Ein Mädchen von sehr zweideutiger Tugend stürtzt sich zu einem Fenster hinaus, um nicht von einem Soldaten genotzüchtigt zu werden


Während der Unordnungen unseres armen Staats, hat sich, wie man mir erzählt, ein Mädchen nahe bei dem Orte, wo ich war, aus dem Fenster herab gestürzt, um der Gewalt eines Soldaten, der bei ihr einquartiert war, zu entgehen. Sie hatte sich nicht zu Tode gefallen, wollte sich aber, um ihre Unternehmung zu verdoppeln, ein Messer in die Kehle stossen, wurde aber daran verhindert. Unterdessen bekannte sie doch selber, nachdem sie sich dadurch sehr beschädiget hatte, dass der Soldat mit nichts als mit Anhalten, Bitten und Geschenken in sie gesetzet hätte, allein sie hätte besorgt, er möchte endlich mit Gewalt kommen. Ihre Worte, ihre Gebärden, und das zum Zeugnisse ihrer Tugend vergossene Blut machten sie also zu einer andern Lucretia. Gleichwohl weiß ich gewiß, dass sie so wohl vorher als hernach nicht so gar ehrenfest gewesen ist. Es verhält sich hier, wie man in dem Sprichworte sagt: Du magst noch so schön und ehrbar sein, du darfst nicht gleich schliessen, wenn der Anschlag mißlingt, dass deine Liebste eine unverletzliche Keuschheit besitzt. Vielleicht kann einmal ein Mauleseltreiber sein Glück bei ihr machen.


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