Worauf sich die Unbeständigkeit unserer Neigungen gründet


Gemeiniglich gehen wir unsern Neigungen nach links, rechts, Berg auf, Berg unter, nach dem uns der Wind der Gelegenheiten führt. Wir denken nicht eher an das was wir wollen, als in dem Augenblicke, da wir es wollen; und verändern uns wie jenes Tier, das die Farbe des Ortes annimmt, an welchen man es bringt. Wir ändern den einmal gefaßten Vorsatz gar bald und kehren bald wieder um. Es ist nichts als Wanken und Unbestand:  

 

Ducimur vt neruis alienis mobile lignum. (a)

 

Wir gehen nicht, sondern werden fortgerissen, wie schwimmende Körper, bald still, bald heftig, nachdem das Wasser reissend oder still ist.

 

Nonne videmus,

Quid sibi quisque velit nescire, & quaerere semper,

Commutare locum quasi onus deponere possit? (b)

 

Alle Tage haben wir einen neuen Einfall, und unsere Neigungen ändern sich beständig mit der Zeit.

 

Tales sunt hominum mentes, quali pater ipse

Juppiter auctifero lustrauit lumine terras. (c)

 

Wir schweben zwischen verschiedenen Meinungen. Wir wollen nichts frei, nichts unbedingt, nichts beständig (d). Wenn sich jemand gewisse Gesetze und eine gewisse Ordnung in seinem Kopfe vorgeschrieben und festgesetzt hätte: so würden wir überall in seinem ganzen Leben eine Gleichheit der Sitten, eine Ordnung, und eine unbetrügliche Verbindung der Dinge bei ihm hervor leuchten sehen. Empedokles bemerkte diese Ungleichheit an den Agrigentinern, (e) welche den Ergötzlichkeiten nachhingen, als wenn sie den andern Tag sterben sollten, und so bauten, als wenn sie niemals sterben würden. Man würde gar leicht davon urteilen können, wie man an dem jungen Cato sieht. Eine Saite klingt wie die andere. Es ist eine beständige Harmonie sehr zusammen stimmender Töne. Hingegen, so viele Handlungen wir tun, so viel besondere Urteile fällen wir auch. Das sicherste nach meiner Meinung wäre, daß man dabei auf die nächsten Umstände sähe, ohne sich in eine weitläuftigere Untersuchung ein zu lassen, und ohne weitere Folgen daraus zu ziehen.  

 

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(a) Man dreht uns wie einen Kreisel herum. Horat. L. II. Sat 7. v. 82.

(b) Sehen wir nicht, dass der Mensch nicht weiß, was er will, und es doch ohne Aufhören sucht, dass er von einem Orte zum andern geht, als wenn er daselbst seine Last ablegen könnte. Lucret. L. III. v. 1070. seqq.

(c) Wie der Tag ist, so sind auch der Menschen Gemüter. Cic. Fragm. Poematum T. X. pag. 429. Edit. Gronou.

(d) Fluctuamus inter varia consilia; nihil libere volumus, nihil absolute, nihil semper. Seneca Epist. 52.

(e) Diogenes Laertius in vita Empedoclis L. VIII. Segm. 63. Aelianus schreibt diese Worte dem Plato zu. Var. Hist. L. XII. c. 29.


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