Manier

Manier. (Zeichnende Künste) Das jedem Maler eigene Verfahren bei Bearbeitung seines Werks kann überhaupt mit dem Namen seiner Manier belegt werden. Wie jeder Mensch im Schreiben seine ihm eigene Art hat, die Züge der Buchstaben zu bilden und an einander zu hängen, wodurch seine Handschrift von anderen unterschieden wird, so hat auch jeder zeichnende Künstler, seine Manier im Zeichnen und in anderen zur Bearbeitung gehörigen Dingen, wodurch geübte Kenner, das was von seiner Hand ist, mit eben der Gewissheit erkennen als man die Handschriften kennt.

 Man hat aber dem Worte noch eine besondere Bedeutung gegeben und braucht es um ein Verfahren in der Bearbeitung auszudrücken, das etwas unnatürliches und dem reinen Geschmack der Natur entgegenstehendes an sich hat. Wenn man von einem Gemälde sagt; es sei Manier darin, so will man damit sagen, es habe etwas gegen die Vollkommenheit der Nachahmung streitendes. Eigentlich sollte man bei jedem vollkommenen Werke der Kunst nichts als die Natur, nämlich die vorgestellten Gegenstände sehen, ohne dabei den Künstler oder sein Verfahren gewahr zu werden.1 Bei Gemälden, die Maniert sind, wird man sogleich eine besondere Behandlung, einen besonderen Geschmack des Künstlers gewahr, die von der Betrachtung des Gegenstandes abführen und die Aufmerksamkeit bloß auf die Kunst lenken. Darum ist die Manier schon insofern etwas unvollkommenes: sie wird es aber noch viel mehr, wenn der Künstler eine gewisse Behandlung, die er sich angewöhnt hat, auch bei solchen Arbeiten anbringt, wo sie sich nicht schickt. So hat Claude Melan Köpfe und Statuen nach der Manier in Kupfer gestochen, dass ein ganzes Werk aus einem einzigen von einem Punkt aus als eine Schnekenlinie in die Ründe herumlaufenden Strich besteht, der an dunklen Stellen kernhafter und an hellen feiner ist. Die Manier ist nicht nur zu Figuren unnatürlich, sondern gibt dem Kupferstich etwas blendendes, wobei ein empfindliches Auge Schwindel bekommt. Eben so schlecht ist die Manier des Venedischen Kupferstechers Pitteri, der seine Köpfe durch lauter gerade und parallel an einander herunterlaufenden Striche macht. Von dergleichen unnatürlichen Behandlungen ist allgemein die Rede, wenn man von einem Künstler, besonders von Malern sagt; sie seien manieret.

 Wiewohl man den Ausdruck gemeiniglich bloß von der Behandlung braucht, so gibt es doch Künstler, die schlechte Manieren in der Wahl der Materie oder in der Zusammensetzung oder in der Zeichnung und auch in der Führung des Pensels haben. So haben David Teiniers, Ostade, Brauer und andre, ihre Ma nieren in der Wahl der Materie; Paul aus Verona seine Manier in den zu langen Verhältnissen seiner Figuren. So gibt es Maler, die nur wenige ihnen geläufige Formen haben, die sie überall anbringen. Die alten Männer, die Jünglinge, die Kinder, die sie malen, haben in allen ihren Gemälden, jede Art immer dieselbe Gesichtsbildung, Stellung und dieselben Verhältnisse, so verschieden auch ihre Charaktere, nach dem Inhalt der Stücke sein sollten. So haben einige Maler nur einen einzigen Ton ihrer Farben, der streng oder lieblich, finster oder glänzend ist; der Inhalt sei von welcher Art er wolle.

 Diesen manierten Künstlern fehlt es an der Beugsamkeit des Genies jeden Gegenstand nach der ihm eigenen Art darzustellen; sie zwingen alles, in die ihnen allein geläufigen Formen und Farben; und dadurch werden sie unnatürlich, gezwungen und auch in der größten Mannigfaltigkeit ihrer Werke, einförmig und langweilig.

