2.A. Die positive Philosophie.


a) Die drei Stadien. Die menschliche Erkenntnis durchläuft nach Comte drei Stadien: das theologische, das metaphysische und das jetzt erst anbrechende positive. In dem ersten, dem theologischen, weiß der Mensch sich die ihn umgebende Welt nur durch das Walten persönlicher, übernatürlicher Wesen begreiflich zu machen. Entwicklungsstufen: Fetischismus, Polytheismus und Monotheismus. Der letztere bildet den Übergang zu dem zweiten, dem metaphysischen Stadium, welches die Welt der Erscheinungen auf abstrakte Ideen, Prinzipien oder Kräfte zurückführt, die schließlich in eine Urkraft, die »Natur« münden. Gleich der Theologie verspricht auch die Metaphysik eine absolute Erklärung der Dinge, nur dass sie an die Stelle der Phantasie den logischen Beweis zu setzen sucht. Dadurch zersetzt sie den theologischen Vorstellungskreis. An die Stelle der Autorität tritt jetzt die Zweifelsucht, der egoistische Individualismus auf religiösem, politischem und sozialem Gebiete. Comte hegt eine starke Abneigung gegen diese zweite, ihm rein negativ erscheinende Periode: selbst der Katholizismus ist ihm wegen seiner Geschlossenheit sympathischer als die inkonsequenten »Mittelformen« des Protestantismus, Deismus, Gallikanismus und Liberalismus. In der dritten, positiven oder wissenschaftlichen Periode dagegen, die Comte gegenwärtig anbrechen sieht, soll das einzige Kriterium die Übereinstimmung mit den Tatsachen, der einzige Glaubenssatz die von Baco, Descartes und Galilei angebahnte Unwandelbarkeit der Naturgesetze sein. Die positive Philosophie, die er verkündet, verzichtet auf einen absoluten Abschluß und in diesem Sinne auf »objektive Einheit« der Erkenntnis; sie begnügt sich mit der »subjektiven Einheit« der Methode. Sie weiß, dass sie nur Relationen, Gleichartigkeits- und Sukzessionsverhältnisse der Dinge feststellen kann. Sie ist eine Philosophie des Wirklichen, Sicheren, genau Bestimmbaren, Organischen und - Nützlichen. Denn sie lehrt auf die zukünftige Entwicklung schließen, voir pour prévoir.

b) Die Hierarchie der Wissenschaften. Die einzelnen Wissenschaften treten jedoch nicht gleichzeitig in das metaphysische oder positive Stadium ein, sondern in einer bestimmten Reihenfolge, die zugleich eine Entwicklungsreihe vom Einfachsten und Universellsten zu immer größerer Kompliziertheit und Spezialisierung bezeichnet und damit den Grund zu folgender Rangordnung abgibt: 1. Mathematik (innerhalb derselben: Arithmetik, Geometrie und Mechanik), 2. Astronomie, 3. Physik, 4. Chemie, 5. Biologie, 6. Soziologie. Diese sechs Gruppen, von denen eine jede wieder in bestimmte Unterabteilungen zerfällt, sind »irreduktibel« und gehen nicht ineinander über. Jede bildet, sowohl historisch wie methodisch, die Voraussetzung der folgenden. Die ersten sind mehr abstrakt und deduktiv (rein deduktiv soll selbst die Mathematik nicht sein), die letzteren mehr konkret und induktiv. Die psychologischen Erscheinungen werden teils der Biologie, teils der Soziologie zugewiesen.

Letztere ist noch nicht in das positive Stadium getreten. Es zu bewirken, betrachtet Comte als seine Aufgabe.

c) Die Soziologie. Mehr als die Hälfte von Comtes Hauptwerk ist der Gesellschaftswissenschaft oder Soziologie, wie der seitdem viel gebrauchte, sprachlich wenig glückliche Name lautet, gewidmet. Nicht bloß das gesamte Gebiet der Nationalökonomie, sondern auch der größte Teil der Psychologie und die ganze Ethik und Geschichtsphilosophie fällt ihr zu. Der physikalischen und biologischen entspricht eine soziale Statik und Dynamik.

Jene untersucht die feststehenden Daseinsbedingungen der Gesellschaft, diese die Gesetze ihres Fortschritts. Ideen, Sitten, soziale Einrichtungen hängen eng miteinander zusammen. Die Geschichte der menschlichen Gesellschaft ist die Geschichte des menschlichen Geistes. Nur im sozialen Leben (Familie, Gesellschaft) vermögen sich die neben den egoistischen von vornherein bestehenden altruistischen Gefühle frei zu entfalten. Alle gedeihliche. Entwicklung der Menschheit beruht auf dem Zusammenwirken beider, sowie auf dem weiteren von Gefühl und Intellekt, welch letzterer allmählich immer mehr der leitende Faktor wird. Dem theologischen, metaphysischen und positiven entspricht auf politisch-sozialem Gebiet das militärische, juristische und industrielle Stadium. Zwischen den Proletariern und den positiven Denkern besteht ein natürliches Einverständnis, beide streben dem gleichen sozialen Ziele zu: allen Gelegenheit zu geistiger Entwicklung und Recht auf Arbeit zu verschaffen. Der Gemeinschaftsgedanke (esprit d'ensemble) ist auch die Quelle des Pflichtbegriffs: Vivre pour autrui! Vivre au grand jour! Hingebung der Starken für die Schwachen, Verehrung der Schwachen für die Starken! So ist alles vorbereitet für Comtes Religion der Humanität.


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