Antwort auf den wider Raymond v. Sebonde Buch gemachten Einwurf, dass seine Beweise so schwach wären


Einige sagen, seine Beweisgründe wären schwach, und nicht im Stande dasjenige zu beweisen, was sie beweisen sollen, und rühmen sich, dass sie dieselben leicht über den Haufen werfen wollten. Diesen muß man ein wenig besser zu Leibe gehen: denn, sie sind gefährlicher und boshafter als die ersten. Man bedient sich gerne anderer Leute Worte zur Bestärkung seiner eigenen vorgefaßten Meinungen. Einem Gottesläugner scheinen alle Schriften auf die Gottesläugnung abzuzielen. Er steckt die unschuldigste Materie mit seinem eigenen Gifte an. Diese Leute können wegen ihrer Vorurteile an des Sebonde Gründen keinen Geschmack finden. Übrigens glauben sie, man gäbe ihnen gewonnen Spiel, wenn man ihnen die Freiheit verstattet, unsere Religion mit bloß menschlichen Waffen anzugreifen, welche sie sich in ihrer vollkommen ansehnlichen und gebieterischen Majestät nicht anzutasten getrauen. Das Mittel, welches ich diese Raserei zu dämpfen ergreife, und welches ich für das bequemste halte, ist dieses, dass ich den Hochmut und die menschliche Verwegenheit zerschmettere und unter die Füsse trete; dass ich ihnen die Nichtigkeit, die Eitelkeit, und Geringschätzigkeit des Menschen zeige; dass ich ihnen die elenden Waffen ihrer Vernunft aus den Händen reisse, dass ich sie zwinge, sich vor der göttlichen Majestät gehorsam und ehrerbietig zu bücken, und zu Boden zu werfen. Dieser ist ganz allein alle Wissenschaft und Weisheit eigen: diese ganz allein kann sich selbst hochschätzen; und wir entziehen ihr, was wir uns beimessen, und uns herausnehmen (a), Ou gar en phroneein ho Theos mega allon ê heauton. Laßt uns diese Einbildung, welche der erste Grund der Tyrannei des bösen Geistes ist, niederschlagen (b). Gott widersteht den Hoffärtigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. Die Götter, sagt Plato (c), besitzen völligen Verstand, die Menschen aber gar keinen, oder sehr wenig. Inzwischen ist es doch ein großer Trost für einen Christen, wenn er sieht, dass sich unsere sterbliche und vergängliche Werkzeuge so schön zum Dienste unseres heiligen und göttlichen Glaubens schicken, dass sie nicht einmal mit mehr vereinter und größerer Kraft wirken, wenn man sie bei Dingen gebraucht, die ihrer Natur nach sterblich und vergänglich sind. Laßt uns also sehen, ob der Mensch stärkere Gründe in seiner Gewalt hat, als des Sebonde Gründe sind; ja, ob er durch Gründe und Vernunftschlüsse zu einiger Gewißheit gelangen kann. Der heilige Augustin (d) nimmt, wenn er wider diese Leute schreibt, Gelegenheit ihnen ihre Unbilligkeit zu verweisen, dass sie diejenigen Stücke unsers Glaubens, welche unsere Vernunft nicht erweisen kann, für falsch halten. Er zeigt ihnen, dass viele Dinge sein können, und gewesen sind, deren Natur und Ursachen unsere Vernunft nicht ergründen kann; und stellt ihnen gewisse bekannte und ungezweifelte Erfahrungen vor, welche die Menschen ihrem eigenen Geständnisse nach nicht einsehen. Er hat dabei, so wie bei allen andern Gelegenheiten, eine sorgfältige und sinnreiche Wahl beobachtet. Allein man muß noch mehr tun, und ihnen zeigen, dass man sich, um ihre Vernunft der Schwäche zu überführen, nicht erst lange nach seltenen Beispielen umsehen darf. Man muß ihnen zeigen, dass sie so mangelhaft und so blind ist, dass ihr auch das klarste nicht klar genug ist; dass das leichte und das schwere für sie eines wie das andere ist; dass alle Gegenstände ohne Unterscheid, so wie die Natur überhaupt, ihre Herrschaft und Vermittelung nicht erkennen. Was befiehlt uns die Wahrheit, wenn sie uns (e) die weltliche Philosophie zu fliehen befiehlt; wenn sie uns so oft einschärft (f), dass unsere Weisheit für Gott nichts als Torheit ist; dass der Mensch unter allen eiteln Dingen das allereitelste ist; dass der Mensch, der sich etwas auf sein Wissen einbildet, noch nicht einmal weiß, was Wissen ist; und dass der Mensch, der nichts ist, sich selbst betrügt und sich selbst verführt, wenn er sich etwas zu sein einbildet? Diese Aussprüche des heiligen Geistes drücken das, was ich behaupte, so klar und lebhaft aus, dass ich gar keines andern Beweises benötigt wäre, wenn ich mit Leuten zu tun hätte, die sich ihm mit aller Demut und allem Gehorsam unterwerfen wollten.

 

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(a) Denn Gott will nicht, dass ein anderer, als er, wahrhaftig weise sein soll. Diese Stelle ist aus dem Herodot, und aus Artabans Rede an den Xerxes genommen. L. VII. C. 10. n. 5. nach Gronovs Ausgabe. Diese Stelle ist in allen Ausgaben des Montaigne, als ein Vers gedruckt worden.

(b) I Petr. V, v. 5.

(c) In Timaeo p. 51. E. Tom. III. Hier sind seine eigene Worte: kai tou men panta andra mete chein phateon, Nou de, Theous, Anthrôpôn de genos, brachy ti. Diese Stelle, hat mir Herr Barbeyrac, eben so wie die vorhergehende, angezeigt.

(d) De Ciuitate Dei L. XXI. C. 5.

(e) Coloss. II, 8.

(f) I Corinth. III, 19.


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