2. a) Altkantianer und b) Kant verwandte Philosophen


a) Um die Wende des Jahrhunderts traten von neuem Denker hervor, die nicht aus philologischem, sondern aus systematischem Interesse auf den urkundlichen Kant zurückgehen und daher wohl als »Altkantianer« bezeichnet werden könnten. So ist L. Goldschmidt (geb. 1853, Gym.-Prof. in Gotha) in einer Reihe von Schriften - zuletzt Zur Wiedererweckung Kantischer Lehre (1909) - mit großem Nachdruck für erneuertes, eindringendes Kantstudium gegen die moderne Kantkritik Paulsens u.a. eingetreten. Unabhängig von ihm strebt Ernst Marcus (Amtsgerichtsrat in Essen) in seinem Buche: Die exakte Aufdeckung des Fundamentes der Sittlichkeit und Religion und die Konstruktion der Welt aus den Elementen des Kant (Leipzig 1899), »die Kritik der reinen und der praktischen Vernunft zum Range der Naturwissenschaft zu erheben«, und in Kants Revolutionsprinzip (Kopernikanisches Prinzip) (1902), Kants Lehre als eine schlechthin einwandfreie sichere Wissenschaft, ähnlich der Mathematik und Astronomie, »gleichsam einen Euklid der Metaphysik« nachzuweisen. Er bezeichnet sich selbst daher auch als »Präzisionsphilosophen«. Populär-polemisch gehalten ist die kleinere Schrift: Das Erkenntnisproblem oder wie man mit der Radiernadel philosophiert (1905). In seiner Elementarlehre zur Logik und die Grundzüge der transzendentalen Logik (1906) protestiert er übrigens gegen seine Klassifizierung als »orthodoxer«, ja auch als »Altkantianer«, will vielmehr »ein nahezu vollständiges Parallelsystem zu Kants Kritik der reinen und der praktischen Vernunft« geben. Vgl. ferner: Das Gesetz der Vernunft und die ethischen Strömungen der Gegenwart 1907 und: Kants Weltgebäude. Eine gemeinverständliche Darstellung 1917.

b) Ferner sind eine ganze Reihe weiterer Philosophen von Kant, dessen Einfluß sich in den letzten Jahr zehnten überhaupt nur wenige unter den kirchlich unabhängigen Denkern ganz entzogen haben, mehr oder weniger stark beeinflußt worden. Ein jeder dieser Denker würde an sich eine eingehendere Würdigung verdienen. Da sie indes keine einheitliche Methode vertreten, sondern jeder sein individuelles Gepräge trägt, so würde eine solche viel zu weit führen. So müssen wir uns mit wenigen Notizen über ihre Grundrichtung und ihre systematischen Schriften begnügen.

1. Dem Neukantianismus steht von ihnen wohl am nächsten Alois Riehl (geb. 1844, lange in Freiburg i. B. und Halle, jetzt in Berlin), dessen Tendenz am kürzesten durch den Titel seines Hauptwerks: Der philosophische Kritizismus und seine Bedeutung für die positive Wissenschaft (2 Bände, Leipzig 1876 -87, Bd. I in umgearbeiteter 2. Auflage 1908) ausgesprochen wird. Riehl liebt die realistische und erkenntnistheoretische Seite des Kritizismus am stärksten hervor. Nach ihm ist Philosophie nicht Weltanschauungslehre, sondern Kritik der Erkenntnis, die von der Grundtatsache der Empfindung ausgeht. Über die Erfahrungsgrenzen hinausgehende Metaphysik ist als unwissenschaftlich zu verwerfen. Philosophie als Wissenschaft kann nur Philosophie der Wissenschaft sein, d.h. deren Voraussetzungen methodisch ableiten und begründen wollen. Die ethischen und ästhetischen Ideen dagegen wollen Handeln und Leben beurteilen und leiten. Vgl. außerdem die treffliche kleinere Schrift: Philosophie der Gegenwart, 4. Aufl. 1913. Als Anhänger Riehls darf R. Hönigswald (geb. 1875, in Breslau) bezeichnet werden; außer dessen Schrift über Hume (S. 110) vgl. auch seine Beiträge zur Erkenntnistheorie und Methodenlehre, 1906; Zum Streit über die Grundlagen der Mathematik, 1912; Naturphilosophie, 1913. Verwandt ist auch der Standpunkt von O. Ewald (geb. 1881, in Wien) in dessen: Kants kritischer Idealismus als Grundlage von Erkenntnistheorie und Ethik (Berlin 1908).

