Michelangelo Buonarotti

Buonarotti, Michelangelo, Maler, Bildhauer und Architekt, einer der größten Künstler aller Zeiten, wurde am 6. März 1474 aus dem alten Geschlechte der Grafen von Canossa zu Caprese oder Chiusi im Casentinertal (nahe bei Florenz), wo sein Vater, Lodovico, Podesta war, geboren. Er erhielt eine sehr sorgfältige Erziehung und kam, nachdem sich bei ihm, im Umgange mit seinem Altersgenossen und Freunde, Fr. Granacci, der bei Domenico Ghirlandajo die Malerei erlernte, ein entschiedenes Talent für die Kunst gezeigt hatte, in seinem 14. Jahre zu den Malern David und Domenico Ghirlandajo zu Florenz in die Lehre. Hier widmete er sich mit leidenschaftlichem Eifer dem mit begeisterter Liebe erfassten Berufe, kopierte anfänglich alte Handzeichnungen mit bewundernswürdiger Treue, unter Anderem auch einen Kupferstich von Martin Schön, verbesserte selbst gelegentlich seinen Meister Domenico in der Zeichnung und machte überhaupt so außerordentliche Fortschritte, dass seine Lehrer ihn nächst Granacci dem Lorenzo von Medici, der in seinem Garten eine Schule für Maler und Bildhauer gegründet hatte, und junge talentvolle Leute zur ferneren Ausbildung in derselben suchte, als die vorzüglichsten ihrer Schüler empfehlen konnten. Er wurde in dieselbe aufgenommen und gewann hier, als er Torrigiano runde Figuren in Ton modellieren sah, eine besondere Vorliebe für die Bildhauerkunst, in der er sich nun vorzugsweise übte, so dass er schon binnen kurzer Zeit und ohne je Marmor und Meissel unter den Händen gehabt zu haben, im Stande war, aus einem Stück Marmor den Kopf eines alten grinzenden Faun's (noch jetzt in der Galerie der Uffizien zu Florenz), einem antiken nachgebildet, zu meißeln. Durch diese höchst bedeutenden Resultate seines Studiums und Talents, sowie durch sein liebenswürdiges Betragen, erlangte er die Gunst Lorenzo's in so hohem Grade, dass dieser ihn ganz in sein Haus aufnahm. Er studierte jetzt im Garten des prachtliebenden Lorenzo, woselbst sieh die Schule befand, hauptsächlich die daselbst aufgestellten Antiken, zeichnete auch viele Monate die Malereien des Masaccio in Santa Maria del Carmine, und führte um dieselbe Zeit, etwa in seinem 17. Jahre, auf den Rat des gelehrten Poliziano, das über alle Massen herrliche Relief: Herkules im Kampfe gegen die Zentauren, eine Arbeit voll Schönheit, Leben und Ausdruck, aus. Dasselbe wird noch heute im Palazzo Buonarotti zu Florenz bewahrt, woselbst sich auch das Flachrelief einer säugenden Madonna befindet, das wahrscheinlich noch vor jenem gefertigt wurde. Ein ähnliches Relief der Maria mit dem Kinde, aus derselben Zeit sieht man in der Akademie zu London.

Nach dem 1492 erfolgten Tode seines Gönners, Lorenzo von Medici, kehrte er betrübt in sein elterliches Haus zurück, fertigte da eine vielfach bewunderte Statue des Herkules, und für die Kirche S. Spirito zu Florenz, woselbst er in einer ihm vom Prior eingeräumten Wohnung mit eisernem Fleiße dem Studium der Anatomie oblag, das den Grund zu seiner nachherigen Vollkommenheit in der Zeichnung legte, ein Kruzifix von Holz, Werke, die leider nicht mehr vorhanden zu sein scheinen. Dem Sturme zu entgehen, der, wie er voraussah, sich über dem Haupte der Medici zusammenzog, und der diese auch 1494 aus Florenz vertrieb, begab er sich nach Venedig und von da nach Bologna, woselbst er an der Arca di San Domenico in der Kirche dieses Heiligen die ungemein liebliche Statue eines knieenden Engels mit dem holdesten, anmutigsten Köpfchen in Marmor ausführte. Auch die Statuette des h. Petronius ebendaselbst ist von ihm. Er blieb nicht lange über ein Jahr in Bologna und reiste sodann wieder nach Florenz. Hier arbeitete er für Lorenzo die Pierfrancesco de' Medici, der, als zur Volkspartei gehörig, in Florenz zurückgeblieben war und hier den Namen Popolani angenommen hatte, einen kleinen Johannes und begann einen schlafenden Cupido in natürlicher Größe in Marmor (beide verschwunden). In allen diesen Jugendwerken erscheint Michelangelo's ungestüme Kraft noch schlummernd, noch wie träumend unter dem milden Hauche der Kunst, die während seinen Jünglingsjahren in Florenz blühte, und er erwarb sich durch sie einen sehr bedeutenden Ruf. Der letztere wurde namentlich noch durch den Umstand gesteigert und weiter verbreitet, dass die letztgenannte Statue von Baidassare del Milanese an den Kardinal S. Giorgio, eigentlich Rafaello Riario, in Rom für antik verkauft wurde und auch dafür galt, bis der Käufer den Namen des wirklichen Meisters erfuhr. Obgleich durch diesen Vorfall als Kunstkenner beschämt, war der Kardinal doch so hingerissen von der Kunst des jungen Meisters, dass er ihn nach Rom einlud. Hier schuf Michelangelo seinen Bacchus (in den Uffizien zu Florenz), eine Statue von großer Weichheit und einer fast trunkenen Jugendfülle, an welcher man besonders die vollkommene Durchbildung des nackten Körpers bewundert, und (1499) seine Pieta* (von dem Kardinal de la Grolaye de Villiers, Abt von San Denis, für die Kirche S. Petronilla in Rom bestellt, später aber in der Peterskirche daselbst aufgestellt), eine wunderbar herrliche Gruppe von großartiger Einfachheit in der Komposition, Weichheit und Milde, und von entzückender Schönheit in den Köpfen. Dieses letztere Werk wurde öfter in Marmor und Erz kopiert. Schon Luca Signorelli malte davon jene freie Nachbildung grau in grau, die kurzlich im römischen Leihhause wieder aufgetaucht ist. — Eine milde und würdevolle Madonnenstatue in der Notredamekirche zu Brügge, welche ebenfalls dem Michelangelo zugeschrieben wird, dürfte, wenn sie wirklich von ihm herrührt, zu diesen frühen Schöpfungen gehören.

