Michelangelo



- Werk, Charakter und Wirkung


Aber nicht nur als Künstler, auch als Mann war Michelangelo eine bedeutende Grosse. In einer durch vielseitige Tatkraft hervorragenden Zeit geboren, sah er Italiens letzte glückliche Tage; wetteifernd mit den großen Geistern, welche das zu Ende eilende fünfzehnte Jahrhundert entweder schon gereift oder erst heranblühend hinterließ — in seiner Jugend Nebenbuhler des älteren Leonardo da Vinci, in späteren Jahren des begünstigten Raphael — überlebte er die meisten derselben. Eine ganze Reihe von Päpsten, die alle seiner bedurften und ihn beschäftigten, gingen an ihm vorüber und er stand jedem von ihnen mit all der Selbstständigkeit eines innerlich abgeschlossenen Charakters und mit dem edlen Stolze des wahren Künstlers gegenüber. Seinem Vaterlande treu und mit inniger Liebe anhängend, suchte er es mit eigener Aufopferung zu retten in seiner größten Gefahr und verbannte sich freiwillig auf immer, als es seine Freiheit unwiederbringlich verloren hatte. Keine auch noch so dringende und ehrende Einladung von Cosimo I. vermochten ihn, trotz aller Dankbarkeit, die er dem Hause Medici schuldete, zur Rückkehr in das unterdrückte Florenz zu bewegen. Er wollte sich den Schmerz ersparen, Zeuge der dort vorgegangenen Umwandlungen zu sein — erst als Leiche kehrte er in seine Vaterstadt zurück. In seinem Charakter vereinigte sich mit einer herben und strengen Grosse eine gewisse Weichheit der Empfindung auf das Wunderbarste. Jene zeigte sich in der Kunst als Gewaltigkeit in der Konzeption, als Kühnheit und überraschende Sicherheit in der Ausführung; diese spricht aufs Überzeugendste aus seinen herrlichen, nicht selten Dante'schen Geist atmenden Gedichten, die man mit richtigem Gefühl, als das Weibliche in seinem Charakter bezeichnet hat. Kummer und Schmerz verfolgten ihn während seines langen Lebens bis in sein hohes Alter hinein. Das Monument des Papstes Julius II. war das Kreuz und Leiden seiner Mannesjahre gewesen, der Dom von S. Peter wurde die Sorge und Plage seines Greisenalters. Rührend war seine Liebe zu einer der reinsten und edelsten Frauen ihrer Zeit, zu Vittoria Colonna, der Witwe des Marchese von Pescara. Diese edle Leidenschaft bekundete sich bei Michelangelo, der bereits 62 Jahre zählte, als er die Marchese kennen lernte, in zahlreichen Dichtungen, die er ihr widmete und die jene vollständige Wiedergeburt schildern, welche die Liebe immer im Menschen bewirkt, von Vittoria's Seite durch die vielen Besuche, welche sie dem einsamen Freunde in seiner Abgeschlossenheit abstattete. Welcher Art dieses ischöne Verhältnis gewesen sein mag, geht wohl am besten aus der Bitte der Marchese in einem der zahlreichen Briefe an ihren Freund hervor: er möchte doch nicht so häufig Sonnette an sie richten, indem es sie sonst hindern würde, ihre Morgenandacht zu verrichten, und aus der Äußerung Michelangelos gegen einen seiner Schüler nach dem ihn fast der Verzweiflung nahe bringenden Tode der Freundin: es täte ihm nichts so leid, als dass er Vittoria, als er sie auf dem Sterbebette gesehen, nur die Hand und nicht auch die Stirn oder das Antlitz geküsst habe.

Eine eigentliche Schule hat Michelangelo nicht gebildet. Unter denjenigen Künstlern, welche sich ihm teils anschlossen, denen er Lehre und Winke gab, oder teils unmittelbar seine Entwürfe ausführten, nennt man als Maler: Marcello Venusti, Fra Sebastiano del Piombo, Giorgio Vasari, Antonio Mini, Ascanio Condivi da Ripa Transone und Giacomo del Duca; als Bildhauer: Giov. Ang. Poggibonzo, genannt Montorsoli und Raphael da Montelupo.

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