5. Polen, Böhmen und Ungarn


In Polen machten sich neben dem Altkantianismus im 1. Viertel des 19. Jahrhunderts besonders Einflüsse der schottischen Philosophie und Schellings geltend. Es folgt von 1830-63 die unter der Einwirkung Hegels einer-, der religiös angehauchten französischen Sozialphilosophie anderseits Stehende Epoche der idealistischen, sog. nationalen Philosophie mit ihren Hauptvertretern Hoene-Wronski, Trentowski, Cieszkowski, Liebelt und Kremer. Der Aufstand von 1863/64 unterbricht für längere Zeit die normale Entwicklung des geistigen Lebens der polnischen Nation. Die Wiedergeburt äußert sich am spärlichsten auf dem philosophischen Gebiete, auf dem, nach einem Aufflackern des Materialismus und Positivismus um 1880-90, erst in den letzten Jahren lebhaftere Bewegung begonnen hat. Alle europäischen Richtungen sind mit gewissen Modifikationen vertreten, zuletzt auch der Pragmatismus. Es wären zu nennen: H. von Struve (Idealrealismus), Straszewski (kritischer Idealismus auf individualistischer Grundlage), Twardowski (Anhänger von Brentano und Uphues, Idee und Perzeption, 1892, Zur Lehre vom Inhalt und Gegenstand der Vorstellungen, 1894), Heinrich (Psychophysiologe und Empiriokritizist, Die moderne physiologische Psychologie in Deutschland, 1899, Zur Prinzipienfrage der Psychologie, 1899), Wartenberg (kritischer Metaphysiker, Kants Theorie der Kausalität, 1899, Das Problem des Wirkens, 1900), Garfein-Garski (kritische Philosophie als Wertlehre mit intuitivem Einschlag, Ein neuer Versuch über das Wesen der Philosophie, 1909), Mahrburg (Positivist und Empirist), Rubczynski (Philosophiehistoriker), Koziowski (kritischer Positivist), Lutoslawski (Mystiker, Seelenmacht, 1899) und andere. Es bestehen zwei philosophische Gesellschaften in Lemberg und Krakau und eine psychologische in Warschau, wo auch die Vierteljahrsschrift »Przeglad filozoficzny« erscheint. Interessant sind auch die aus derselben psychischen Wurzel wie der Neuslavismus sprießenden Ansätze zur Wiedergeburt der sog. nationalen Philosophie*).

In Böhmen und Ungarn haben ebenfalls im Laufe des 19. Jahrhunderts fast alle hervorragenden deutschen Systeme (Kant, Schelling, Hegel, zum Teil auch Schopenhauer) nachgewirkt. In Böhmen speziell wurde um dessen Mitte von Exner und anderen österreichischen Herbartianern (§ 58) die Lehre ihres Meisters eingeführt. Der auch hier vorhandenen katholisch-scholastischen Philosophie tritt in beiden Ländern am häufigsten der Positivismus entgegen, teils mehr Comte-Spencer verwandt, wie bei dem Tschechen Th. G. Masaryk (geb. 1860), teils mehr erkenntnistheoretisch gewendet, wie bei den Tschechen. F. Mares (vgl. S. 449), den Ungarn K. Böhm (Der Mensch und seine Welt, 1883 ff.) und M. Palagyi (Die Logik auf dem Scheidewege, 1903). In Kroatien verband F. Markovic (geb. 1845, Agram) Hegelsche mit Herbartschen Lehren.

 

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*) Vgl. die Anmerkung auf Seite 509. 


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Seite zuletzt aktualisiert: 31.10.2006 
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