2. John Stuart Mill (1806 - 78)
a) Leben und Schriften


John Stuart, der älteste Sohn von James Mill, 1806 in London geboren, erhielt durch seinen Vater eine höchst merkwürdige Erziehung. Schon mit dem dritten Jahre mußte das frühreife Kind - Griechisch und Arithmetik beginnen, mit sechs Jahren war er bereits ein kleiner Gelehrter, mit zehn Jahren hatte er die ganze Elementarmathematik erledigt und die Differentialrechnung in Angriff genommen, mit elf verschlang er physikalische und chemische Abhandlungen, im zwölften kannte er alle wichtigeren Schriftsteller des Altertums, schrieb eine Geschichte der römischen Regierungsgrundsätze und begann das Studium der Logik, als 13jähriger machte er einen vollständigen Kursus der Nationalökonomie durch. Nach einem Aufenthalt in Südfrankreich (1820/21), begann seine Selbstbildung. Er studierte Philosophie und Rechtswissenschaft, wurde eifriger Benthamit, gründete als 16jähriger eine utilitarische Gesellschaft, 19jährig einen »spekulativen Diskutierklub« und begann seine schriftstellerische Tätigkeit mit Artikeln in der Westminster Review. Von materiellen Sorgen ist er stets frei geblieben, indem er, wie schon sein Vater, 1823 eine sehr gut dotierte Stelle im India House als Beamter der Ostindischen Gesellschaft bekam, die ihm bei täglich nur dreistündiger Tätigkeit durchschnittlich 30 000 Mark Jahreseinnahme einbrachte; von einem Universitäts- oder Staatsamt schloß ihn seine unkirchliche Überzeugung aus. Um 1826 erfolgt eine Reaktion gegen seine bisherige übermäßige Verstandesausbildung in Gestalt einer körperlichen und geistigen Krisis, von der er sich durch die Poesie und das Kennenlernen neuer Anschauungen (Carlyle, St. Simonisten, Comte) erholte. So nahm er allmählich neue geistige Elemente neben dem Benthamismus in sich auf; 1840 - 44 stand er stark unter dem Einflusse Comtes, während dessen spätere Wendung ins Mystische den Bruch zwischen beiden herbeiführte. Seit dem Erscheinen seines philosophischen Hauptwerkes System der deduktiven und induktiven Logik (1843, 9. Aufl. 1876, deutsch von J. Schiel 1849, 4. Aufl. 1877) und seiner Grundsätze der politischen Ökonomie (1848) ward er der unbestrittene Führer des englischen Positivismus und Radikalismus, den er kurze Zeit (1866 - 68) auch als Mitglied des Parlaments vertrat. In den 50er Jahren übte seine Freundin und spätere Gattin, die geistvolle Frau Taylor (• 1858), großen Einfluß auf seine Schriften, die von da an meist in populärwissenschaftlichen Abhandlungen bestehen: Über die Freiheit (1859), Die Hörigkeit der Frau (1861 verfaßt, 1869 veröffentlicht), Repräsentativverfassung (1861), Utilitarismus (1861), Über die Religion (aus seinem Nachlaß von seiner Stieftochter Helen Taylor 1874 herausgegeben), und sämtlich bei seinen Landsleuten außerordentlich große Verbreitung fanden. Er starb 1873 in Avignon, wo er die meisten Jahre seit dem Tode seiner Gattin, die dort begraben lag, zugebracht hatte.

Die wichtigste Leistung Mills ist ohne Frage seine Empirische Logik (Erkenntnislehre) und Methodologie.

 

Literatur: Über sein Leben vgl. seine Autobiography, London 1873 (deutsch Stuttgart 1874) und seinen Briefwechsel mit Comte (Paris 1899). Ein zusammenfassendes Gesamtbild geben A. Bain, J. St. Mill, 1882 und S. Sänger (Frommanns Klass. d. Phil. XIV) 1901. Vgl. auch H. Taine, Le positivisme anglais (1869) und F. A. Lange, J. St. Mills Ansichten über die soziale Frage, 1866. Seine Werke sind in deutscher Übersetzung (von Th. Gomperz u. a., 12 Bde.) Lpz. 1869 - 86 erschienen.


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