Landschaft

Landschaft. (Zeichnende Künste) Unter den zeichnenden Künsten behauptet der Zweig, der uns so mancherlei angenehme Aussichten auf die leblose Natur vorstellt, einen ansehnlichen Rang. Das fast allen Menschen beiwohnende Wohlgefallen an schönen Aussichten, scheint schon anzuzeigen, dass die Schönheiten der Natur eine ganz nahe Beziehung auf unser Gemüt haben. Von den allgemeinen Einfluss derselben auf die Bildung des sittlichen Menschen, ist bereits anderswo gesprochen worden1, hier ist der Ort zum Behuf dieses besonderen Zweiges der Kunst, diese Sache näher zu betrachten. Die Maler mischen zwar allgemein Vorstellungen aus der sittlichen Natur in ihre Landschaften; aber vorerst wollen wir davon blos als von Vorstellungen aus der leblosen Natur sprechen. Denn schon als solche sind sie aller Arten der ästhetischen Kraft fähig.

 Der Geschmack am Schönen findet nirgend so viel Befriedigung als in der leblosen Natur. Die unendliche Mannigfaltigkeit der Farben, in die lieblichste Harmonie vereinigt und in jeden gefälligen Ton gestimmt, reizt das Auge fast überall, wo es sich hinwendet; was nur irgend an Form und Gestalt, gefällig, reizend oder Groß und Wunderbar sein kann, wird da angetroffen; und doch machen in jeder Landschaft tausend verschiedene, unendlich durch einander ge mischte Formen, ein Ganzes aus, darin sich alles so vereinigt, dass von der unbeschreiblichen Mannigfaltigkeit der Vorstellungen keine der anderen wiederspricht, obgleich jede ihren eigenen Geist hat. Dabei lernet der Mensch zuerst fühlen, dass eine nicht bloß thierische Empfindsamkeit für die erschütternden Eindrücke der gröbern Sinnen; sondern ein edleres Gefühl, das innere seines Wesens durchdringt und eine Wirksamkeit in ihm rege macht, die mit der Materie nichts gemein hat. Er lernt andere Bedürfnisse kennen als Hunger und Durst und die bloß auf die Erhaltung der groben Materie abziehlen. Er lernt ein unsichtbares in ihm liegendes Wesen kennen, dem Ordnung, Übereinstimmung, Mannigfaltigkeit gefallen. Die Schönheiten der leblosen Natur unterrichten den im Denken noch ungeübten Menschen, dass er kein bloß irrdisches, aus bloßer Materie gebildetes Wesen sei.

 Auch bestimmtere Empfindungen von sittlicher und leidenschaftlicher Art, entwickeln sich durch Betrachtung der leblosen Natur. Sie zeigt uns Szenen, wo wir das Große, das Neue, das Ausserordentliche bewundern lernen. Sie hat Gegenden, die Furcht und Schauder erwecken; andre, die zur Andacht und einer feierlichen Erhöhung des Gemütes einladen; Szenen einer sanften Traurigkeit oder einer erquikenden Wollust. Dichter und andächtige Eremiten, Enthusiasten von jeder Art, empfinden es und haben sich zu allen Zeiten dieselben zu Nuze gemacht. Wer fühlt nicht die fröhlichsten Regungen der Dankbarkeit, wenn er den Reichtum der Natur in fruchtbaren Gegenden vor sich verbreitet findet? Wer nicht seine Schwäche und Abhänglichkeit von höheren Kräften, wenn er die gewaltigen Massen überhangender Felsen sieht; oder das Rauschen eines mächtigen Wasserfalles, das fürchterliche Stürmen des Windes oder der Wellen des Meeres hört; wen schreckt nicht das Heranrauschen großer Ungewitter? Oder wer fühlt nicht in allen diesen Szenen die allmächtige Kraft, die die ganze Natur regieret? Ohne Zweifel hat der ununterrichtete Mensch die ersten Begriffe der Gottheit aus solchen Szenen geschöpft.2

