Manieren

Manieren. (Musik) So nennt man die Verziehrungen, welche Sänger und Spieler auf gewissen Tönen anbringen, um dieselben von den anderen bloß schlechtweg angegebenen Tönen zu unterscheiden; dergleichen die Triller, die Vorschläge, die Schleifer und andere Ausziehrungen mehr sind. Sie geben den Tönen, worauf sie angebracht werden, mehr Nachdruck oder mehr Annehmlichkeit, zeichnen sie vor den anderen aus und bringen überhaupt Mannigfaltigkeit und gewisser maßen Licht und Schatten in den Gesang. Sie sind nicht als etwas bloß künstliches anzusehen: denn die Empfindung selbst gibt sie oft an die Hand, da selbst in der gemeinen Rede die Fülle der Empfindung gar oft eine Abänderung des Tones und eine Verweilung auf nachdrücklichen Silben hervorbringt, die den Manieren in dem Gesang ähnlich sind. Besonders haben zärtliche Empfindungen dieses an sich, dass sie Akzente von mancherlei Art auf die Töne legen, auf denen die Leidenschaft vorzüglich stark ist. Dieses hat unstreitig die verschiedenen Manieren im Gesang hervorgebracht.

Hieraus folgt aber, dass der Sänger sie nicht willkürlich und wo es ihm einfällt geschickt zu tun, sondern nur da, wo die Empfindung es erfordert, anbringen könne. Es ist nicht genug, dass man alle Manieren auf das zierlichste und nachdrücklichste zu machen wisse; die Hauptsache besteht in der verständigen Anbringung derselben; sie sollen nicht dienen das Ohr zu kitzeln oder die Geschicklichkeit des Sängers und Spielers zu zeigen, sondern die Empfindung zu heben. Unverständige Spieler bringen sie überall an und erwecken nur Überdruß dadurch; ja es geschiehet bisweilen, dass man den natürlichen Lauf des Gesangs vor den häufigen Manieren nicht mehr bemerken kann. Es zeigt eine große Verderbnis des Geschmacks an, dass man im Gesang überall die Fertigkeit und Beugsamkeit der Kehle der Sänger bewundern will. Dieses hat den großen Mißbrauch der überhäuften Manieren eingeführt und viele Sänger desto nachläßiger gemacht auf den wahren Nachdruck des Gesangs zu denken.

Einige Manieren sind so wesentlich, dass die Tonsetzer sie auf den Stellen, wo sie angebracht werden sollen, vorschreiben; andere werden der Willkür der Sänger überlassen. Die wesentlichsten Manieren sind die Triller, die Vorschläge und einige damit verwandte Verziehrungen, davon an ihren Orten besonders gesprochen wird [s. Triller. Vorschlag]. Über alle Manieren und deren Gebrauch und Mißbrauch findet man sehr gründlichen Unterricht in Agricolas Übersetzung der Anleitung zur Singkunst des Tosi im zweiten und dritten Hauptstück.


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Seite zuletzt aktualisiert: 23.10.2004 
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