Moral. Moralisches Gemälde

Moral. Moralisches Gemälde. (Malerei) Unter diesem Namen verstehen wir ein Gemälde von der historischen Gattung, das nämlich handelnde Personen vorstellt, wobei der Maler die Absicht hat, durch das Besondere, was er vorstellt, dem Verstand etwas Allgemeines zu sagen. Von dieser Art sind Hogarths Kupfer, die den Titel the harlots progress führen. Der Historienmaler hat seinem Beruf genug getan, wenn er das Besondere mit der vollen Kraft, die darin liegt, vorstellt; der Maler der Moral aber muss überdem noch durch sein Gemälde den Übergang von dem Besondern auf das Allgemeine veranlassen. Wenn jener einen bekannten für sein Vaterland sterbenden Helden so mahlt, dass jeder ihn erkennt, seine Großmut bewundert und mit Ehrfurcht und Liebe für ihn erfüllt wird, so hat er alles getan, was man von ihm fordern konnte; dieser, der sich vorgesetzt hätte, durch ein ähnliches Gemälde uns die Wahrheit empfinden zu machen, es sei rühmlich und angenehm fürs Vaterland zu sterben, müsste noch mehr tun um sicher zu sein, dass dieser Gedanken durch das Gemälde in uns erweckt würde und dass wir ihn lebhaft fühlten. Doch gibt es auch Historien, die unmittelbar lehrreich sind, wenn sie bloß rein historisch behandelt würden. So sind der Tyran, Dionisius, wie er in Corinth unter den gemeinen Bürgern, ohne Ehr und Ansehen herum wandelt oder gar mit Schulhalten sein Brod verdient; und C. Marius, wie er auf dem Schutt von Carthago von allen Menschen verlassen, sizt, große Beispiele, aus denen jedermann sogleich die darin liegende Lehre zieht. Doch könnte der Maler die Vorstellung davon durch wohl ausgesonnene Zusätze weit rührender machen. Dieses muss allemal die Hauptabsicht des moralischen Gemäldes sein. So könnten in dem ersten, der beiden angeführten Beispiele in dem Gemälde ein paar Personen eingeführt werden, davon die eine mit viel bedeutender Gebärde der anderen den erniedrigten Tyrannen zeigte; die andere aber ihre Bewunderung über diesen außerordentlichen Fall mit redender Gebärde und Miene zu verstehen gäbe.

 Der Historienmaler muss seinen Inhalt aus der Geschichte nehmen; aber für die Moral kann er erdichtet sein und da kann der Maler ohne Unschicklichkeit auch allegorische Wesen mit einmischen, wo nicht die Vorstellung schon an sich selbst, hinlänglich spricht, wie in den angeführten Kupferstichen des Hogarths und in den anderswo1 erwähnten schönen Zeichnungen des Herrn Chodowiecky, das Leben eines Mannes nach der Welt, betitelt. Anstatt der Allegorie kann eine wohl angebrachte Aufschrift die Deutung der Moral anzeigen. Durch eine solche wird das berühmte Arkadien des Poußins zur Moral.2

Es wäre zu wünschen, dass Künstler und Liebhaber ihre Aufmerksamkeit auf diese Gattung richteten, damit man anstatt der ewigen Wiederholungen mythologischer Stücke oder sonst unbedeutender biblischer Geschichten, etwas bekäme, wobei der Maler mehr als bloße Kunst zu zeigen und der Liebhaber mehr als bloß Zeichnung und Kolorit zu bewundern hätte. Nichts beweißt mehr die Armut des Genies der Maler und den Mangel des Geschmacks der Liebhaber als die Sammlungen historischer Gemälde und Kupferstiche. Wie selten sind nicht darin die Stücke, die sich durch einen wichtigen Inhalt empfehlen? Ich bin mir selbst mit Zuverläßigkeit bewußt, dass eine schön gezeichnete Figur und Harmonie der Farben, einen starken Eindruck auf mich machen: dennoch kann ich nicht sagen, dass dieser Reiz jemals hinlänglich gewesen wäre, selbst in den prächtigsten Bildergallerien mich vor dem Überdruß zu verwahren, den das Leere und Gedankenlose des Inhalts des größten Teiles der Historien, verursacht. Und leider! ist es mir mehr als einmal in Kirchen nicht besser geworden.

 Würde man anstatt der heidnischen Mythologie und der christlichen Legenden gute sittliche Gemälde sehen, was für gute Eindrücke könnte man nicht daher erwarten? An Stoff kann es dem Künstler, der ein Mann von Nachdenken ist, nicht fehlen. Die heilige und weltliche Geschichte, die Schauspiele, die Werke der epischen, dramatischen und lyrischen Dichter, die äsopische Fabel, das tägliche Leben, alles dieses ist reich an einzelnen Fällen, die durch ein Wort oder durch einen Nebenumstand zu allgemeinen Lehren werden können. Was für ein Beispiel für einen Tyrannen, wenn Dyonisius sich von seinen Töchtern den Bart muss abbrennen lassen, weil er sich vor dem Messer, selbst wenn es in den Händen seiner eigenen Kinder wäre, fürchtet? Was für eine Lehre wenn Damocles in der größten Herrlichkeit ein an dünnen Faden aufgehangenes Schwert über seinem Kopfe sieht und darüber alle vor ihm liegende Güter vergisst?

  Otto Vänius hat Denkbilder aus Horazens Gedichten gezogen, herausgegeben, deren Erfindung größtenteils sehr elend ist; und doch ist der Dichter sehr reich an moralischen Gemälden, die wohl verdienten von einem Chodowieczky

Quid quod usque proximos

Revellis agri terminos et ultra Limites Clientum

Salis, avarus? Pellitur paternos In sinu ferens Deos,

Et uxor et vir, sordidosque natos.3

Wie wollte man die Schändlichkeit der Gewinnsucht besser malen als in einer Moral nach folgender Erfindung des Plautus.

 –– Nam si sacruficem summo Jovi Atque in manibus exta teneam ut porrigam; intera loci Si lucri quid detur, potius rem divinam deseram.4

An wichtigem Stoff zu solchen Gemälden sind alle gute Poeten reich; wenn nur die Künstler sie in der Absicht Gebrauch davon zu machen, lesen wollten.

 

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1 S. Malerei.

2 S. Aufschrift.

3 Od. L. II. 18.

4 Pseudol.

 


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