 Eine stille Gegend voll Anmut, das sanfte Rieseln eines Bachs und das Lispeln eines kleinen Wasserfalles; eine einsame, von Menschen unbetretene Gegend, erweckt ein sanftschauerndes Gefühl der Einsamkeit und scheint zugleich Ehrfurcht für die unsichtbare Macht, die in diesen verlassenen Orten wirkt, einzuflößen. Kurz jede Art des Gefühls wird durch die Szenen der Natur rege. Der Philosoph, der überall die Spuren einer unendlichen Weißheit und Güte findet, wird überzeugt, dass diese verschiedenen Kräfte nicht ohne Absicht in die leblose Natur gelegt sind. Sie sind der erste Unterricht für den Menschen, der die Sprache der Vernunft noch nicht gelernt hat; durch ihn wird sein Gemüt allmählich gebildet und sein Verstand erst mit schwachen und dunklen Begriffen angefüllt, die sich danach allmählich entwickeln und aufheitern. Also ist die aufmerksame Betrachtung der leblosen Natur der erste Schritt, den der Mensch tut, um zur Vernunft und zu einer ordentlichen Gemütsart zu gelangen.

 Die Malerei findet demnach in der leblosen Natur, einen nie zu erschöpfenden Stoff, vorteilhaft auf die Gemüter der Menschen zu wirken und der Landschaftmaler kann uns sehr vielfältig auf eine nützliche Weise vergnügen; vornehmlich, wenn er mit den höheren Kräften seiner Kunst bekannt, sittliche und leidenschaftliche Gegenstände mit den Szenen der leblosen Natur verbindet. Wer wird ohne heilsame Rührung sehen, wie ein wohltätiger Mann einen von Mördern in einer Wildnis beraubten und hart verwundeten Menschen erquiket, ihn auf sein Pferd setzt und wieder zu den seinigen bringt? Welcher empfindsame Mensch wird in einer ländlichen Gegend, die schon an sich das Gepräge der Einfalt und Unschuld hat, den Vergnügungen eines harmlosen Hirtenvolks ohne die selig sten Regungen des Herzens zusehen können?

 Durch eine wohlausgesuchte Handlung aus dem sittlichen Leben, die der Maler in seine Landschaft setzt, kann er ihr einen Wert geben, der sie mit den besten historischen Gemälde in einen Rang setzt. So konnte Nic. Poußin auf die Erfindung seiner arcadischen Landschaft sich eben so viel einbilden als wenn er ein gutes historisches Stück erfunden hätte. Es ist anderswo angemerkt worden, dass zu großen Wirkungen nicht allemal große Veranstaltungen gehören 3, und dass bisweilen eine an sich geringe scheinende Sache, in einem besonders vorbereiteten Gemüt, eine sehr große Wirkung tut. Eine einzige Figur, wie etwa Adam, der in einer paradiesischen Gegend die Schönheit der Schöpfung bewundert, dabei durch Stellung und Gebärden merken lässt, dass er die Gegenwart des Schöpfers selbst empfindet, könnte bei einem empfindsamen Menschen unauslöschliche Eindrücke der Anbetung des allgütigen Schöpfers hervorbringen. Schon sehr mittelmäßig gezeichnete und schlecht gestochene Vorstellungen einiger schrecklichen Gegenden, die man in Reisebeschreibungen nach Grönland oder nach Hudsons Bay antrift, erwecken Schauder und Traurigkeit; zu welcher Stärke würden diese Empfindungen nicht steigen und was für großen Nachdruck würden sie nicht gewissen sittlichen Vorstellungen geben, wenn sie mit den eigentlichsten Farben der Natur gemalt und mit einer historischen, sich dazu schickenden Vorstellung staffirt wären? Und hieraus kann man sich leicht überzeugen, dass auch die Landschaft der größten Wirkung, die man von den Werken der Kunst immer erwarten kann, fähig sei, wenn sie nur von rechten Meister- Händen behandelt wird. Es gibt, wie ein großer Kenner richtig anmerket,4 Landschaften vom jüngern Poußin, von Salvator Rosa, von Everdingen, die etwas so großes haben, dass sie Bewunderung und einen Schauder erwecken, die der Wirkung des Erhabenen ganz nahe kommen.

