2.B. Religion der Humanität


Nur dass wir in dieser späteren Periode einen merkwürdigen Umschwung der Methode wahrnehmen. Die Vernunft soll sich jetzt in den Dienst des Gefühls, des Herzens stellen, von ihm sich erleuchten lassen. Nur durch das Subjekt ist Einheitlichkeit der Auffassung möglich. Über die Wissenschaft geht unserem Positivisten jetzt die Kunst, hoch erhaben über Erkennen und Handeln ist das Gefühl. Alle sechs Wissenschaften (S. 374) sind nur die Vorbereitung auf die Haupt- oder Grundwissenschaft oder vielmehr die neue Religion, zu der Philosophie und Poesie sich verschmelzen müssen. Religion, als schlechthinniges Abhängigkeitsgefühl, kann nie verschwinden. Aber die neue, von Comte im Catéchisme und der Politique positive als das »positive Dogma« verkündete Religion der Humanität ist eine Religion ohne Gott! Alleiniger Gegenstand ihrer Verehrung ist vielmehr das Grand Être der Menschheit, d. i. der Inbegriff aller zukünftigen, gegenwärtigen und vergangenen Menschen, die für das Wohl der Gesamtheit gewirkt haben, wirken oder noch wirken werden.

In der Ausgestaltung dieser Menschheitsreligion wird nun unser Philosoph völlig zum Hohenpriester. Der positivistische Kalender setzt die Namen der Wohltäter der Menschheit fest, die verehrt werden sollen, während hemmende Persönlichkeiten (wie die Kaiser Napoleon I. und Julian) die »wohlverdiente periodische Geißelung« erleiden. Der einzuführende Kultus sieht u. a. 84 jährliche Feste, dreimalige tägliche Gebete (mit »Gedächtnis« und »Gefühlserguß«) und neun Sakramente vor. Zu den letzteren gehört auch der Tod oder vielmehr die transformation, d.i. der Übergang von dem leiblichen Dasein zum Weiterleben in dem Andenken der Mitmenschen. Die Leitung von Kultus und Erziehung wird Priestern übertragen, die zugleich Philosophen, Dichter und Ärzte sind. Comtes »Soziokratie« ist offenbar ganz theokratisch geformt; sie ist, wie Huxley gesagt hat, »Katholizismus minus Christentum« So klingt denn nicht ganz unglaublich, was neuerdings behauptet wurde, dass der Philosoph ein halbes Jahr vor seinem Tode dem Jesuitengeneral Bekx ein Bündnis gegen Protestantismus, Deismus und Skeptizismus angeboten habe, das von diesem (der das ihm gesandte Exemplar von Comtes Catéchisme nicht einmal aufzuschneiden für der Mühe wert hielt!) natürlich abgelehnt wurde.

Mit Comtes Systematisierungs- und Reglementierungssucht verbinden sich anderseits sentimentale und mystische Züge. Wie der ganze Umschwung Comtes, seine »moralische Wiedergeburt« von ihm selbst dem »engelhaften Einfluß« einer von ihm vergötterten Frau (Clotilde de Vaux) zugeschrieben wird, so wird das weibliche Element besonders gepriesen und verehrt. Und von einer mystischen Rückkehr zu dem »ersten Stadium«, der animistischen Auffassungsweise der Welt, kann man sprechen, wenn man liest, wie er jetzt neben dem Grand être den Weltraum als das große Medium betrachtet, in dem sich die Erde, »der große Fetisch«, gebildet habe, der seinerseits wiederum das »große Wesen« der Menschheit aus seinem Schoße hervorgehen ließ (ein Anklang an die kirchliche Dreieinigkeitslehre).

Zum Schluß noch ein Wort über die weltlichen Einrichtungen des Comtesschen Idealstaates. Die Gewalt gebührt den »Patriziern« oder »Hauptleuten der Industrie« (Bankiers, Fabrikanten und Grundbesitzern), die sie freilich nur zum Besten der Arbeiter und der Gesellschaft überhaupt ausüben sollen. Die Konzentration des Kapitals in den Händen weniger liegt im Interesse des Proletariats! Etwaigen Übergriffen der Patrizier sollen die Philosophen (Vernunft), Frauen (Gefühl) und Proletarier (Energie) vereint entgegenwirken, mit Hilfe der öffentlichen Meinung und durch eventuelle Verweigerung ihrer Mitwirkung (also Streik!). Übrigens setzt Comte für jeden Arbeiter eine Wohnung von sieben Zimmern als freies Eigentum und daneben noch einen Monatslohn von über 300 Franks fest. Von vielen anderen Phantastereien schweigen wir.

Comte prophezeite den Anbruch seines positivistischen Zukunftsstaates noch für das 19. Jahrhundert. Statt dessen haben sich gerade seine begabtesten Schüler, wie namentlich E. Littré (1801 - 81), von ihm getrennt, als er immer mehr auf mystische Bahnen geriet. Seine Hauptbewunderer fand Comte in England. Doch verlief die Entwicklung des englischen Positivismus in anderen Bahnen.


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