2. Wilhelm Windelband (1848-1915, zuletzt in Heidelberg), der bekannte Philosophiehistoriker, der von Lotze und K. Fischer ausging, definiert die Philosophie als »die kritische Wissenschaft von den allgemeingültigen Werten«, nämlich: der Wahrheit im Denken, der Gutheit im Wollen und Handeln, der Schönheit im Fühlen. Schon in seinen Beiträgen zu der Lehre vom negativen Urteil (1884) bekannte er sich als Anhänger Kants, formulierte aber zugleich den Satz: Kant verstehen heißt über ihn hinausgehen. Später, z.B. in einer Universitätsrede von 1894, 3. Aufl. 1904) betonte er besonders den prinzipiellen Unterschied zwischen Geschichte und Naturwissenschaft: der Naturforscher denke in verallgemeinernden Abstraktionen, nur der Historiker habe es mit der vollen, individualisierenden Wirklichkeit zu tun. Vgl. auch seine Vorlesungen Über Willensfreiheit, Tübingen, 2. Aufl. 1905, die einführenden Präludien. 1884, 6. Aufl. 2 Bde. 1919 und die Einleitung in die Philosophie 1914.

Diese Gedanken Windelbands hat dann weitergebildet Heinrich Rickert (geb. 1863, in Freiburg, seit 1916 Windelbands Nachfolger in Heidelberg) in seinem größeren Werke Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung (2 Bde., 1896-1902, 2. Aufl. 1913), das er als »logische Einleitung in die historischen Wissenschaften« bezeichnet: Die Kultur ist ihm ein System allgemeingültiger Werte (Vom System der Werte 1912). Seine Grundgedanken sind auch schon aus der kürzeren Schrift Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft (3. Aufl. 1915) zu entnehmen. Die erkenntnistheoretische Grundlegung seiner Wertphilosophie - er nimmt ein ›transzendentales‹ Bewußtsein an, daher der Nebentitel ›Einführung in die Tranzendentalphilosophie‹ - erklärt Der Gegenstand der Erkenntnis (1892, 3. Aufl. 1915). Rickert nahe steht sein Freiburger Kollege J. Cohn (geb. 1861), dessen Werke in § 78 genannt werden. Auch die von Kroner und Mehlis herausgegebene Zeitschrift Logos vertritt die Tendenzen sogenannten Badischen Schule, der auch Emil Lask (1875-1915), F. Kuntze (Kritische Lehre von der Objektivität), Bruno Bauch (s. S. 445) und H. Leser (geb. 1873, Erlangen) angehören oder nahe stehen. Lask fordert in seiner Logik der Philosophie (Tüb. 1911) eine Ausdehnung des Herrschaftsbereichs der Logik über die gesamte Wertsphäre oder wie er im Anschluß an Lotze sagt, das »Geltungs«-Gebiet. Vgl. auch den Sammelband (I) Logik in Ruge-Windelbands Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, der größere Beiträge von Windelband, Royce und Couturat (S. 496) enthält.

3. Otto Liebmann (in Jena, 1840-1912), der in seiner Jugendschrift (s. oben S. 419) besonders eifrig die Rückkehr zu Kant gefordert hatte, will zwar nicht an den Einzellehren der Kritik der reinen Vernunft, wohl aber an dem »Geist der Transzendentalphilosophie« festhalten, aus der jedoch der Begriff des »Dinges an sich« als ein fremder Tropfen Blutes zu entfernen sei; er erstrebt eine »kritische Metaphysik« Seine Hauptwerke sind: Zur Analysis der Wirklichkeit (1876, 4. Aufl. 1911) und Gedanken und Tatsachen (1899, 3. Aufl. 1904). Über ihn handelt das umfangreiche, zu seinem 70. Geburtstage herausgegebene Festheft der Kantstudien (XV, 1).

4. In der Ethik hat sich Theodor Lipps (1851-1914, zuletzt in München, Die ethischen Grundfragen, 1899, 3. Aufl. 1912) dem Kantianismus genähert, während er sonst dem Psychologismus (s. unten) näher stand. - Auch Jürgen Bona Meyer (1829-97, in Bonn) lehnte sich an den Kritizismus an, den er im Sinne von Fries (§ 45) psychologisch-empirisch weiterzubilden suchte.

Auch Bruno Bauch, Liebmanns Nachfolger in Jena, (geb. 1877, Studien zur Philosophie der exakten Wissenschaften, 1911 I. Kant, 1917), Edmund König (geb. 1858, in Sonderhausen, Die Entwicklung des Kausalproblems, 1888 bis 1890, Kant und die Naturwissenschaft, 1907), und Fr. Schultze (in Dresden, 1846-1908) stehen dem Kritizismus nahe.


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