 Diese Betrachtungen können uns die Grundsätze zur Beurteilung der inneren Vollkommenheit der Landschaft an die Hand geben, die von dem Wert des gemalten Gegenstandes herkommt. Wie jedes historische Gemälde in seiner Art gut ist, wenn es eine Szene aus der sittlichen Welt vorstellt, die auf eine merklich lebhafte Weise heilsame Empfindungen erweckt und sittliche Begriffe nachdrücklich in uns veranlaßet oder erneuert; so ist auch die Landschaft in ihrer Art gut, die ähnliche Szenen der leblosen Natur vorstellt; vornehmlich alsdenn, wenn dieselben noch mit übereinstimmenden Gegenständen aus der sittlichen Welt erhöhet werden. Wie man in der menschlichen Bildung nicht bloß todte Formen verschiedentlich abgeändert und in ein gefälliges Ebenmaas angeordnet, sieht, sondern innere Kräfte, eine nach Grundsätzen handelnde und von verschiedenen Neigungen belebte Seel' empfindet; so muss man auch in der Landschaft mehr als toten Stoff sehen. Es muss etwas darin sein, das nicht bloß dem Auge schmeichelt, sondern Gedanken erweckt, Neigungen rege macht und Empfindungen hervorloket; denn eben in dieser Absicht hat die Natur die rohe Materie mit so mannigfaltigen Farben und Formen bekleidet, aus denen eine zwar stumme, aber empfindsamen Seelen doch verständliche Sprache entsteht, in welcher sie den Menschen unterrichtet und bildet. Einige Wörter dieser Sprache müssen wir in jeder Landschaft lesen, wenn wir ihr einen Wert beilegen sollen. Sollte der Mensch, dem Himmel und Erde, wie um die Wette sich bemühen, sein Wesen zu erheben und seine Seele zu erheitern; sollt er sich enthalten können, bei dem allgemeinen lieblichen Lächeln der Natur empfindlich zu sein? Sollten wilde Leidenschaften an seiner Brust nagen können, da vor ihm alles Ruhe und Friede haucht und aus jedem Busch liebliche Gesänge in sein Ohr kommen5? An solchen redenden Szenen ist die Natur unerschöpflich und der Landschaftmaler muss sie für uns aufsuchen. Bald muss er uns zu betrachtenden Ernst einladen, bald zur Fröhlichkeit ermuntern: jetzt aus dem Getümmel der Welt in die Einsamkeit loken, denn uns einer schläfrigen Trägheit entziehen und durch die allgemeine Wirksamkeit der immer beschäftigten Natur, zum Mitwirken für das allgemeine Beste anspornen. Der Maler, dem die Sprache der Natur nicht verständlich ist, der uns bloß durch Mannigfaltigkeit der Farben und Formen ergötzen will, kennt die Kraft seiner Kunst nicht. Wann er nicht wie Haller, Thomson und Kleist, durch die Betrachtung der Natur in alle Gegenden der sittlichen Welt geführt wird, so richtet er durch Zeichnung und Farben nichts aus.

 Hat er aber Verstand und Empfindung genug, den Geist und die Seele, der vor ihm liegenden Materie zu empfinden, so wird er ohne Mühe, um sie auch uns desto lebhafter fühlen zu lassen, sittliche Gegenstände seiner eigenen Erfindung einmischen können. Es ist in dem ganzen Umfange der Künste kein weiteres Feld, Talente, Kenntnis und Empfindung mannigfaltiger anzuwenden als hier. Ich wünschte es zu erleben, dass die Kupferstecherkunst von der Malerei unterstützt, nach der Art der Aberlischen Landschaften6, den Liebhabern der Kunst das mannigfaltige Genie der Natur aus jedem Himmelsstrich, in ausgesuchten Szenen vor Augen legte. So könnte man alles, was die leblose Natur unterrichtendes und rührendes hat, aus allen Teilen der Welt in ein Zimmer zusammenbringen. Würde man noch jeder Landschaft Auftritte aus der thierischen und sittlichen Welt, die sich dazu schicken, beifügen, so würde eine solche Sammlung für den Verstand und das Gemüt eine höchst nützliche Schule des Unterrichts sein. Das Merkwürdigste von dem Genie, der Lebensart, den Geschäften und den Sitten aller Völker des Erdbodens; jede empfindsame Szene der menschlichen Natur, könnte da auf die rührendste Art vorgestellt werden. Die, deren Geschäft es ist, gemeinnützige Einrichtungen zu veranstalten oder doch den Grund dazu zu legen, könnten der gesitteten Welt einen ausnehmenden Dienst erweisen, wenn sie es darauf anlegten, dass man nach und nach eine solche Sammlung von Landschaften bekäme, die ohne Zweifel die vortreflichste Methode an die Hand geben würde, die Menschen über alles, was sie zur Entwicklung der Vernunft und zur Bildung des Gemütes zu wissen und zu empfinden haben, zu unterrichten. Dieses würde ein wahrer Orbis pictus sein, der der Jugend und dem reiferen Alter, alle nützliche Grundbegriffe geben und jede Saite des Gemüts zu ihrem richtigen Ton stimmen könnte.

