1. Der Utilitarismus (Nützlichkeitsphilosophie)
und seine Gegner.


a) Der Hauptvertreter der »Nützlichkeits«-Philosophie in England, Jeremias Bentham (1748 - 1832), ist eigentlich mehr Jurist und Philanthrop als Philosoph. Sein ethisches und rechtsphilosophisches Grundprinzip: größtmögliches Glück der größtmöglichen Zahl, beruht auf seinem, übrigens von Hutcheson und Hume übernommenen, Utilitätsprinzip, das ihm von vornherein feststeht. Ob eine Handlung nützlich ist, d.h. unser Glück fördert bezw. uns vor einem Übel bewahrt, hat die Erfahrung zu entscheiden. Es ist Torheit, von einer Tugend um der Tugend willen zu sprechen; in Wirklichkeit denkt jeder in erster Linie an sein eigenes Interesse. Aber es liegt in unserem »wohlverstandenen« Interesse, auch das Interesse des Nächsten zu berücksichtigen. Verträge müssen beobachtet werden. Menschenrechte existieren, weil und soweit es zum Vorteil der Gesellschaft gehört und die »Harmonie der wohlverstandenen Interessen« sie fordert. Tatsächlich kommt daher das Nützlichkeitsprinzip auf nichts anderes heraus, als »was das umfassendste und aufgeklärteste Wohlwollen erheischt«.

In seiner Introduction to the principles of Morals and Legislation (1789) und der nach seinem Tode veröffentlichten Deontology (1834) versuchte er dies im einzelnen durchzuführen: in der Gesetzgebung nach dem Vorgang des liberalen italienischen Strafrechtslehrers Beccaria (1735 - 96), der in seiner berühmten Abhandlung Über Verbrechen und Strafen (übers, von M. Waldeck, Lpz. 1870) als einer der ersten die Todesstrafe bekämpfte. Benthams Stärke besteht in der Definition und Klassifikation. Dass seine äußerliche Betrachtungsweise indes nicht über die »geschäftliche Seite des menschlichen Lebens« hinauskam, hat selbst sein Verehrer Stuart Mill zugestanden. Seine Ansichten erwarben sich in seinem Heimatlande zahlreiche Anhänger, ja in seinen letzten Lebensjahren sogar ein eigenes Organ in der Westminster Review, zu deren Hauptmitarbeitern die beiden Mill (Vater und Sohn) zählten.

b) James Mill (1773 - 1836) sucht der ethischen Theorie seines Freundes Bentham eine sichere psychologische Unterlage zu geben durch die in seiner Analyse of the Phenomena of the Human Mind (1829) vollzogene sorgfältige Weiterführung der Hartleyschen Assoziationspsychologie. Selbst die verwickeltsten Bewußtseinserscheinungen entstehen aus den einfachen, durch Berührung und Verbindung; so auch die moralischen Gefühle, deren Wert durch ihre psychologische Ableitung nicht beeinträchtigt wird. Noch schärfer als Bentham trat James Mill und der sich um ihn scharende Kreis für Aufklärung und einen entschiedenen politischen Liberalismus ein. Er ist der geistige Vater der Handels-, Vereins-, Gewerbe-, Religionsfreiheit, ebenso wie der, von Ricardo nationalökonomisch ausgeführten, manchesterlich- liberalen Staatsansicht.

c) Der Weltanschauung der »Benthamiten« diametral gegenüber steht die romantische Persönlichkeits- Philosophie eines Coleridge und Carlyle. Coleridge (1772 bis 1834), der unter dem Einfluß der deutschen Philosophie, besonders Schellings, von Humeschen Anschauungen abgekommen war, kämpft gegen den Voltairianismus auf der einen, die kirchliche Orthodoxie auf der anderen Seite und sucht, wie die Althegelianer, Philosophie und Christentum zu versöhnen; aber nicht auf dem Wege des nüchternen Verstandes, dem er vielmehr die tiefere Vernunft entgegenstellt, sondern indem er sich, ähnlich wie Jacobi, an Gefühl und Gemüt wendet. In noch viel höherem Grade tut dies sein jüngerer Zeitgenosse, der Schotte Thomas Carlyle (1795 - 1881), der durch seine machtvolle Predigt der Persönlichkeit von außerordentlicher Fruchtbarkeit für die englische Geistesentwicklung, ja auch über die Grenzen seines Volkes hinaus geworden ist. Durch seinen Kampf gegen die mechanische Weltanschauung, den Empirismus, Utilitarismus und Naturalismus (er selbst bekannte sich zu einem »natürlichen« Supranaturalismus) wie durch sein Aufrollen der sozialen Frage und des sozialen Elends (Past and Present 1843) hat er die Herzen mächtig aufgerüttelt. Freilich ist damit eine starke Einseitigkeit verbunden, die ihn für die Würdigung der Gegenseite in der Regel völlig blind sein laßt, und durch seinen Heroenkultus möchte sich die soziale Frage kaum lösen lassen: es müßte denn sein, dass wir, wie er an einer Stelle sagt, »eine ganze Welt von Helden« als Endziel erstrebten. Ein wie großer Schriftsteller Carlyle auch ist, als Philosoph im engeren Sinne kann er keinesfalls gelten; schon seine Schreibweise ist völlig unsystematisch, wie jeder weiß, der einen Blick in seine Schriften, besonders die eigenartigste derselben, den 1833 erschienenen Sartor resartus, getan hat.

 

Literatur: Leslie Stephen, The English Utilitarians, 1900. - Bain, James Mill, a biography, 1882. - Hensel, Th. Carlyle (Klass., d. Philos. XI), 1901


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