorlegen. Das bloße Anhören der Musik, auch selbst das Mitspielen, sind aber noch nicht hinreichend; es muss noch das Mitsingen und in anderen Fällen das Tanzen dazu kommen. Und so war es bei den Griechen, bei denen das Wort Musik einen weit ausgedehnteren Begriff ausdrückte als bei uns. Freilich würde hierzu erfordert, dass die, welche in der Musik unterrichten, weit sorgfältiger als gemeiniglich geschieht, darauf sähen, dass die Jugend mit wahrem Nachdruck und wahrer Empfindung jedes Stück sänge oder spielte und dass dergleichen Übungen durch die Menge derer, die sie gesellschaftlich trieben, nachdrücklicher würden. Die größte Fertigkeit im Spielen und Singen und die zierlichsten Manieren, auf welche man fast allein steht, tragen gar wenig zu dem großen Zweck, von dem hier die Rede ist, bei: wer nicht mit Empfindung singt, auf den wirkt auch der Gesang nichts. In diesem Stück wäre, wenn die Musik eben in dem Grad, wie ehedem geschehen ist, zur Bildung der Jugend dienen sollte, eine gänzliche Verbesserung des Unterrichts und der Übungen in der Kunst, notwendig, welche in unseren Zeiten nicht zu erwarten ist.

 

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*) Assentior Platoni, nihil tam sacile in animos teneros atque molles influere quam varios canendi sonos, quorum dici vix potest, quanta sit vis in utramque partem. Namque et incitat languentes et languesacit excitatos, et tum remittit animos, tum contrahit. Cicero de Legib. L. II.


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