 Zur äußern Vollkommenheit einer Landschaft, die eigentlich von der Kunst herrührt, wird alles erfordert, was der Geschmack feines und die Kunst schweres hat. Ein großer Landschaftmaler muss bald jedes Talent aller Maler in anderen Arten in sich vereinigen. Der Hr. von Hagedorn führt deswegen dem Landschaftmaler die Beispiele eines Swaneveldts und Lairesse zu Gemüte. Dieser, der einen ansehnlichen Rang unter den Historienmalern behauptet, hat beinahe den wichtigsten Teil seiner Untersuchungen auf die Landschaft angewendet; und dieses kann man auch von Leonh. da Vinci sagen. Vielleicht ist es nicht ganz ohne Nutzen, wenn wir die Hauptpunkte, worauf der Künstler seine Aufmerksamkeit bei der Arbeit zu richten hat, hier anzeigen.

 Vor allen Dingen muss der Maler, wenn er eine Landschaft oder einzelne Gegend angetroffen hat, die ihm einen Charakter zu haben scheint, der sie der Abbildung wert macht, darauf befließen sein, dass er sie von den herumliegenden Dingen gehörig absondere, dass er sie zu einem Ganzen mache, dem nichts fehlet und das durch nichts überflüssiges verunstaltet wird.7 Man trift sehr selten Aussichten oder Gegenden an, wo man nicht in dieser Absicht etwas hinzuzusetzen oder wegzulassen hätte. Zwar geht es sehr selten an, die Landschaft so vollkommen, wie eine Insel von den umliegenden Gegenden abzusondern und dieses ist auch nicht notwendig, wenn nur darin nichts hervorsticht, das man nur halb sieht und das die Aufmerksamkeit von dem vorhandenen auf etwas abzieht, das nicht da ist; denn dieses würde Mangel anzeigen. Vorgründe sind allemal Teile eines größeren Ganzen und doch verlangt das Auge nicht das fehlende zu sehen, weil die Aufmerksamkeit sich nicht darauf verweilt, sondern davon als von einer Nebensach zur Hauptsach eilt. Die Vorstellung des Ganzen zu befördern ist es notwendig, dass in jeder Landschaft eine einzige Hauptstelle sei, auf der die der Vorstellung wesentlichen Dinge, wie in einem Mittelpunkt vereinigt seien: von dem was gegen den Rand des Gemäldes kommt, muss nichts so hervorstechen, dass das Auge dahin gezogen werden könnte. Sollte in der Natur etwas dieser Art da sein, so muss es weggelassen oder durch etwas gleichgültiges bedeckt werden. Landschaften, dergleichen man nicht selten und auch von guten Meistern sieht, die einen weiten Strich Landes vorstellen, worauf alles gleich schön und interessant ist; die deswegen in viel kleine Stücke könnten verschnitten werden, davon jedes so gut eine Landschaft wäre als das Ganze, können nie eine große Wirkung tun.

 Zu der Vollkommenheit des Ganzen trägt nicht wenig bei, dass die ganze Landschaft in Ansehung des Hellen und Dunkeln nur aus zwei Hauptmassen bestehe, davon die eine hell und die andere dunkel sei. Wenn man so weit davon wegtritt, dass man nichts mehr von den Gegenständen erkennt; so müssen die zwei Massen gut in das Auge fallen und so gebaut sein, dass sie keine starke hervorstehende Spizen haben, sondern beide sich der Rundung nähern. Diese Proben halten fast alle Landschaften des Phil. Wowermans aus. Siehet man von weitem mehrere helle und dunkle Stellen, wie Flecken auf dem Gemälde zerstreut und laufen diese Flecken in Spizen aus; so kann die Landschaft auch in der Nähe nicht gefallen.