Nach Beendigung dieser Werke kehrte er nach Florenz zurück und legte hier 1501, im Auftrag des Rats der Stadt, Hand an einen Marmorblock, aus dem Meister Agostino di Guccio eine kolossale menschliche Gestalt für den Domplatz zu machen sich vergebens angestrengt hatte, und gestaltete nun, um Zeugnis seines außerordentlichen Kunstgeschicks abzulegen, aus dieser von seinem Vorgänger übelzugerichteten Steinmasse die ebenso kraftvoll belebte, als ungemein schöne Statue des David** vor dem Palazzo vecchio, für die er 400 Scudi erhielt. Sie war 1503 vollendet und wurde 1504 aufgerichtet. Während Michelangelo damit beschäftigt war, führte er zugleich noch eine zweite für den Bronzeguss bestimmte Statue aus, welche 1502 von der Signoria zu Florenz für Pierre Gié, Vicomte de Rohan, Marschall von Frankreich, bei ihm bestellt wurde, aber wegen dringender anderer Arbeiten erst 1508 an ihren Bestimmungsort abging. Um dieselbe Zeit fertigte er zwei Medaillons in Marmor, eines für Taddeo Taddei: eine heil. Familie (nur in den Köpfen vollendet) von außerordentlicher Schönheit, ganz im Geiste des Donatello erfunden, von großer Naivität des Gefühls, Lieblichkeit des Ausdrucks und Fluss und Weichheit der Formen, die sich jetzt in der Akademie der schönen Künste zu London befindet; das andere, für Bart. Pitti ausgeführt, und ebenfalls eine heil. Familie darstellend, verwahrt man in der Galerie der Uffizien zu Florenz. In die nämliche Epoche, wie die genannten beiden Statuen, fällt eine große, leider schon beim Beginn ins Stocken geratene Bestellung bei dem Meister. Im Jahr 1503 nämlich verdingten die Konsuln der Tuchwirkerzunft dem Buonarotti 12 Bildsäulen der Apostel von carrarischem Marmor, 4 1/2 Ellen hoch, für Santa Maria del Fiore; es kam indessen, da die ganze Arbeit 1505 schon wieder aufgegeben wurde, nur eine Statue zu Stande, die des heil. Matthäus (gegenwärtig in der Akademie der schönen Künste zu Florenz), und diese ist nur aus dem Gröbsten gehauen, aber meisterhaft und kühn angelegt. Dazwischen arbeitete er ein Medaillon mit einer Madonna in Bronze, das nach Flandern kam, und führte für Agnolo Doni, einen Bürger von Florenz, ein Rundgemälde in Temperafarben aus, eine heil. Familie, mit einer Menge nackter Gestalten im Hintergrund (in der Tribüne der Uffizien zu Florenz), ein im Ganzen wenig ansprechendes Bild, gesucht im Hauptmotiv, manieriert in der Farbe und hart in der Zeichnung.

 

*) Abgebildet in den Denkmälern der Kunst. Atlas zur Kuglers Handb. der Kunstgesch. Tat. 72, Fig. 8.

**) Ebendaselbst. Taf. 72, Fig. 6.



Inhalt:


Michelangelo - Pisaner Schlacht
Michelangelo - Sixtinische Kapelle: Deckengemälde
Michelangelo - San Lorenzo Florenz: Fassade
Michelangelo - Sixtinische Kapelle: Das jüngste Gericht
Michelangelo - Grabmal Julius II.: San Pietro, Vincoli
Michelangelo - Peterskirche Vatikan: Kuppel
Michelangelo - Architekt, Bildhauer, Maler
Michelangelo - Werk, Charakter und Wirkung
Michelangelo - Skulpturen, Staffeleibilder, Handzeichnungen

Share
 © textlog.de 2004 • 12.12.2019 09:57:45 •
Seite zuletzt aktualisiert: 19.02.2005 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright  A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  X  Y  Z