Mittelstimmen

Mittelstimmen. (Musik) Sind in einem Tonstück die Stimmen, welche außer dem begleitenden Basse den Hauptgesang durch harmonische Ausfüllungen begleiten. Denn in vielstimmigen Sachen, da jede Stimme ebenfalls eine Hauptmelodie hat, würde dieser Name unrecht den zwischen dem Basse und dem Diskant liegenden Stimmen gegeben werden. Die Mitelstimmen haben nie eine nach allen Teilen ausgearbeitete Melodie. Zwar ist es allemal ein großer Mangel, wenn sie ganz ohne Gesang und für sich bestehenden Ausdruck sind; aber ihre Melodie muss sehr einfach sein, damit sie den Hauptgesang, den sie gleichsam nur von weitem begleiten, nicht verdunkeln mögen.

 Die Hauptmelodie ist allemal das Wesentliche des Tonstücks,1 nach ihr der Bass, der die Harmonie leitet; die Mittelstimmen müssen aus der Harmonie oder Folge der Akkorde die schicklichsten Töne zur Unterstützung des Gesangs nehmen. Sind sie selbst ohne alle Melodie und nur aus einzelnen, zwar in der Harmonie richtigen, aber unter sich nicht zusammenhängenden Tönen, zusammengesetzt; ist darin nichts von Takt und Rhythmus, so leisten sie auch wenig Hilfe und es wäre in solchem Fall eben so gut, dass die Hauptstimme bloß durch den Generalbass begleitet würde. Zu dem kommt noch, dass in solchem Falle, diejenigen, welche die Mittelstimmen spielen, den Ausdruck des Stücks nicht empfinden, folglich nicht einmal, wie es sein sollte, ihn durch guten Vortrag unterstützen können.

 Also ist notwendig, dass jede Mittelstimme einen mit der Hauptmelodie im Charakter übereinstimmenden Gesang habe, der höchst einfach sei. Nur da, wo die Hauptstimme entweder pausiert oder aushaltende Töne hat, ist den Mittelstimmen erlaubt, einige eigene Sätze oder Gedanken vorzutragen, wenn es nur auf eine Art geschieht, die dem Hauptgesang keinen Abbruch tut. Man nimmt in die Mittelstimmen diejenigen zur vollen Harmonie gehörigen Töne, die weder der Bass noch die Hauptstimme haben. Aber einem bessern Gesang dieser Mittelstimmen zu gefallen, wird auch wohl ein solcher Ton weggelassen und dagegen ein anderer verdoppelt. Dieses muss vornehmlich in Mittelstimmen, die deutlich gehört werden, bei Leittönen, die darin vorkommen, beobachtet werden. Darum ist in folgenden Beispielen das erste und zweite, da das Subsemitonium in der Mittelstimme seinen natürlichen Gang über sich nimmt, den beiden anderen, da die Töne mannigfaltiger sind, vorzuziehen.

 Es ist eine Hauptregel, dass die Mittelstimmen sich in den Schranken ihrer Ausdehnung halten und nicht über die Hauptstimme in der Höhe heraustreten; weil diese dadurch würde verdunkelt werden. Auch muss man sich nicht einfallen lassen, einen Gedanken in der Hauptstimme abzubrechen und seine Fortsetzung einer Mittelstimme zu überlassen.

 Überhaupt gehört mehr als bloße Kenntnis der Harmonie zu Verfertigung guter Mittelstimmen. Ohne feinen Geschmack und scharfe Beurteilung werden sie entweder zu einem die Melodie verdunkelnden Geräusch oder zu einem gar nichts bedeutenden Geklapper.

Die beste Wirkung tun die Mittelstimmen, in denen die zur Vollständigkeit der Harmonie nötigen Töne auch zugleich eine singbare Melodie ausmachen. Am reinsten klingt die Harmonie, wenn die Töne in den Mittelstimmen so verteilt sind, dass alle gegen einander harmonieren. So klingt z.B. dieser Akkord weit besser als dieser: weil hier wegen der an einander liegenden Töne f und g eine Sekunde gehört wird. Unangenehm werden die Mittelstimmen, wenn die Harmonie, wie bisweilen in den Werken großer Harmoniker, die gerne ihre Kunst zeigen wollen, geschieht, zu sehr mit Tönen überhäuft ist. Daher lassen bisweilen gute Melodisten in Arien, die vorzüglich einen gefälligen Gesang haben sollen, die Bratsche mit dem Bass im Unisonus gehen. Wie die Mittelstimmen zu Arien zu behandeln seien, kann man am besten aus den Graunischen Opern sehen.

  Keinen geringen Vorteil zieht man aus den Mittelstimmen in gewissen Stücken daher, dass eine derselben die Bewegung richtig bezeichnet, wenn sie durch die Melodie, wie oft geschieht, nicht deutlich angezeigt wird. Davon gibt die Graunische Arie aus der Oper Cleopatra: Ombra amata etc. ein schönes Beispiel. Die Hauptmelodie hat einfache aushaltende Töne, die den Gesang höchst pathetisch machen, die Mittelstimmen aber geben die Bewegung an.

 

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1 S. Melodie.

 


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