 Auf das einfallende Licht kommt in diesem Stück fast alles an. Dieselbe Landschaft, die zu einer Stunde des Tages und bei einer gewissen Beschaffenheit des Himmels oder der Luft, völlig matt ist und viele zerstreute Massen sehen lässt, die das Auge nicht zusammenfasst, kann zu einer anderen Stunde vortreflich ins Auge fallen. Es wäre zu wünschen, dass ein geschickter Landschaftmaler eine solche Gegend bei zwanzigerlei Licht und Himmel, aber immer aus demselben Gesichtspunkt entwürfe und flüchtige Zeichnungen, aber mit richtiger Anlage des Kolorits herausgäbe. Eine solche Folge von Blättern würde für angehende Landschaftmaler höchst nützlich sein; denn daraus könnten sie am besten, den großen Einfluss des einfallenden Lichts kennen lernen.

 Was über das besondere der Zeichnung und des ausgeführten Kolorits anzumerken ist, könnte in einer einzigen Regel vorgetragen werden; aber das beste Genie hat das ganze Leben eines Menschen nötig, um alles zu lernen, was diese einzige Regel fordert. In Zeichnung und Farbe, muss alles so natürlich sein, dass das Auge völlig getäuscht wird und nicht eine gemalte, sondern wirkliche Landschaft zu sehen glaubt; man muss Wärme und Kälte, frische, erquikende und schwüle niederdrückende Luft, zu empfinden glauben; man muss den rieselnden Bach oder den rauschenden Strom, nicht nur wirklich zu sehen, son dern auch zu hören glauben; das Harte des steinigten Bodens und das Weiche des Mooses einigermaßen von Ferne fühlen; kurz jeder Gegenstand muss nach Maßgabe seiner Entfernung und Erleuchtung so gezeichnet und gemalt sein, dass nicht nur das Auge ihn erkennt, sondern auch den übrigen Sinne die Versicherung gibt, sie würden ihn so, wie in der Natur empfinden. Dieses ist der höchste Grad der vollkommenen Bearbeitung, den selbst die größten Meister, nicht allemal erreicht haben. Dazu wird außer dem Genie ein ausnehmend fleißiges Studiren erfordert.

 Vor allen zum Studiren gehörigen Dingen, muss der Landschaftmaler die Perspektive so vollkommen, wie der Rechenmeister sein Einmaleins besizen. Es ist höchlich zu bedauern, dass auch gute Künstler, die aus den Landschaften ihr Hauptwerk machen, dieses Studium verabsäumen, ohne welches schlechterdings keine Landschaft vollkommen sein kann. Die wirkliche Zeichnung nach der Natur macht die Kenntnis der Perspektive nicht überflüssig. Es geschieht höchst selten, dass eine Landschaft ganz, ohne dass etwas wegzulassen oder hinzuzusetzen wäre, dem Maler dienen könnte; dazu aber muss er notwendig die Perspektive verstehen und wenn er auch nur einen Baum hinsetzen wollte. Und wäre sein Augenmaß noch so richtig, so wird er im Nachzeichnen der Natur gewiss Fehler be gehen, bald in der Richtung der Linien, bald in der Größe: in diesem Fall aber, wird die Täuschung nie vollkommen sein. Denn obgleich der, welcher die gemalte Landschaft steht, nichts von der Perspektive versteht, ob er gleich die Fehler nicht erkennt, so fühlt er sie; so wie der, welcher nichts von der Harmonie der Töne weiß, empfindet, was ein reiner oder unreiner Ton ist. Die genaue Beobachtung der Perspektive ist so wichtig, dass sie allein beinahe hinreichend ist, die Täuschung zu bewirken. Ich habe perspektivische Zeichnungen gesehen, die durch bloße Umrisse, ohne Licht und Schatten, ohne Farben, mir beinahe die Natur selbst empfinden ließen. Die Verabsäumung dieses so wichtigen Teils der Kunst, wäre izt um so viel weniger zu verzeihen, da man nun, besonders nach dem was Hr. Lambert zu Erleichterung der Perspektive getan hat,8 in wenigen Monaten, die ganze Kunst lernen kann.

