1. Eduard von Hartmann


a) Leben und Schriften. Als Sohn eines Generals 1842 zu Berlin geboren, widmete sich Hartmann anfangs der militärischen Laufbahn, wurde aber durch ein Knieleiden schon 1865 zum Abschied genötigt und ging zur Philosophie über. Sein ganzes späteres Leben hindurch an die Stube gefesselt, starb er in Großlichterfelde am 5. Juni 1906. 1869 erschien sein Aufsehen erregendes Werk: Philosophie des Unbewußten (in elfter, auf 3 Bände angewachsener Auflage 1904 in gekürzter Volksausgabe, Kröner, Lpz. 1913), dem dann bis heute noch über 30 größere und kleinere Schriften nicht bloß über sämtliche Gebiete der Philosophie, sondern auch über zahlreiche literarische, pädagogische und politische Themata gefolgt sind. Als die bedeutendsten von ihnen können die Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins (1879, 2. Aufl. 1886) und die Kategorienlehre (1896) gelten. Eine Übersicht der übrigen siehe bei Kappstein oder Ueberweg IV, § 28, wo sich auch ausführliche Literaturangaben finden. Außerdem hat er ein System der Philosophie im Grundriß in 8 Teilen hinterlassen, das seit 1910 vollständig vorliegt.

b) Naturphilosophie und Metaphysik (Philosophie des Unbewußten). Hartmann gehört insofern mit Fechner und Lotze zusammen, als auch er dem Motto seines Hauptwerkes zufolge »spekulative Resultate nach induktivnaturwissenschaftlicher Methode« zu gewinnen strebt. Im übrigen stellt seine Philosophie, weit mehr denn die jener beiden, eine »neuromantische Reaktion gegen den Realismus der Naturwissenschaft« (Höffding) dar. Nimmt er auch mit Fechner Atomkräfte als letzte Elemente der Materie an, so verstehen wir doch diese letzten Kräfte nach seiner Meinung erst dann, wenn wir sie als hervorgegangen aus einem unbewußten Wollen und Vorstellen auffassen. Überall, wo Hartmann eine Lücke in der wissenschaftlichen Erklärung, von der er ausgehen will, zu finden meint, setzt er - zwar nicht die Allmacht des Schöpfers, wohl aber das Zaubermittel des Unbewußten ein. »Die bewußte Vernunft ist nur negierend, kritisierend, kontrollierend, korrigierend, messend, vergleichend, kombinierend, ein- und unterordnend,... aber niemals schöpferisch produktiv, niemals erfinderisch.« Hierin hängt der Mensch vielmehr »ganz vom Unbewußten ab«, dem »Quell seines Lebens«, und »wehe dem Zeitalter, das es, gewaltsam unterdrücktü! Darwins Prinzip der natürlichen Auslese z.B. ist nur ein mechanisches Mittel in der Hand des von dem englischen Gelehrten übersehenen Unbewußten. Das Unbewußte herrscht nicht bloß in der »Leiblichkeit«, d.h. im Instinkt, den Reflexwirkungen, der Naturheilkraft, den organischen Gebilden, sondern auch im menschlichen Geiste, in der geschlechtlichen Liebe, dem Gefühle, dem Charakter, dem ästhetischen Urteil und der künstlerischen Produktion, der Sprache, dem Denken, ja auch in der Geschichte, wo es die einzelnen ohne ihr Wissen im Dienste der großen Weltzwecke arbeiten läßt. Und zwar ist das Unbewußte ein einziges, allumfassendes, wenn auch unpersönliches Individuum; den Namen »Gott« vermeidet unser Philosoph, weil er alle anthropomorphen Vorstellungen fernhalten will.

Von diesem Standpunkt des Absoluten aus hat dann Hartmann allmählich alle philosophischen Disziplinen bearbeitet. Wir beschränken uns auf das am meisten charakteristische Gebiet, seine