 Darum sollte der Künstler große Sorgfalt anwenden, sich vor der Manier zu verwahren. Hierzu gehört freilich ein fruchtbares Genie, das für jeden besonderen Fall, die eigentlichsten Mittel, zum Zweck zu gelangen, zu erfinden vermag. Nirgend lernet man das Genie des Künstlers besser kennen als wo er Gegenstände von verschiedener Natur zu behandeln hat. Weiß er sich in diese Verschiedenheit zu finden und jedem Ding auch in zufalligen Sachen, seinen natürlichen Charakter zu geben, so ist er ein Mann von fruchtbarem und gelenkigen Genie; aber sehr eingeschränkt ist dasselbe, wenn er Dinge von verschiedener Art, in seine Manier zwinget und es macht wie Prokrust, von dem die Fabel sagt, dass er denen Gästen die länger waren als sein Bett, etwas von den Beinen abgehauen. Jenes fruchtbare Genie, sieht man an Homer und Horaz sehr deutlich, da beide Zeichnung und Farben immer sehr genau nach Inhalt abändern, da man beim Ovidius beinahe immer dieselbe kleine, spielerische Manier gewahr wird, es sei dass er große oder kleine Gegenstände behandle.

 Die Manier kann sich in jedem besonderen Teil des Werks finden, in der Anordnung, in der Zeichnung, im Kolorit und in der Behandlung; und zeigt sich auch wirklich, wenn der Künstler in einem dieser Teile mehr das tut, dessen er gewohnt ist als das, was die besondere Natur und Art seines Gegenstandes erfordert. Es gibt Baumeister, deren Hauptgeschmack so ganz auf Zierlichkeit und Anmut geht, dass sie diesen Charakter auch in einem zu bloßen Gefängnis bestimmten Gebäude anbringen würden; und wir haben Beispiele, da ein Dichter auch in einem Trinklied den feierlichen und erhabenen Ton, der seine Manier ist, beibehält.

Man sagt von einem Künstler, er habe eine große Manier, wenn er sich begnügt das, was wesentlich zur Darstellung des Gegenstandes gehört in der höchsten Richtigkeit und Kraft in das Werk zu bringen, ohne den größten Fleis auf weniger wesentliche Teile anzuwenden: die kleine Manier liegt hauptsächlich darin, dass auf diese unwesentliche Teile große Sorgfalt gewendet wird, wodurch geschiehet, dass man bei dem Werke weit mehr den Künstler, seinen Fleis und seine auch auf Kleinigkeiten gehende, beinahe ängstliche Sorgfalt als die Kraft des Gegenstandes selbst empfindet. So ist in der Ausführung unser deutsche Maler Denner, der in seinen Köpfen kein Haar im Barte übersehen hat, ohne es besonders anzuzeigen und selbst der Ritter van der Werff, der, wie es scheint, sich ein Gewissen würde daraus gemacht haben, einen Penselstrich in seinen Gemälden sehen zu lassen. Diese kleine Manier ist das, vor dem der Künstler sich am meisten hüten sollte; weil es dem Werk allen Nachdruck benimmt. Wenn wir einen Dichter sehen, der die einzelnen Buchstaben der Worte, die er braucht, mit solchem mühesamen Bestreben aussucht, dass er darüber die Gedanken selbst aus der Acht lässet oder wenn wir einen Tonspieler hören, der die feinsten Manieren überall mit solchem Fleis anbringt, dass er den wahren Ausdruck darüber vergisst; so entgeht uns über allen diesen Kleinigkeiten die Aufmerksamkeit, die wir auf die Sachen wenden sollten.

 Am schlimmsten ist es, wenn eine solche kleine Manier in einem ganzen Zweig der schönen Künste unter einem Volke herrschend wird, wie es in der Beredsamkeit unter den späteren Griechen geschehen ist, da jeder auch unbedeutender Gedanken witzig und mit einer feinen Wendung musste gesagt werden. Viele der neueren französischen Schriftsteller haben diese kleine Manier angenommen und mehr als ein deutscher sucht ihnen hierin gleich zu werden.

 Möchte sich jeder Künstler zur Maxime machen, seinen Gegenstand bloß nach dem innerlichen Wert zu beurteilen und das, was ihn darin rührt, auf eine Art darzustellen, die ihn versichert, dass er auch auf andere dieselbe Wirkung tun müsse.

 

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1 S. Kunst.

 


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