 In Ansehung der freien Zeichnung, stehen nicht wenige in dein Vorurteil, dass der Landschaftmaler eben kein Raphael sein dürfe. Aber diese bedenken nicht, was für ein durchdringendes Aug, was für eine Meisterhand erfordert werde, von so unzähligen Gegenständen als die leblose Natur allein darbietet, jedem seine eigentümliche Form und seinen Charakter zu geben; besonders, da dieses eigentümliche meistenteils aus solchen Modificationen der Form besteht, die sich bloß empfinden, aber nie deutlich erkennen lassen. Was gehört nicht dazu, nur jedem Baume den eigentlichen Charakter seiner Art zu geben, dass man ihn auch in der Ferne erkennt? Aber der Landschaftmaler arbeitet selten, ohne sittliche Handlung vorzustellen: je mehr er da von Raphaels Talenten hat, je glücklicher wird er sein. Selten bringt er uns seine Figuren so nahe ans Auge, dass wir den Charakter und die gegenwärtigen Gedanken der Personen in ihren Gesichtern lesen könnten: aber desto schwerer wird es ihm eben dieses durch Stellung und Gebärden anzuzeigen. Nur ein vorzügliches Genie kann dieses erreichen; da hier keine Regel und kein Ausmessen der Verhältnisse statt haben kann: aber das Genie muss durch unermüdetes Studium und tägliche Zeichnung aller Gattung natürlicher Formen, recht ausgebildet werden.

 Von allen Geheimnissen des Kolorits, darf dem Landschaftmaler keines unbekannt sein; weil erst dadurch jeder Teil der Landschaft sein wahres Leben bekommt. Wichtiger ist hier als in allen anderen Gattungen der beste Ton und die vollkommenste Harmonie der Farben. Jede Jahreszeit und selbst jede Tageszeit hat ihren eigenen Ton, der ungemein viel zu der Schönheit des Ganzen beiträgt. Der helle, erquikende Ton, muss im Frühling, der sanfte, duftige, im Herbst studiert werden. Wer sich aber in der Kunst der Har monie prüfen will, der male Frühlingslandschaften; denn in diesen ist sie am schwersten zu erreichen.9

 Des-Piles, dem auch der Hr. von Hagedorn zu folgen scheint, teilt die Landschaft in zwei Gattungen ein, die heroische und die Hirtenstücke; aber es gibt eine Mittelgattung, die zu keiner der vorhergehenden kann gerechnet werden, da sie hauptsächlich Szenen aus dem Geschäfte- treibenden bürgerlichen Leben vorstellt, wie die Seehäfen des Lingelbachs und des Vernets. Man muss sowohl von dem leblosen als dem sittlichen Inhalt der Landschaft, die Bestimmung ihrer Gattung hernehmen. Nach jenem hat man zwei Arten, die gesperrten Landschaften, wie der Hr. von Hagedorn sie nennt und die wir anderswo Gegenden nennen und die offenen Landschaften von freier Aussicht in entfernte Gegenden. In Ansehung der Staffirung oder der aus der thierischen und sittlichen Natur mit der Landschaft verbundenen Szenen, entstehen vielerlei Arten, durch deren nähere Bestimmung die Theorie der Kunst wenig gewinnen würde. Denn was hierüber dem Künstler zu genauerer Überlegung zu empfehlen ist, kann in eine allgemeine Maxime zusammengefasst werden. Was dem leblosen Stoff aus der thierischen und sittlichen Natur eingemischt wird, muss eine natürliche Verbindung damit haben und beides muss sich gegenseitig unterstützen und heben. Eine Wildnis erträgt nicht jeden Gegenstand, der sich in eine angebaute Gegend schickte. Ein Künstler von empfindsamer Seele, den eine Gegend oder ausgebreitete Landschaft gerührt hat, wird leichte die Gattung der ästhetischen Kraft, die vorzüglich in derselben liegt, unterscheiden. Hat er denn eine reiche Einbildungskraft, Kenntnis der Welt und der Menschen, so werden ihm Gegenstände genug einfallen, die das Gemüt mit Kräften derselben Art angreifen. In einer finstern unangenehmen Wildnis, wird er einen menschenscheuhen Fantasten; und in einer angenehmen schönen Wildnis, lieber einen ehrwürdigen Einsiedler wohnen lassen, der die Welt verlassen hat, um der Ruhe zu genießen. Bisweilen liegt in dem leblosen Stoff erstaunliche Kraft die Empfindungen zu verstärken. So wie Haller, da er seine Seele zum höchsten Grad einer finstern Ernsthaftigkeit stimmen will, sich in Gedanken in eine Wildnis versetzt; In Wälder wo kein Licht durch finstre Tannen strahlt, Wo sich in jedem Bild die Nacht des Grabes mahlt; so findet auch im Gegenteil der Maler zu einer fröhlichen oder traurigen Gegend, zu einer fruchtbaren oder dürren Landschaft, einen sittlichen oder leidenschaftlichen Gegenstand, der durch jenes verstärkt wird; wann es ihm nur nicht an dem poetischen Genie fehlet. Und wie der Dichter jedes einzelne Bild, jedes Wort, in den eigentlichen Ton seines Inhalts stimmet, so muss auch der Landschaftmaler, den geringsten Gegenständen den Charakter des Ganzen zu geben wissen. Nic. Pußin und Salvator Rosa können hierin zu Mustern dienen.