c) Ethik des Pessimismus, die Schopenhauers Pessimismus mit Schelling-Hegels Entwicklungsphilosophie zu verschmelzen sucht, übrigens nach ihres Urhebers Ansicht seiner Philosophie nicht das Hauptgepräge geben, sondern nur eine »theoretische Anschauung« sein soll. Wenn wir das rechnungsmäßig feststellbare Vorherrschen des Übels in der Welt betrachten, so müssen wir sagen: die Welt verdankt ihre Entstehung nicht einem vernünftigen, sondern einem irrationalen Prinzip, das eben in dem blinden, zwecklosen Willen liegt, der sich von der sehenden, zweckmäßig gestaltenden Vorstellung (Idee) losgerissen hat (vgl. Böhme, Schelling, Schopenhauer). Die sehende Idee, d. i. das vernünftige Bewußtsein, sucht dagegen die Welt allmählich zur Harmonie und Versöhnung (Willenlosigkeit) zurückzuführen, indem sie die Menschheit das Elend ihres Lebens erkennen lehrt und von verschiedenen Illusionen befreit. Anfangs nämlich erwartet der Mensch das Glück noch in seinem gegenwärtigen Leben (Kindheit, Griechentum), später in einem besseren Jenseits (Jünglingszeit, Mittelalter), jetzt (Mannesalter, Neuzeit) vielfach in einem dereinstigen Glückszustand der Menschheit. Vergeblich. Der Weise erkennt vielmehr, dass alle Fortschritte der Kultur mit wachsender Unseligkeit verbunden sind. Die höchste Form der Ethik ist daher nicht Menschenliebe und Entwicklungshoffnung, sondern das Mitleid mit dem fleischgewordenen und deshalb leidenden Absoluten, dessen Zwecke man sodann zu den seinigen macht durch - eine völlige Aufhebung des Willens! Und die Welterlösung ist - Ende der Welt. Freilich verschiebt unser Pessimist das Eintreten dieser höchsten Form auf eine unbestimmte Zukunft. Wenn auch im Grunde genommen das Nicht-Sein dem Sein vorzuziehen wäre, so ist doch die gegenwärtige Welt noch immer die beste unter allen möglichen! Hartmann bekennt sich dennoch zu einem »evolutionistischen Optimismus«: »Wir glauben an einen endlichen Sieg der heller und heller hervorstrahlenden Vernunft über die zu überwindende Unvernunft des blinden Wollens.« Das Prinzip der praktischen Philosophie bestehe darin, »die Zwecke des Unbewußten zu Zwecken seines Bewußtseins zu machen«, indem wir uns nicht bloß mit allen übrigen sittlichen Individuen, sondern auch mit dem Allgeistwesen eins fühlen. Dann liege zugleich die wahre Religion des Geistes, die in Zukunft kommen werde, der »konkrete Monismus«

d) Erkenntnistheoretisches. Ohne Frage spielt das Unbewußte und Unerklärbare in der mannigfaltigsten Weise in unser Leben hinein; es aber mit Hartmann geradezu zum obersten erklärenden Prinzip zu machen, erscheint uns als eine Umkehrung gesunder wissenschaftlicher Methode. In späterer Zeit hat Hartmann denn auch, namentlich in seiner Kategorienlehre (1896), eine mehr erkenntnistheoretische Begründung seines »transzendentalen Realismus« (Realismus, weil er die »reale« Existenz der »Dinge an sich« außerhalb unserer Vorstellung anerkennt, transzendental, weil er sie gleichwohl den Formen der Erkenntnis unterordnen will) versucht. Freilich sind auch die Kategorien unbewußte Funktionen des Intellekts (metaphysische Betrachtung), aber sie gehen doch auf die reale Erscheinungswelt oder Natur (objektive Betrachtung) und geben sich im subjektiven Bewußtsein durch gewisse formale Bestandteile desselben, die »Kategorialbegriffe«, kund. Hartmann unterscheidet die Kategorien des Empfindens (Qualität, intensive und extensive Quantität), des Anschauens (Räumlichkeit) und des Denkens; unter letzteren wieder die »Urkategorie« der Relation, sodann die Kategorien des vergleichenden, trennenden und verbindenden, messenden, schließenden, modalen und spekulativen Denkens. Die Unterkategorien des letztgenannten sind die Kausalität, Finalität und Substantialität; die Geschichte der Philosophie besteht in der Hauptsache in einem Ringen um die Kategorie der Substanz. Hartmann hat selbst später die »Philosophie des Unbewußten« in ihrer ersten, jugendlichen Gestalt (1869) als ein noch außerhalb seines Systems stehendes »Programmwerk« bezeichnet und die Krönung seiner Philosophie erst in der Kategorienlehre erblickt, die seiner Erkenntnistheorie den Abschluß gebe, seine Naturphilosophie fortführe und seine Metaphysik auf systematischer Grundlage aufbaue.

Ähnlich Schopenhauer, hat auch Eduard v. Hartmann durch die populäre und klare Schreibweise seiner früheren Schriften wie durch sein Zusammentreffen mit gewissen modernen Zeitströmungen, insbesondere dem in den 70er und 80er Jahren üppig ins Kraut schießenden Pessimismus, zahlreiche Leser gewonnen und eine reiche Literatur für und gegen seine Lehre ins Leben gerufen. Später ist die Bewegung sehr abgeflaut, und bis vor kurzem war fast sein einziger bekannterer Anhänger A. Drews (geb. 1865, in Karlsruhe), dessen Buch Die deutsche Spekulation seit Kant (1892) die Lehre des Meisters als die wahre Konsequenz aller vorangegangenen philosophischen Systeme nachzuweisen versucht. Erst in neuester Zeit scheint eine Synthese von Hartmann und Schelling wieder Anhänger zu finden; vgl. das von Drews herausgegebene Sammelwerk Der Monismus (Jena 1908). Auch Vitalisten wie Driesch, Reinke u. a. berufen sich auf Hartmanns (im Grunde wissenschaftlich reaktionäres) Prinzip.

 

Literatur: A. Drews, Ed. v. Hartmanns philosophisches System im Grundriß. 2. Auflage 1906 (900 Seiten). - Kurze populäre Darstellungen: Th. Kappstein, Ed. von Hartmann, Einführung in seine Gedankenwelt. 1907, O. Braun, Eduard v. Hartmann (Frommann) 1909. Stark kritisch ist die seines früheren Anhängers Leopold Ziegler, Das Weltbild Hartmanns. 1910.


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