Ein Hund ist der Vernunft fähig


Chrysipp urteilt zwar in allen übrigen Stücken so verächtlich von dem Zustande der Tiere, als irgend ein Philosoph. Allein wenn er das Bezeigen eines Hundes betrachtet, der an einem Scheidewege, wenn er drei Wege vor sich sieht, und entweder seinen verlorenen Herrn sucht, oder einem Tiere, das vor ihm flieht, nachsetzt, einen Weg nach dem anderen durchspürt, endlich aber, wenn er auf zweien keine Witterung von dem gesuchten gefunden hat, ohne Anstand den dritten läuft; so muß er gezwungen bekennen (a), dass ein solcher Hund folgenden Schluß macht: Ich bin der Spur meines Herrn bis auf diesen Scheideweg nachgegangen, er muß notwendig einen von diesen dreien Wegen gegangen sein: er ist aber weder diesen noch jenen gegangen; er muß also unfehlbar den dritten gegangen sein. Auf diesen Schluß und diese Vorstellung verläßt sich der Hund, und bedient sich auf dem dritten Wege der Nase nicht mehr, spürt ihm auch nicht weiter nach, sondern läßt sich die Stärke der Vernunft denselben führen. Ist es nicht einerlei, ob der Hund dieses vollkommen dialektische Verfahren, und diesen Gebrauch der getrennten und verbundenen Sätze, und der vollständigen Herzählung der Teile, vor sich weiß, oder ob er alles dieses von dem Trapezuntius (b) gelernt hätte?

 

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(a) Sextus Empiricus. Pyrrh. Hypot. L. I. C. 14. p. 15.

(b) Georg von Trapezunt war einer von den Gelehrten, die, als sie im funfzehenden Jahrhundert Griechenland zu verlassen gezwungen waren, nach Italien flüchteten, und in den Abendländern die schönen Wissenschaften wieder empor brachten. Eugen IV. beehrete ihn mit der Aufsicht über ein Collegium zu Rom.


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