 Was sonst hier noch von dem verschiedenen Charakter der Landschaften und der berühmtesten Landschaftmaler zu sagen wäre, hat der Herr von Hagedorn in seinen Betrachtungen über die Malerei, die in aller Liebhaber Händen sind, so vortreflich ausgeführt, dass es unnötig ist, hier dasselbe zu wiederholen.

 

________________

1 In den Art. Baukunst; Künste.

2 Man kann ohne Gottlosigkeit wenigstens von mehtern Völkern mit den Petronius sagen:

   Primos in orbe Deos secit timor. Alle Völker der Erde haben es gefühlt, dass eine höhere Macht über die Natur herrscht. Nun ist es gegen alle historische Wahrscheinlichkeit, dass diese Begriffe sich durch eine unmittelbare Offenbarung auf dem ganzen Erdboden ausgebreitet haben; also sind sie wenigstens bei einigen Völkern ohne Offenbarung vorhanden. Von diesen scheint die Vermutung des Dichters gegründet. Man wird sich nun so viel weniger darüber wundern, wenn man bedenkt, dass dieses das gemeine Schikcksal der größten Wahrheiten ist. Erst entdeckt man sie als schwache Mutmaßungen, durch eine Art des Gefühls; nach und nach werden sie durch aufmerksamers Beobachten bestätiget und zulezt durch tiefere Einsichten derer, die weiter als andere sehen, aus unumstößlichen Grundsätzen erwiesen.

3 S. Art Lied.

4 Der Hr. von Hagedorn in s. Betrachtungen über die Malerei. S. 335.

5 When Heaven and Earth, as if contending, vye To raise his Being, and serene his soul;

Can he forbear to join the general Smile. Of Nature? Can fierce passions vex his Breast While every Gale is Peace, and every Grove Is Melody? – Thomsons spring. vs. 861 f. f.

6 Hr. Aberli ein schweizerischer Landschaftmaler, der in Bern lebt, gibt seit einiger Zeit Landschaften heraus, darin das vornehmste der Zeichnung, zum Teil bloß in flüchtigen Umrissen in Kupfer geätzt, das übrige mit Wasserfarben ausgeführt ist. Ein sehr glücklicher Einfall der die Aufmunterung der Liebhaber und das fernere Nachdenken des Künstlers vorzüglich verdient.

7 S. Ganz. Th. S. 420 .

8 S. Perspektive.

9 S. Ton, Luftperspektive.

 


 © textlog.de 2004 • 17.08.2019 23:32:41 •
Seite zuletzt aktualisiert: 23.10.2004 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright  A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  Z