2.b) Empirische Logik (Erkenntnislehre)
und Methodologie


Die einzige Quelle aller unserer Erkenntnis, selbst der mathematischen, ist die Erfahrung, die einzige erfolgreiche Methode sämtlicher Wissenschaften die Induktion. Selbst der Syllogismus ist nur eine versteckte Induktion. Mit dem Obersatz (z.B. alle Menschen sind sterblich) ist die Schlußfolgerung eigentlich schon vollzogen, der Schlußsatz (die sogen. conclusio) ist nur eine zusammenfassende Formel. Unsere »allgemeinen« Urteile, z.B. Definitionen, Axiome, Naturgesetze, sind nur abgekürzte Bezeichnungen einer Summe von besonderen Tatsachen durch eine Art Schnellschrift; selbst das Axiom von der Gleichförmigkeit im Gange der Natur. Das einzige allgemeingültige Gesetz ist das Kausalgesetz: dass jede Wirkung eine ihr voraufgehende Ursache hat. So ist es denn gerade die induktive Methode, die zu allgemeinen Urteilen führt - alle »deduktiven« Wissenschaften sind bloße Generalisationen aus der Erfahrung -, während die sogenannte Deduktion im Grunde nichts als eine Interpretation jener allgemeinen Urteile ist. [Mill vergißt hier, dass in jeder Induktion auch eine versteckte Deduktion liegt.] Unsere Schlußfolgerungen gehen stets vom Besonderen auf anderes Besondere, beruhend auf unseren Ideenassoziationen, wie uns die Psychologie, das notwendige Fundament der Logik, lehrt. Auch eine Untersuchung der Sprache ist für die Logik wertvoll und unentbehrlich: die ersten Kapitel der Millschen Logik enthalten daher eine »Theorie der Namen«, eine Art philosophischer Grammatik. Indem die Logik bestimmt wird als »Wissenschaft von den Verstandesoperationen, die zur Schätzung des Beweises dienen«, hat sie auch die Methoden der Erfahrungs-, insbesondere der Naturwissenschaft aufzustellen, durch welche bleibende und berechtigte Gedankenverbindungen von zufälligen und unberechtigten unterschieden werden können. Solcher Methoden unterscheidet Mill auf Grund der Geschichte der induktiven Wissenschaften, zu denen Comte, Herschel und Whewell *) wertvolle Beiträge geliefert haben, vier: 1. die Methode der Übereinstimmung: Wenn zwei oder mehrere Fälle einer Naturerscheinung in einem einzigen Umstände übereinstimmen, so ist dieser Umstand die Ursache bezw. Wirkung derselben; 2. die Methode der Differenz: Wenn zwei verschiedene Fälle alle Umstände mit Ausnahme eines einzigen gemein haben, so bezeichnet dieser die Wirkung (Ursache) oder einen notwendigen Teil derselben; 3. die Methode der Rückstände (Reste): Zieht man von einer Naturerscheinung den Teil ab, der durch frühere Induktionen bekannt ist, so ist der Rest die Wirkung der bis dahin übersehenen oder unbekannten Vorbedingungen; 4. die Methode der sich begleitenden Veränderungen: Eine Naturerscheinung, die sich verändert, wenn eine andere sich in einer besonderen Weise verändert, ist entweder deren Ursache (Wirkung) oder doch durch irgendeinen Kausalzusammenhang mit ihr verknüpft. Die erste und die zweite Methode können auch miteinander kombiniert werden. [Diese Einteilung erinnert einigermaßen an die vom Vater des englischen Empirismus Baco von Verulam geübte Methode, vgl. Bd. I, S. 344 f.]

Wir wenden uns dem letzten (sechsten) Buche, der Logik der Geisteswissenschaften zu. Auch die menschlichen Handlungen sind dem Kausalgesetze unterworfen. Man sollte nur den irreführenden Ausdruck der »Notwendigkeit« vermeiden, der einen in Wirklichkeit nicht vorhandenen Gegensatz zur »Freiheit« in sich schließt. Notwendigkeit im philosophischen Sinne bedeutet keinerlei geheimnisvollen, fatalistischen Zwang, sondern nur »die einfache Tatsache der Verursachung« Gewiß wird z.B. der Charakter eines Menschen durch die Umstände gebildet, aber »sein eigener Wunsch, ihn in einer besonderen Weise zu bilden, ist einer dieser Umstände«, und zwar ein recht einflußreicher. Eine Wissenschaft von der menschlichen Natur ist also möglich und vorhanden, wenn auch ihre allgemeinen Sätze in der Regel nur »annähernde« Wahrheiten (Generalisationen) sein werden. Mill unterscheidet drei Geisteswissenschaften: Psychologie, Ethologie und Gesellschaftswissenschaft (Soziologie). In der ersteren schließt er sich der Assoziationslehre seines Vaters an. Die Ethologie oder Wissenschaft von der Bildung des Charakters leitet ihre speziellen Gesetze aus den »allgemeinen Gesetzen des Geistes« vermittelst der »allgemein anerkannten Methode der modernen Wissenschaft«, d.h. deduktiv ab; immer vorausgesetzt, dass mit dieser apriorischen Deduktion die Berichtigung und Verbesserung durch Beobachtung und Erfahrung gleichen Schritt halten. Sie bildet die Vorbereitung zur praktischen Erziehungskunst. Die eben erst im Entstehen begriffene Sozialwissenschaft kann nun zwar ebensowenig mittels der experimentellen (»chemischen«) Methode der Praktiker wie mit der abstrakten (»geometrischen«) Methode der Benthamschen Interessentheorie, wohl aber mit der »konkret-deduktiven« Methode der Physik für ihren allgemeinen Teil, mit der »umgekehrt-deduktiven« oder historischen für ihre besonderen Anwendungen betrieben werden.

 

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*) John Herschel (der berühmte Astronom). On the Study of Natural Philosophy 1831. - Whewell, History of the Inductive Sciences 1837 (deutsch von Littrow 1839-42).


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Seite zuletzt aktualisiert: 31.10.2006 
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